Wirtschaft

Wie rasch erholt sich die Weltwirtschaft?

26.09.2020 • 11:13 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Josef Obergantschnig
Josef Obergantschnig © Ethico

Obergantschnig in „Logbuch eines Börsianers“ über Börsengeschehen.

Josef Obergantschnig ist Präsident des Wirtschaftsethikklubs Ethico und allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Bank- und Börsenwesen. In seinem „Logbuch eines Börsianers“ schildert der erfahrene Kapitalmarktexperte für die „Kleine Zeitung“ seine persönlichen Eindrücke und Erlebnisse in diesem – auch auf dem Börsenparkett – ereignisreichen Zeiten und zieht jeweils eine Wochenbilanz.

Samstag, 26. September: V, U, W oder doch ein L?

Die Corona-Pandemie hat uns wieder fest in ihren Krallen. Mit steigenden Covid-19 Zahlen werden auch die Maßnahmen der Regierungen wieder restriktiver. Deutschland erklärte nach Wien zuletzt auch Innsbruck und Vorarlberg zum Risikogebiet.

Mit dem Schulbetrieb ist gerade für uns wieder ein Stückchen Normalität in den Alltag eingekehrt. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber irgendwie fühlt es sich komisch an, mitten in einem Krisengebiet zu wohnen. Die Unsicherheit ist wieder zurückgekehrt und damit sinkt auch die Lust, zu konsumieren. Die größte Volkswirtschaft der Welt ist nach wie vor die USA. Nahezu jeder vierte Euro des Welt-BIPs stammt aus Übersee. Dahinter folgt China (noch) mit einem Anteil von 16,3 Prozent. Der Konsument ist dabei eine tragende Säule. In den USA sind 67,9 Prozent an der Gesamtwirtschaftsleistung auf die Konsumausgaben zurückzuführen. Im exportlastigen China sind es immerhin noch 38,5 Prozent. Gerade von dieser Säule der Weltwirtschaft ist in den nächsten Monaten relativ wenig Unterstützung zu erwarten. Das gesamte Umfeld, die damit verbundene hohe Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit sowie der zu erwartende Anstieg an Unternehmensinsolvenzen wirken mit Sicherheit nicht konsumanregend.

Wie rasch erholt sich die Weltwirtschaft? Die Aktienindizes der G-7 Länder haben auf Monatssicht zwar etwas mehr als sechs Prozent verloren, liegen seit Jahresbeginn aber nur leicht im negativen Terrain. Das impliziert eine „V“-Erholung, also einem starken Wirtschaftseinbruch und einer raschen Erholung innerhalb eines Jahres. Bei einer aktuellen und globalen Umfrage unter Vorstandsvorsitzenden (CEOs) gehen aber nur mehr elf Prozent der Befragten von diesem Szenario aus. Das wahrscheinlichste Szenario ist demnach eine „U“-förmige Erholung, also ein starker Einbruch und ein Erholungszeitraum von zwei Jahren. Rund ein Drittel geht vom ungünstigsten Szenario aus. In einer „L“-Bewegung haben wir einen starken Einbruch mit einer Erholungsphase, die viele Jahre andauern würde. Der verbleibende Rest prognostiziert ein „W“-Szenario. Hier würde uns nach einer raschen Erholung ein neuerlicher Einbruch bevorstehen. Ganz so optimistisch wie die Börse scheinen es die Unternehmenslenker also nicht zu sehen.

Larry Fink ist Chef von BlackRock, dem größten Asset-Manager der Welt. Fink geht davon aus, dass es in seiner Firma nie wieder eine 100-prozentige „Präsenzpflicht“ geben wird und maximal zwei Drittel der Mitarbeiter langfristig wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren. Es werden bereits Experimente mit Virtual-Reality-Headseats durchgeführt, welche den Bankern den Eindruck vermittelt, wie früher direkt im Handelsraum zu sitzen. 2020 ist irgendwie anders! Daran werden wir uns gewöhnen (müssen).

Samstag, 19. September: Spreu wird sich vom Weizen trennen

Mit dieser Woche kehrt ein Stückchen Normalität in unser Leben zurück. Damit geht es uns wahrscheinlich so wie vielen anderen Eltern schulpflichtiger Kinder. Auch wenn der Schulbetrieb nicht mehr mit jenem vor Ausbruch der Covid-19-Pandemie vergleichbar ist, verläuft unser Leben wieder in geordneten Bahnen. Für einen Börsianer, wie mich, sorgen die Notenbanken für Kontinuität. Als ich meinen morgendlichen Espresso trinke, kommt mir Jerome Powell in den Sinn. Der Fed-Präsident signalisierte, dass die Nullzinspolitik zumindest bis 2023 beibehalten und Aktien und Anleihen weiterhin im großen Stil aufgekauft werden sollen. Auch die EZB verfolgt einen expansiven Kurs. Anfang Juni wurde das im März beschlossene Kaufprogramm (PEEP) um 600 Milliarden auf 1,35 Billionen Euro nahezu verdoppelt. Mittlerweile hält die EZB bereits Aktien- und Anleihenbestände von 3353 Milliarden Euro. Im März 2015 waren es vergleichsweise bescheidene 115 Milliarden.

Die Notenbanken befeuern damit die Finanzmärkte und sorgen dadurch für einen Käuferüberhang und steigende Kurse. Aber ist das alles nachhaltig? Was passiert, wenn die Liquiditätsschwemme versiegt oder die Marktteilnehmer das Vertrauen verlieren? Für mich haben sich die Finanzmärkte von der Realwirtschaft damit entkoppelt. Unter einer freien Marktwirtschaft stelle ich mir wahrlich etwas anderes vor.

Der Bankensektor steht vor einem Umbruch. Sinkende Margen, regulatorische Anforderungen und Fintechs bringen alteingesessene Institute schwer unter Druck. In der Schweiz verdichten sich die Gerüchte um eine Fusion der beiden Großbanken UBS und Credit Suisse. Die Bilanzsumme der Banken beträgt 1,7 Billionen oder rund den 2,5-fachen Wert der Schweizer Wirtschaftsleistung. Die beiden Häuser repräsentieren einen Börsenwert von rund 58 Milliarden Euro. Im internationalen Vergleich ist das immer noch gering. Angeführt wird das Ranking von J.P. Morgan mit 259 Milliarden Euro. Dahinter folgen die International Commericial Bank of China (217 Milliarden) und die Bank of America (186 Milliarden) auf den Plätzen zwei und drei. Der Börsenwert des einstigen Börsenprimus Deutsche Bank fällt mit 16 Milliarden Euro vergleichsweise bescheiden aus.

Europas Finanzinstitute haben in den letzten Jahren deutlich an Boden verloren. Es ist zu befürchten, dass sich der Druck auf die Banken durch Kreditausfälle weiter erhöhen wird. In den nächsten Jahren wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Tradition und eine lange Unternehmensgeschichte alleine werden nicht ausreichen, um auch in Zukunft konkurrenzfähig zu bleiben.

Samstag, 12. September: „Hin und her macht Taschen leer!“

Im September endet das Dolce Vita. Mit dem Schulbeginn ist es für viele von uns mit der Zeit der Muße vorbei. Für mich selbst war der Sommer eine Zeit des Abschiednehmens, des Loslassens und der Neuausrichtung. Es tat gut, nach dem kräfteraubenden Wochen rund um den Corona-Shutdown die Batterien wieder aufzuladen. Nach ein paar ruhigen Wochen wird es Zeit für ein Comeback des Börsianers.

Kennen Sie die alte Börsenweisheit: „Sell in may and go away, but remeber to come back in september“? Auch wenn es sich in der Vergangenheit oftmals als richtig herausgestellt haben sollte, reiben sich 2020 abwesende Investoren bei einem Blick auf die Kurse vermutlich verwundert die Augen. Der amerikanische S&P 500 konnte seinen Wert in den Monaten um 15 Prozent steigern. Wir erlebten den stärksten Augst seit 1986. Und das trotz der einbrechenden Unternehmensgewinne, der nach wie vor hohen Arbeitslosigkeit oder dem anstehenden Brexit. Gekauft wird nicht der Status quo – sondern 2021. Und wenn man deren Einschätzung glauben darf, können wir uns auf eine prosperierende Wirtschaft freuen.

Anfang September verkehrte sich das Bild etwas. Der S&P 500 verlor innerhalb weniger Tag sieben Prozent an Wert. Bei konsequenter Umsetzung der Börsenweisheit hätte man nicht nur 15 Prozent Gewinne „verloren“, sondern hätte gleich nach Wiedereinstieg herbe Verluste hinnehmen müssen. Blenden wir in den März zurück, wo die Kurse am Boden lagen und die Kurse in noch historisch einzigartiger Geschwindigkeit einbrachen. Beherzigt man die Börsenweisheit, „never catch a falling knife“, hätte man die atemberaubenden Kursgewinne der letzten Monate schlichtweg versäumt. Im Falle des ehemaligen DAX-Konzern Wirecard, der die Schlagzeilen in den Sommermonaten füllte, war es aber die richtige Entscheidung.

Komplett konträr lautet eine Empfehlung, die von Baron de Rothschild stammen soll: „Kaufe, wenn das Blut in den Straßen fließt.“ Mit einer konsequenten Umsetzung dieser Empfehlung wäre man 2020 reich geworden. Ausgenommen natürlich mit Wirecard. Bereits als junger Börsianer musste ich schmerzhaft erkennen, dass die These, „kaufe billig und verkaufe teuer“, gut klingt, aber schwer umsetzbar ist. Die essenzielle und meist nur rückblickend zu beantwortende Frage lautet: Was ist billig und was ist teuer? Meiner Erfahrung nach ist es erfolgversprechender, das Portfolio langfristig auszurichten anstatt dem kurzfristigen Erfolg hinterherzuhecheln. Denn eine Börsenweisheit stimmt mit Sicherheit: „Hin und her macht Taschen leer!“