Österreich

Wechselberger übt Kritik an Regierung

17.02.2021 • 12:37 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Wechselberger übt Kritik an Regierung

Wechselberger: Österreich hätte genügend Impfstoff beschaffen können.

Tirols Ärztekammerpräsident Artur Wechselberger hat scharfe Kritik am Corona-Krisenmanagement der Bundesregierung geübt. Einerseits hätte man „eigentlich erwarten können“, dass es Österreich – wie andere Länder – schaffe, ausreichend Impfstoff zumindest für die ersten Monate zu organisieren, sagte Wechselberger im APA-Interview. Zum anderen kritisierte er Aussagen von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) in Sachen „Südafrika-Mutante“ und Wirksamkeit von AstraZeneca.

Kurz hatte im Zuge der Ankündigung der Ausreisetestkontrollen für Tirol gemeint, dass die südafrikanische Variante insofern eine Herausforderung darstelle, weil der Impfstoff von AstraZeneca bei ihr möglicherweise eine geringere Wirkung zeige. „Was soll ich mit so einem Satz? Der ist dazu geeignet, Verunsicherung zu erzeugen und einen guten Impfstoff in Diskredit zu bringen. Ein Satz ohne nachvollziehbaren Inhalt“. Sich mit solchen Aussagen hinzustellen, sei „der Sache nicht dienlich“. Damit öffne man Spekulationen Tür und Tor, anstatt zu sagen: „Wir untersuchen das, nehmen Warnungen ernst und wenden uns an die Öffentlichkeit, sobald wir valide Daten haben.“

Große Vorteile des Impfstoffs

„Wo sind denn die belastbaren Fakten?“, fragte Wechselberger in Bezug auf AstraZeneca. Dabei biete der Impfstoff große „epidemiologische Vorteile„, sei etwa leichter lagerbar, nicht so erschütterungsempfindlich, müsse erst nach zwölf Wochen aufgefrischt werden und habe geringere Nebenwirkungen. Außerdem verhindere er schwere Verläufe und Todesfälle. „Und darum sollte es ja ausschließlich gehen: Todesrate und Krankenhausaufenthalte bzw. Überlastung der Krankenhauskapazitäten“, so Wechselberger. Nur diese beiden Parameter könnten einem normalen Leben entgegenstehen.

„Österreichischer Reflex“

Hart ins Gericht ging der langjährige Tiroler Kammerchef und frühere Bundesärztekammerpräsident auch mit der österreichischen Impfstoffbeschaffung. „Gesundheitswesen ist nationale Kompetenz und eine prioritäre Aufgabe des Staates. Das ist der österreichische Reflex, nationale Probleme der Europäischen Union in die Schuhe zu schieben„, kritisierte Wechselberger. Man hätte zumindest parallel Verträge mit Impfstoffherstellern abschließen, Geld in die Hand nehmen und „vorausfinanzieren“ müssen – „zumindest um die ersten Monate zu überbrücken“. „Und es ist auch überhaupt nicht einzusehen, warum man bei der Impfstoffbeschaffung offenbar ans Sparen gedacht hat“, so Wechselberger. Allein wenn man bedenke, was „ein Tag Lockdown“ koste.

Und hier gehe es nicht nur um die wirtschaftlichen Kosten, sondern um die „gesellschaftlichen Kosten“ – inklusive der sozialen und auch gesundheitlichen Kollateralschäden, von denen man inzwischen sprechen müsse, nicht zuletzt auch im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Er spreche dabei als Allgemeinmediziner aus eigener Erfahrung – psychische Erkrankungen würden signifikant ansteigen, nicht wenige Menschen würden sich regelrecht „kasteien“ und über Monate fast alle sozialen Kontakte meiden. „Es wäre ein Klacks gewesen, ausreichend Impfstoff einzukaufen“, betonte der Ärztekammerpräsident und verwies auf Länder wie Israel, die USA, Großbritannien und andere. Man hätte sich einfach nicht zu hundert Prozent auf die EU verlassen dürfen.

Organisation und Strategie des Impfens in Österreich seien in Ordnung, aber: „Was nützt die beste Strategie, wenn nicht genug Impfstoff vorhanden ist“. Dabei sei das Impfen die „wichtigste, inzwischen dritte Säule“, auf die der meiste Fokus gelegt werden müsse. Nur das Impfen könne die Pandemie beenden. Strategien wie Containment, Lockdown, individuelle Schutzmaßnahmen und Testen habe man schließlich bereits vergangenes Frühjahr gehabt: „Das ist ein Jahr her. Mir kommt es fast so vor, als ob es dazwischen nicht eine unglaublich beachtliche medizinische Entwicklung gegeben hat wie etwa mit den Impfstoffen“. Vergangene Woche habe er, als die Debatte über die Tirol-Maßnahmen am Höhepunkt war, hingegen leider ein „Déjà-vu-Erlebnis“ gehabt. „Das kann es doch nicht sein“, meinte Wechselberger. Das lenke auch vom eigentlich zentralen Thema, dem Impfen, ab, so der Ärztekammerchef, der sich wegen der Causa Ischgl gegen eine „Dauerkollektivverurteilung der Bürger eines Landes“ verwahrte. Dies lasse alles außer Acht, was in Tirol geleistet worden sei – vom wesentlich intensiveren Testen im Vergleich zu anderen Bundesländern angefangen.

Generell kritisierte Wechselberger die oftmalige reine „Ankündigungspolitik“ der Bundesregierung. Verordnungen würden zunächst angekündigt – ohne Details und Inhalt. „Es wird die Absicht präsentiert, als ob es sich dabei um ein Faktum handelt“. Fakten und die notwendige Evidenz für Maßnahmen vermisste der Experte oft auch bei den nunmehrigen Lockdown-Entscheidungen. Er könne zunehmende Müdigkeit und Unmut der Menschen und die Sehnsucht nach dem normalen Leben durchaus verstehen. Es sei eine Grenze erreicht. Warum man etwa die Gastronomie komplett geschlossen halte, verstehe er nicht. Dies betreffe etwa auch den Bereich des Freizeitsports, so Wechselberger, und nannte das Beispiel Tennis, wo man „genügend Abstand“ zueinander habe. Der Ärztekammerpräsident mahnte jedenfalls mehr Differenzierung ein.