International

Schallenberg in Abu Dhabi

11.09.2021 • 18:16 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Außenminister Alexander Schallenberg mit dem Exekutivdirektor des Hedayah Zentrums in Abu Dhabi, Ahmed Al Qassimi
Außenminister Alexander Schallenberg mit dem Exekutivdirektor des Hedayah Zentrums in Abu Dhabi, Ahmed Al Qassimi Michael Gruber

Eine österreichische Delegation bereist derzeit die Golfstaaten.

Dass Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) gerade am 11. September – also dem 20. Jahrestag der Anschläge in den USA – in die Vereinten Arabischen Emirate (VAE) und nach Saudi-Arabien reist, entbehrt nicht einer gewissen Brisanz – wenn es auch reiner Zufall ist, wie der Außenminister betont.

Aus den VAE flossen damals Gelder an die 9/11-Terroristen, Saudi-Arabien unterstützte jahrelang die Taliban und war auch einer der wenigen Staaten, die das erste Terrorregime der Miliz offiziell anerkannte. Heute, 20 Jahre danach, sind in der Region die Karten neu gemischt: Saudi-Arabien ist zu seinen ehemaligen Partnern in Afghanistan auf Distanz, die VAE bemühen sich zu demonstrieren, dass sie islamistischen Terror und Extremismus ablehnen. Durch die Übernahme der Taliban in Afghanistan herrscht jedoch Sorge um ein weiteres Aufkeimen radikalislamistischer Kräfte.

Nicht verwunderlich also, dass Schallenberg bei seiner viertägigen Reise an den Persischen Golf in den Emiraten neben Gesprächen mit dem Industrieminister Sultan al-Jaber auch den Direktor des auf Extremismusprävention spezialisierten „Hedayah Zentrums“, Ahmed al-Qassimi, traf.

Große Nervosität in der Region

„Die Nervosität in der Region ist groß. Die Situation in Afghanistan hat das Potenzial die gesamte Region zu destabilisieren“, zeigt sich Schallenberg besorgt. Ahmed al-Qassimi teilt die Sorge des Ministers. „Meine Befürchtung ist, dass durch den Sieg der Taliban die Gefahr besteht, dass islamistisches Gedankengut zur Normalität werden könnte.“ Der Erfolg der Terrormiliz bringe auch die Gefahr eines gewissen Überlauf-Effekt mit sich, sage der Experte beim Besuch seines Zentrums in Abu Dhabi. Auch andere könnten nun, da sie den Westen „besiegt sehen“, wieder erstarken. Es gebe Bedenken, dass nach dem Abzug der US- und NATO-Truppen aus Afghanistan in der Nachbarschaft entsprechende „Hubs“ entstehen könnten, betonte auch der Außenminister.

Ahmed al-Qassimi sprach außerdem von einem gewissen Anziehungseffekt, den Afghanistan nun auf Radikalisierte haben könnte. „Afghanistan könnte die Universität des Terrors werden.“ Gerade nach den Lockdowns würde eine sensible Zeit sein. Viele hätten sich nun im Internet online radikalisiert, nun bestehe die Gefahr, dass sie dies auch auf die Straße bringen, betont der Experte. Da müsse man nun ansetzen.

Radikalisierung früh erkennen

Das „Hedayah Zentrums“ setzt daher auf Prävention und Früherkennung von radikalen Tendenzen. So trainierte man etwa Lehrer, um bereits an Kindern eine Radikalisierung erkennen zu können. Ebenso gibt es Trainingsprogramme für Imame in den Moscheen. Es wäre „naiv“ zu glauben, dass die Entwicklungen in Afghanistan keine Auswirkungen auf die nähere Nachbarschaft (Tadschikistan, Kirgistan) und die gesamte umliegende Region haben würden, warnte Ahmed al-Qassimi, der aber unterstrich, dass eine endgültige Bewertung noch mehr Zeit bedürfe.

In dem Gespräch mit Schallenberg warnte der Experte aber vor voreiligen Schlüssen in der Flüchtlingsfrage: „Nur weil du Migrant bist, bist du nicht sofort anfällig für Extremismus.“ Zumal jene Menschen, die derzeit Afghanistan verlassen wollten, eben auch vor religiösem Fundamentalismus auf der Flucht seien und sich die überwiegende Mehrheit der Muslime nicht mit radikalen Ideen oder Extremismus und Terrorismus identifizieren würde.