Wirtschaft

„Es ist Zeit, die Grenze nach Italien zu öffnen“

01.06.2020 • 17:13 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Andrea Illy, Konzernchef von illycaffé in Triest
Andrea Illy, Konzernchef von illycaffé in Triest (c) Stefano Guindani

Konzernchef von illycaffé in Triest sieht Italien von „Quadrupelkrise“ bedroht.

Seit über zwei Monaten leiden wir mit den Menschen in Italien. Wie ist die Situation?
ANDREA ILLY: Die Lage ist jetzt unter Kontrolle. Die Ansteckungen sinken dank der Maßnahmen, effektiveren Behandlungsmethoden und weil viele Menschen die Krankheit mit geringen Folgen überstanden haben und nun immun sind. Außerdem hilft das Wetter, da das Virus bei heißen Temperaturen inaktiv ist. Wir verlassen die Krise.

Mehr als 33.000 Todesopfer in Italien, wie konnte das kommen?
Von außen übersehen viele, dass sich das größte Problem auf eine von 20 Regionen konzentriert, die Lombardei. Die hatte wirklich Pech, denn Patient Zero tauchte in einem Krankenhaus auf. Die Maßnahmen waren reaktiv für die Lombardei, aber vorbeugend für alle anderen Regionen. Auch die Lombardei, auf die ein Drittel aller Infektionen fiel, entwickelt sich gut. Zum Peak am 20. März gab es 6500 Neuinfektionen am Tag, nun nur noch 300.

Wie haben die Bilder der Spitäler, der Kolonnen mit Särgen das Denken der Italiener verändert?
Alle Länder erleben eine surreale Situation. Die italienische Bevölkerung reagierte sehr diszipliniert, geduldig und mit großer Solidarität. Der Lockdown war extrem scharf. Die größte Sorge aller ist die Wirtschaft.

„Italien doht Quadrupelkrise“

Wie schätzen Sie die Folgen für Italiens Wirtschaft ein?
Italiens Wirtschaft war schon vorher schwach, bei 135 Prozent Staatsschulden gemessen am BIP seit fünf Jahren. Die steigen jetzt auf 169 Prozent, die Wirtschaftsleistung sinkt um zehn Prozent und Arbeitslosigkeit steigt. Viele kleine Firmen werden sich nicht erholen. Italien droht eine Quadrupelkrise: Zur Klimakrise kann die Gesundheitskrise eine Finanz- und Wirtschaftskrise sowie politische Krise triggern. Wir stehen auch am Rand einer Sozialkrise.

Wie dringend ist Europas Hilfe für Italien, das von 750 Milliarden Euro 173 Milliarden erhalten soll?
Es ist ein positives Projekt, das verhandelt werden muss. Es ist das Ergebnis eines klaren Konzepts, dass Italien „too big to fail“ ist und immer noch die Kapazität für ein starkes Comeback hat, wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Der einzige Weg aus der Krise sind Investitionen in Infrastruktur – mindestens 100 Milliarden Euro in Mobilität, Digitalisierung, grüne Investments sowie Kultur für Tourismus. Die Genehmigung der EU-Hilfen muss rasch gehen. Wir brauchen auch privates Investment. So können wir mit zwei Prozent Wachstum die Schulden in fünf Jahren auf den Stand von vorher senken.

„Italien braucht Reformen, Reformen“

Verstehen Sie, dass Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz EU-Schulden ablehnt und für Kredite Auflagen für Italien verlangt?
Ja. Ich kenne ihn persönlich gut und er hat mit Antonella Mei-Pochtler eine sehr gute italienische Beraterin. Er kennt Italiens Probleme. Italien braucht Reformen, Reformen. In der Geschichte der Italienischen Republik, die seit 74 Jahren besteht, hatte Italien 66 Regierungen. Wenn es alle 18 Monate eine neue Regierung gibt, hat keine die Zeit, Reformen zu starten. Daher muss das Geld aus dem European Recovery Fonds verbunden sein mit Auflagen für Italien für Reformen für mehr Effizienz, Tempo, Berechenbarkeit und Steuerkontrolle.

Wie startet Italiens Tourismus?
Die Besucher lieben Italien für seine Kultur, das Essen, die Natur, Mode und Gastlichkeit. Sobald wir zeigen können, dass die sanitären Maßnahmen sicherer sind als sonst überall, wird der Tourismus zurückkommen.

„Grenzregionen haben beste Performance“

Soll Österreich früher die Grenze zu Italien öffnen?
Ja. Es ist Zeit, die Grenze zu öffnen. Italien ist nicht mehr schlimmer als andere Länder. Die Lombardei wird zu beobachten sein und innerhalb Italiens isoliert sein. Trentino-Südtirol, Veneto und Friaul an der Grenze zu Österreich haben Italiens beste Performance. Von zusammen 26.000 Infektionen sind nur noch 3000 Infektionen akut. Österreich hatte 16.000. Ja, Sie können die Grenzen öffnen, sonst tragen Sie zu einem schlimmeren politischen und sozialen Schaden bei.

Wie wurde der Kaffeemarkt, wie wurde illycaffé getroffen?
Die Leute trinken Kaffee wie immer, er ist gut für Gesundheit und den Geist. Nun trinken sie ihn zuhause. Wir arbeiten in 184 Ländern und fast überall wurde wegen Corona geschlossen. Wir werden einen Teil des Wachstums des Vorjahrs verlieren und heuer sicher nicht wachsen. Wir konnten mit E-Commerce viel kompensieren und stärken uns im Lebensmittelsegment, in der Gastronomie und im Home-Service. Mittelfristig werden wir besser sein und auch mehr investieren.

„Welt geht in Richtung Nachhaltigkeit“

Wie ist Ihr Ausblick global?
Das Coronavirus hat dieselben Ursachen wie der Klimawandel – menschliche Eingriffe in die Ökosysteme. Die Welt wird in Richtung Nachhaltigkeit gehen. Die Pariser Klimaziele bieten zugleich gigantische wirtschaftliche Chancen. Wenn wir in den nächsten Jahren 100 Milliarden Euro in grüne Ökonomie investieren, werden wir für Gesellschaft und Umwelt viel ernten. Ich hoffe, dass sich auch die globale Governance verbessern wird. Denn die Pandemie ist auch Versagen dieser. Obwohl absehbar war, dass eine Pandemie einmal kommen wird, gab es keine Riskivorsorgen. Es wird große Investitionen in die sanitäre Prävention geben. Krisen sind auch Chancen. Das ist ein Grund für meinen Optimismus. Ich bin jetzt optimistischer als vor einem Monat, dass eine Kettenreaktion wie im vorigen Jahrhundert mit der Spanischen Grippe, der Weltwirtschaftskrise und den zwei Weltkriegen sich nicht wiederholt. Wir sind beim Exit aus der Coronakrise in einer für die Katastrophentheorie typischen instabilen Balance. Ein kleiner externer Anstoß kann das System in die Katastrophe kippen lassen, oder in Richtung Erholung und Rettung. Wir haben eine 50:50-Chance.

Zur Person

Andrea Illy ist Oberhaupt der Familiendynastie des 1933 begründeten globalen Unternehmens illycaffè in Triest. Der Konzern mit rund 1000 Mitarbeitern und 400 Millionen Euro Umsatz versteht sich als weltweiter Marktführer für hochqualitativen Kaffee aus nachhaltiger Bewirtschaftung in Partnerschaft mit Farmern in Afrika, Mittel- und Südamerika.