International

Saudi Arabiens Vision von besseren Welt

12.09.2021 • 15:31 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Besuch in der Ruinenstadt Al-Ula: Außenminister Alexander Schallenberg mit seinem Amtskollegen Prinz Faisal bin Farhan Al Saud (2.v.r.)
Besuch in der Ruinenstadt Al-Ula: Außenminister Alexander Schallenberg mit seinem Amtskollegen Prinz Faisal bin Farhan Al Saud (2.v.r.) BMEIA/Gruber

Land habe sich stark verändert, so Außenminister Schallenberg.

2030 – das ist in Saudi Arabien nicht nur eine Jahreszahl, sondern eine Vision. Die vom Königshaus geplante „Vision 2030“ soll einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbruch bringen. Und das ziemlich rasch. Denn unter Kronprinz Mohammed bin Salman wendet sich das Königreich zunehmend von der Religion ab, verdrängt diese aus dem öffentlichen Bereich und entzieht der Scharia durch Kodifizierung des Rechts zunehmend den Spielraum.

Frauen wurden mehr Rechte zugebilligt, auch eine Frauenquote von 30 Prozent in Unternehmen wurde eingeführt. Ziel sei ein Verhältnis 50:50. Im Straßenbild der Hauptstadt sieht man zwar trotzdem meist noch Kopftuch und schwarze Abaya (langes Kleid), doch je jünger die Trägerinnen, desto lockerer werden die Regeln gesehen. Das Kopftuch rutscht weiter nach hinten, oder verschwindet selten aber doch ganz. Seit 2018 dürfen Frauen im Land Autofahren. Ein Fahrzeug mit einer Fahrerin am Steuer ist heute keine Rarität oder ein Grund zur Empörung mehr. Die früher allgegenwärtige Religionspolizei ist zumindest in ihrer offensichtlichen Präsenz aus dem Straßenbild verschwunden. Frauen dürfen sich scheiden lassen und sind der männlichen Dominanz und Gewalt auch von der Rechtsprechung her nicht mehr schutzlos ausgeliefert.

Sichtbarer Wandel

Beim Besuch des Königreichs wies Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) auch auf den sichtbaren Wandel hin. „Ich war das letzte Mal 2015 hier. Ich hätte das Land kaum wiedererkannt“, betont Schallenberg nach einem Treffen mit dem Saudischen Außenminister Faisal bin Farhan al-Saud in Riad. Sicherheitspolitische Entwicklungen in der Region und Wirtschaftsfragen sind am Sonntag jedoch im Mittelpunkt von den Gesprächen gestanden. Die Sorge, dass durch die Machtübernahme der radikal-islamistischen Taliban in Afghanistan wieder fundamentalistische Tendenzen und auch Terrorismus einsickern, teilten beide Außenminister. Schallenberg warb bei den Treffen auch für eine Wiederbelebung des Atom-Deals mit dem Iran. Prinz Faisal erklärte diesbezüglich, dass nur ein wirklich starker Vertrag Sinn mache.

Neben den Bedrohungen von außen kämpft das Königreich auch mit den Folgen von Corona. Die Pandemie hat die wirtschaftlichen Aussichten für die im Durchschnitt sehr junge Bevölkerung (70 Prozent ist jünger als 30 Jahre alt) durchaus verschlechtert. Hinzu kommt, dass man sich in einer Abhängigkeit der Erdölproduktion und des -exports befindet. Auch hier soll durch die „Vision 2030“ ein Umbruch geschehen. Das Ziel ist es, das Land zu einem Zentrum erneuerbarer Energien zu machen, wozu im Nordwesten des Staatsterritoriums die 500 Milliarden teure Technologie-Megacity „Neom“ entstehen soll. Schallenberg sagte für die „Grünen Ziele 2030“ Kooperation zu. Österreich könne viel Knowhow beisteuern, meinte Schallenberg. Zudem will man auch den Tourismus im Land in Gang bringen und weitere internationale Konzerne anlocken. Dazu muss aber zuerst das Image passen, der Modernisierungskurs soll dabei helfen.

Kritik an der neuen gesellschaftlichen Version kommt einerseits von streng religiösen Zirkeln im Land, als auch von Aktivistinnen: Frauen dürften nun zwar Autofahren, wirklich frei seien sie allerdings nur im Ausland. Die Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi in Istanbul lässt an den rigorosen Umgang mit Kritikern außerdem keine Zweifel.