Österreich

Kommt uns Solidarität in Pandemie abhanden?

02.03.2021 • 15:07 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Kommt uns Solidarität in Pandemie abhanden?

Katharina Kieslich im Interview über Solidarität während Pandemie.

Der Zusammenhalt in der Bevölkerung geht einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts market zufolge mit wachsender Dauer der Pandemie verloren. Zumindest wird das in der Gesellschaft so wahrgenommen. Demnach empfanden im Frühjahr 2020, wenige Wochen nach Ausbruch der Pandemie im Land, noch knapp 65 Prozent ein sehr gutes oder gutes Zusammengehörigkeitsgefühl. Im Februar 2021 waren nur noch 12 Prozent dieser Ansicht.

Katharina Kieslich von der Uni Wien forscht zum Thema Solidarität. Sie teilt den Befund der Umfrage – mit Einschränkungen – und erklärt, wie und warum wir uns auch selbst helfen sollten.

Wie definieren Sie den Begriff „Solidarität“ – auch im Kontext der Krise?
Katharina Kieslich: Solidarität ist eine pro-soziale Praxis. Es reicht nicht, mitfühlend zu sein, es geht um konkrete Handlungen. Zum Beispiel, wenn ich auf das Kind der alleinstehenden Nachbarin aufpasse, damit sie anderen Verpflichtungen nachkommen kann. Vorangesetzt steht die Erkenntnis, dass eine Gemeinsamkeit besteht, dass wir gewissermaßen alle im selben Boot sitzen – und danach gehandelt werden sollte. Ein weiterer Punkt ist, dass einem dadurch Kosten entstehen. Nicht unbedingt finanzieller Natur, aber vielleicht ist es Zeit oder Energie, die ich investieren muss.

Teilen sie den Befund der Umfrage? Hat die Solidarität in Österreich zuletzt abgenommen?
Kieslich: Teilweise ja. Wir haben im Jahr 2020 im Rahmen einer Studie im April und im Oktober eine Interview-Reihe durchgeführt. Schon da haben wir Unterschiede festgestellt. Im April war die Solidarität noch relativ stark. Im Oktober hat das bereits klar abgenommen. Die Begründungen dafür waren vielfältig, hatten aber oft mit einem Erschöpfungszustand zu tun. Die Leute sind mit Fortdauer der Pandemie und der Maßnahmen zunehmend an ihre Grenzen gekommen, auch emotional. Der Wunsch, der Staat müsse die psychosozialen Folgen der Krise besser abfangen, ist deutlich gewachsen. Staatliche Solidarität haben viele – trotz aller Bemühungen der Regierung – vermisst.

Gab es konkrete Forderungen an die Regierung?
Kieslich: Der Wunsch nach einem universellen Grundeinkommen kam öfter. Oder zumindest nach einer öffentlichen Debatte zu diesem Thema. Wir sind in einer außergewöhnlichen Situation, daher kommen auch außergewöhnlichere Lösungsansätze und außergewöhnliche Anforderungen an den Staat. Das kann auch eine Chance darstellen. Wir haben auch oft gehört, dass sich die Menschen zu wenig in politische Entscheidungen eingebunden fühlen. Das betrifft etwa die Impf-Debatte, Schulschließungen und anderen Maßnahmen. Die Leute fühlen sich zu wenig mitgenommen. Andererseits ist die Politik gefordert, derzeit noch transparenter und nachvollziehbarer zu argumentieren. Manche Maßnahme mag aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll sein, stößt aber bei vielen Menschen auf Ablehnung, wenn sie sich dadurch ungleich behandelt fühlen.

Kommt uns Solidarität in Pandemie abhanden?
Katharina KieslichSonstiges

Zur Person

Dr. Katharina Kieslich gehört seit 2018 der Forschungsgruppe ‚Zeitgenössische Solidaritätsstudien‚ am Institut für Politikwissenschaft, Universität Wien, an.

Seit März 2020 leitet sie gemeinsam mit Professorin Barbara Prainsack eine internationale Interviewstudie zum Thema Solidarität in Zeiten einer Pandemie. Vor ihrer Tätigkeit an der Universität Wien hat Dr. Kieslich am University College London mit Schwerpunkt Gesundheitspolitik und Health Technology Assessment promoviert und danach mehrere Jahre am King’s College London in den Bereichen Priorisierung und Bürgerbeteiligung im Gesundheitswesen geforscht. 

Kann Solidarität ein Mittel gegen die aktuellen Belastungen sein?
Kieslich: Im besten Sinne ja. Aber man muss Verständnis für die Sorgen der Menschen haben. Der allgemeine Erschöpfungszustand ist nachvollziehbar. Und auch der Widerstand einiger Menschen, die sich gegen Vorgaben wehren – vor allem, wenn sie das Gefühl bekommen, dass diese nicht wirken. Viele sind in Kurzarbeit oder haben ihre Arbeit verloren. Hier wäre verstärkte staatliche Unterstützung sehr wichtig, damit die Menschen zuversichtlicher sein können. Die Bereitschaft, sich anderen gegenüber solidarisch zu verhalten, wird dadurch gestärkt. Und es geht auch um Ehrlichkeit. Wenn etwa klar ist, dass wir die gegenwärtigen Belastungen nur durch Steuererhöhungen zu bewältigen sind, sollte die Politik das auch klar kommunizieren. Auch das ist Solidarität.

Kann man gegenwärtig überhaupt Solidarität in der Bevölkerung erwarten, wenn die Menschen mit ihren eigenen Sorgen schon an ihre Grenzen kommen?
Kieslich: Die Frage nach dem eigenen Vorteil ist berechtigt. Und auch nicht schwer zu beantworten, wenn man das in einem größeren Zusammenhang sieht. Denn wenn sich meine Mitmenschen auch mir gegenüber solidarisch zeigen, kann ich stark davon profitieren. In manchen Bereichen ist das ja selbstverständlich. Ich zahle ja auch als gesunder Mensch in unser Gesundheitssystem ein – und andere können dadurch versorgt werden. Dafür kann ich mich auf Versorgung verlassen, wenn ich sie einmal brauchen sollte.

Was würde geschehen, wenn dieses allgemeine Bekenntnis zu solidarischem Verhalten weiter abnimmt?
Kieslich: Das würde letztlich dazu führen, dass alles auf Eigenverantwortung und privater Vorsorge beruht. Dann bewegen wir uns auf eine Gesellschaftsform zu, wie sie etwa in den USA existiert. Auf soziale Netze kann ich mich dann nicht mehr verlassen, wenn ich mich selbst nicht mehr erhalten kann – aus welchen Gründen auch immer.

Was kann man also tun, um so einer Entwicklung entgegenzuwirken?
Kieslich: Auf staatlicher Ebene gibt es viele Möglichkeiten, den Wohlfahrtsstaat zu stärken. Im persönlichen Rahmen tun die Menschen ja schon viel. Das können Kleinigkeiten sein, wie ein aufrichtiges Interesse an den Problemen meiner Mitmenschen. In der Pandemie kann es die Impfung sein, die ja nicht nur mich schützt, sondern im besten Fall auch andere.