Wirtschaft

„Wenn schließen, dann auch zahlen“

30.10.2020 • 11:23 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
CORONAVIRUS: WIEN - WIEDEREROeFFNUNG GASTRONOMIE
CORONAVIRUS: WIEN – WIEDEREROeFFNUNG GASTRONOMIE APA/GEORG HOCHMUTH

Müssen sie schließen, fordern sie deutsches Entschädigungsmodell.

Die Nervosität steigt. Auf welche Maßnahmen müssen sich Österreichs Betriebe einstellen? Endgültige Klarheit dürfte es erst am Samstag geben. Besonders angespannt ist man in der Gastronomie, denn sollte es hierzulande zu einem „Lockdown light“ nach deutschem Vorbild kommen, würde das bedeuten, dass die Gaststätten für vier Wochen schließen müssen und nur noch ein Liefer- oder Abholgeschäft aufrechterhalten werden kann, was abermals mit enormen Umsatzeinbußen verbunden wäre.

Branchenobmann Mario Pulker lehnt weitere Verschärfungen naturgemäß ab, sagt mit Blick auf die Nachbarländer aber, dass ein zweiter Quasi-Lockdown wohl nicht auszuschließen sei. Sollte es dazu kommen, bräuchten die Gastronomiebetriebe „sofort echtes Geld“ als Unterstützung. Auch Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer, der sich heute wie die anderen Sozialpartner mit der Regierungsspitze besprechen wird, betont: Werde in Österreich ein Quasi-Lockdown wie in Deutschland umgesetzt, sei umgehend unbürokratisch „maximale Entschädigung“ notwendig. Insgesamt appelliert er an die Regierung, dass es um die „richtige Balance aus gesundheitlicher Verantwortung und wirtschaftlicher Vernunft“ gehe.

Bis zu 10 Milliarden Hilfen in Deutschland

Die deutsche Bundesregierung hat für die von den neuen Einschränkungen betroffenen Unternehmen rasche und massive Hilfen versprochen. Konkret sollen Solo-Selbstständige und Betriebe mit bis zu 50 Mitarbeitern ihre Umsatzausfälle im Umfang von 75 Prozent des Umsatzes aus dem November 2019 ersetzt bekommen. Bei größeren Unternehmen sei es etwas weniger, so der deutsche Finanzminister Olaf Scholz. Diese Hilfen – die Rede ist von 10 Milliarden Euro – sollen „unmittelbar und unbürokratisch“ fließen.

„Wir sind längst betroffen“

Sollte es auch in Österreich zu ähnlichen weiteren Verschärfungen kommen, bräuchten die Gastronomen sofort echtes Geld, sagt ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer. Denn ihre Kassen seien nach der coronabedingten Durststrecke leer. Schon jetzt gebe es in Österreich einen „Lockdown light“. „Wir sind längst betroffen“, sagt auch Branchenvertreter Johann Spreitzhofer, selbst Hotelier und Wirt. Der Ausfall von sämtlichen Feiern und Vereinstreffen mache sich in der Gastronomie stark bemerkbar, die Reise-Zurückhaltung indes in der Hotellerie.

„Zahlen wie in Deutschland“

„Wenn, dann bitte auch zahlen wie in Deutschland. Müssen wir schließen, brauchen wir unbedingt das einfach nachzuvollziehende deutsche Entschädigungsmodell“, plädiert Spreitzhofer: „Bitte keine komplizierten Rechnungsmodelle, wo das Geld nicht rechtzeitig ankommt und das meiste von der Bürokratie verschluckt wird.“

Mit steigender Unsicherheit bekommt aber in der Tourismusbranche die „Retten, was zu retten ist“-Theorie mehr Zuspruch: „Wenn es hilft, den restlichen Winter zu retten, dann opfern wir lieber die Nebensaison im November“, sagt Spreitzhofer. Der Haken: Ob es hilft, sieht man erst im Nachhinein.

Hohe Abgänge am Berg

Der deutsche Lockdown ist ein schwerer Schlag für den heimischen Tourismus, vor allem im Westen. Nachdem die Hotels in den Städten bereits am Boden seien, trifft es jetzt Wintersportorte. Für viele Hoteliers heißt das: Einerseits wird bis in den Februar hinein storniert, andererseits fehlen neue Buchungen. Touristiker beklagen eine „ganz schwere Situation“, die Hoffnung auf deutsche Gäste zu Weihnachten schwindet. Und auch den Seilbahnen wird das Fehlen ausländischer Gäste hohe Abgänge bescheren.


Die Konjunktur leidet schwer unter neuen Lockdowns. Auch wenn diese weniger hart ausfallen als im Frühjahr. Damals kosteten die Totalsperren 25 Prozent der Wirtschaftstätigkeit, diesmal würden es, schätzt IHS-Chef Martin Kocher, wohl um die zehn Prozent sein. Käme es zu keinen Einschränkungen, explodierten die Infektionszahlen – und auch das habe negative Folgen: „Es ist eine Lose-lose-Situation“, so Ökonom Kocher.