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Das Synonym für die Atomhölle

10.03.2021 • 15:42 Uhr / 12 Minuten Lesezeit
Die Zerstörung nach der Dreifach-Katastrophe vor zehn Jahren
Die Zerstörung nach der Dreifach-Katastrophe vor zehn Jahren APA/EPA/KIMIMASA MAYAMA

Zehn Jahre nach Katastrophe will Japan Reaktoren wieder hochfahren.

Hätte die Heimat von Tetsuzo Yamaguchi schon im März 2011 keinen Atomstrom mehr produziert, wären ihm einige Probleme erspart geblieben. „Ich wusste wirklich nicht mehr weiter“, sagt der 68-jährige, als er über sein Betriebsgelände tapst. „Da hinten wird Nihonshu hergestellt. Das ist der traditionelle Reiswein Japan. Und im Trakt davor destillieren wir Shochu.“ Ein Schnaps auf Roggen- oder Süßkartoffelbasis. Kurz bevor der kurzgewachsene Herr mit schütterem Haar das freistehende Bürogebäude erreicht hat, blickt er betreten gen Himmel. „Aberall das wurde unwichtig.“

Am 11. März 2011 gab es plötzlich ganz andere Probleme. Für Tetsuzo Yamaguchi, der in zehnter Generation die mehr als 250 Jahre alte Destillerie Sasanokawa leitet, verlief die Geschichte so: „Am Nachmittag bebte plötzlich die Erde ganz gewaltig. Wir hatten ungeheure Angst… Sehen Sie den Schornstein auf dem Foto da drüben?“ Er deutet auf ein altes Schwarzweißbild an der Wand. „Durch das Erdbeben brach der zusammen.“ Auch die moderneren Boiler wurden beschädigt. „An den Tagen darauf waren dann alle Lieferketten unterbrochen. Wir konnten erstmal dichtmachen.“

Das Synonym für die Atomhölle
Tetsuzo YamaguchiSonstiges

Die Dreifach-Katastrophe

Mehr als 70 Kilometer weiter westlich war im Nordosten Japans ein Erdbeben der Stärke 9 gemessen worden. Kurz darauf schwappte ein Tsunami mit über 16 Meter hohen Wellen auf diverse Küstenorte herein. Und als wäre das nicht genug gewesen, havarierte dadurch auch noch das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. Radioaktivität trat aus, allein in der Präfektur Fukushima wurden an den folgenden Tagen 165.000 Menschen evakuiert. Durch das Erdbeben und den Tsunami weiter nördlich verloren insgesamt 470.000 Menschen ihr Zuhause. An die 20.000 starben.

In Tetsuzo Yamaguchis Heimatstadt Koriyama merkte man vom Atomunglück zunächst wenig. Zwar war das Strahlungsniveau auch hier erhöht, evakuiert wurde die 330.000-Einwohnerstadt aber nicht. Im Gegenteil: Direkt neben der in Japan berühmten Sasanokawa-Destillerie eröffnete eine Notunterkunft. „Wir machten dann wieder auf. Aber nur, um aus unseren Vorräten auf die Schnelle Getränke für die Leute zu mischen“, erinnert sich der Sakebrauer Yamaguchi. „Im Nachhinein muss man froh sein, dass sie es zu schätzen wussten. Wertschätzung wurde danach nämlich zur Seltenheit.“

Fukushima Importstopp

Die in Japan berühmte Destillerie Sasanokawa ereilte ein Schicksal, das noch heute unzählige Unternehmen aus der Gegend betrifft. „Made in Fukushima“-Produkte wollte keiner mehr haben. Nicht nur für Getränkehersteller, sondern auch für Fischer, Reisbauern und andere Betriebe verhängten die wichtigen Exportmärkte China, Hongkong, Taiwan, Südkorea und zwischenzeitlich auch die EU für Waren aus Fukushima Importstopps. „Aber unser Wasser ist sauber“, klagt Tetsuzo Yamaguchi. „Das lässt sich beweisen!“ Bis heute versteht dieser ältere Mann, dessen Sakes jahrelang ausgezeichnet und gefeiert wurden, die Welt nicht mehr.

Atomenergie wird nicht mehr hergestellt

Eine gute Zugstunde nördlich meint man dieses Problem erkannt zu haben. Und aus der Not soll eine Tugend werden. In einem Großraumbüro, das ähnlich wie das von Tetsuzo Yamaguchi mit Zetteln, Ordnern und Kartons überhäuft ist, füllt Masashi Takeuchi den Raum mit Zuversicht. In Fukushima-City, der Hauptstadt der gleichnamigen Präfektur, ist Takeuchi leitender Bürokrat in der Energieabteilung der Regionalregierung. Der Mann im kurzärmligen Hemd strahlt: „In Fukushima haben wir die Atomenergie quasi hinter uns. Hier wird kein Atomstrom mehr hergestellt.“

Masashi Takeuchi weiß: Fukushima, dieser Name, der vor dem Atom-Gau kaum jemandem außerhalb Japans bekannt war, wird heute weltweit dem konfusen Bild einer Atomhölle assoziiert. „Wir wollen unser Schicksal selber in die Hand nehmen“, sagt der Bürokrat. „Bis 2040 werden wir die grünste aller 47 Präfekturen Japans sein.“ Konkret heißt das: In knapp 20 Jahren will Fukushima Energie in Höhe von 100 Prozent des eigenen Bedarfs aus Erneuerbaren produzieren. Derzeit liegt dieser Anteil noch bei rund einem Drittel. Und was ist mit den berüchtigten Reaktoren von Fukushima Daiichi, neben denen es auch noch das ebenfalls in Fukushima gelegene Atomkraftwerk Daini gibt? „Die werden nie wieder hochgefahren werden. Und hier werden auch keine neuen Reaktoren gebaut“, versichert Masachi Takeuchi. „Das ist Geschichte.“

Stattdessen investiert Fukushimas Präfekturregierung seit einigen Jahren in Solarpanels, die auf verstrahltem Brachland installiert werden, in Windparks vor der Küste oder Wasserkraftwerke und Anlagen für Geothermalkraft. Stolz reicht Takeuchi eine bunte Broschüre über den Tisch. Bebildert zeigt sie eine beeindruckende Zahl nachhaltiger Energieprojekte in der Region. „Mittlerweile kommen Vertreter anderer Präfekturen her, um von uns über grüne Energien zu lernen. Wir haben auch eine Partnerschaft mit dem deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen. Dort haben sie ja auch einen Strukturwandel hinter sich.“ Nun tausche man sich aus. Denn das Potenzial Erneuerbarer sei enorm.

Damit hat es Fukushima deutlich eiliger als die nationale Regierung in Tokio. Anruf bei der Energieabteilung des japanischen Wirtschaftsministeriums. Da erklärt Masaaki Komatsu: „Unsere Regierung hat Ende letzten Jahres beschlossen, dass Japan bis 2050 CO2-neutral wird.“ Der Schritt kam überraschend und auf Druck von außen. Zuvor hatte die EU verkündet, bis 2050 ihre Nettoausstöße des klimaschädlichen Kohlenstoffdioxid auf Null zu senken. Im Dezember war auch China nachgezogen – wenn auch mit einem um zehn Jahre längeren Zeithorizont. Daraufhin sah sich auch Japans Premierminister Yoshihide Suga, der zuvor wenig Interesse an diesen Themen offenbart hatte, zu einer Kehrtwende gedrängt.

„Ohne Atomkraft ist Wandel kaum zu schaffen“

Allerdings erklärt dessen Mitarbeiter Masaaki Komatsu: „Ohne Atomkraft wird dieser Wandel kaum zu schaffen sein. Denn erstens sind wir trotz aller Förderungen grüner Energien noch immer ein rohstoffarmes Land. Und zweitens sind wir, anders als die Länder der EU, nicht an ein kontinentales Stromnetz angeschlossen.“ Für diese Probleme hat man in Japan schon lange die Atomkraft als beste Lösung gesehen. Vor dem Gau im Frühling 2011 lag der Atomanteil am Energiemix bei einem Drittel, sollte schrittweise auf 40 Prozent erhöht werden.

Reaktoren wurden zunächsten abgeschalten

Und nach den Katastrophentagen schaltete die Regierung zwar die damals 54 Reaktoren im Land zunächst ab. Wegen der dadurch erhöhten Öl- und Gasimporte stiegen aber flugs die CO2-Emissionen stark an. Die müssen nun in großen Schritten gesenkt werden. Auch deshalb hat sich Japans Regierung, anders als etwa jene in Deutschland, nicht für einen nationalen Atomausstieg entschlossen. Unter strengeren Bedingungen sind mittlerweile neun Atomreaktoren erneut am Netz, die sechs Prozent der Stromversorgen bringen. Mehrere Reaktoren befinden sich im Prüfverfahren. „Bis 2030 sollen wieder gut 20 Prozent im Energiemix aus Atomstrom kommen“, zitiert Masaaki Komatsu am Telefon aus seinen Unterlagen.

Dabei ist Tokios Entscheidung, künftig wieder verstärkt auf Kernkraft zu setzen, im ganzen Land kontrovers. Im Dezember ergab eine Umfrage des öffentlichen Rundfunksenders NHK: 67 Prozent der Menschen in Japan wünschen entweder eine Reduktion der Atomabhängigkeit oder einen kompletten Ausstieg. Denn zum Unfallrisiko kommt die ungeklärte Frage nach dem Umgang mit Atommüll. Besonders deutlich kennt man diese Probleme im leiderprobten Fukushima. Hier wollen 68 Prozent, dass keine Atommeiler mehr laufen.

Sand wurde abgetragen

Besuch in Minamisoma, einer Küstenstadt 25 Kilometer südlich der Kraftwerksruine. Jin Baba stapft durch feinen Sand. „Achteineinhalb Jahre durften wir diesen Strand nicht für Badegäste öffnen“, erinnert der Mitarbeiter des lokalen Rathauses. Direkt nach der Katastrophe musste Baba den Ort mit seinen Kindern verlassen, kehrte aber bald zurück, um beim Wiederaufbau zu helfen. „Wir haben den Sand immer wieder abgetragen und Geigerzähler installiert. Wir wurden oft geprüft. Und so allmählich kommen die Badegäste wieder her.“

Das Synonym für die Atomhölle
Besuch in Minamisoma, einer Küstenstadt 25 Kilometer südlich der KraftwerksruineSonstiges

Es ist ein schöner Strand. Und Jin Baba ist anzusehen, dass er das auch so sieht. Aber dieser legere Typ in Shorts und T-Shirt sagt auch: „Unsere Region hat durch die Katastrophe einen riesigen Imageverlust erlitten.“ Die Erklärung der Regionalpolitiker, dass hier kein altes AKW mehr ans Netz gehen und auch kein neues mehr gebaut werden wird, klingt für ihn wie ein Schritt nach vorne.

Aber wie weit kommt man damit? Die Orte rund um das stillgelegte Atomkraftwerk Fukushima Daiichi bleiben bis heute evakuiert. Und für die Kühlung der dort noch immer glühenden Reaktoren setzen die Betreiber täglich Tonnen von Wasser ein, das später in großen Kanistern auf dem Gelände gelagert wird. Schließlich wird die Regierung dieses Wasser wohl in den Ozean leiten. Die gesundheitlichen Risiken so eines Schrittes sind noch ungewiss. Klar ist aber, dass es dem Ruf des Namens Fukushima nicht helfen wird. „Dem Strand von Minamisoma ganz bestimmt nicht“, sagt Jin Baba und zuckt resigniert mit den Schultern.

Eine Stunde landeinwärts mag man an all das nicht mehr denken. Tetsuzo Yamaguchi will sich von nicht abhängig machen von Entwicklungen, die er nicht beeinflussen kann. „Nihonshu und Shochu exportieren wir praktisch nicht mehr“, sagt er und erhebt sich aus seinem Drehstuhl in Büro, geht zur Tür, raus auf den Hof. „Dafür haben wir nach dem Atom-Gau angefangen Whisky zu brennen. Japanischer Whisky ist in den letzten Jahren ja sehr beliebt geworden, vor allem in westlichen Ländern.“

Tetsuzo Yamaguchi huscht ein Lächeln übers Gesicht, spaziert über seinen Hof, winkt in eine Produktionshalle. „Hier lagern unsere neuen Fässer. Die Destillation machen wir da drüben.“ 2014 begann er für Sasanokawa schottische Whiskysorten zu importieren und hier zu blenden. „Aber mittlerweile haben wir auch unseren ganz eigenen Single Malt hergestellt, der zu hundert Prozent aus der Region stammt. Er heißt Yamazakura.“

Whisky made in Fukushima

Whisky made in Fukushima – klingt abenteuerlich? Es funktioniert jedenfalls. Das Erlösniveau vor der Atomkrise hatte Sasanokawa bei Ausbruch der Pandemie schon wieder leicht überschritten. Denn die Exportausfälle von Nishonshu in die asiatischen Nachbarländer sind durch die Whiskyverkäufe in Japan, die USA und nach Europa überkompensiert worden. Allerdings glaubt Tetsuzo Yamaguchi nicht, dass diese Verkaufserfolge durch einen Imagegewinn seiner Heimatregion begründet sind. „Wahrscheinlich können wir einfach auf der Beliebtheitswelle für Whisky aus ganz Japan mitreiten.“

Eine Statistik spricht für die Vermutung des neugeborenen Whiskybrenners: Bevor letztes Jahr die Pandemie ausbrach, verzeichnete die für Fukushima wichtige Fischereibranche nur gut zehn Prozent der Umsätze von vor dem Atom-Gau. Am Strand von Minamisoma, wo unweit einst viele Fischer in See stachen, hat Jin Baba dies das gesagt: „Damit sich Fukushima erholen kann, bräuchten wir einen Atomausstieg in ganz Japan.“ Erst dann könne man seinen Nachbarn und der Welt erklären, dass man aus der Krise gelernt habe.