Politik

Mit wehenden Fahnen in ungewisse Zukunft

01.01.2021 • 17:04 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Werden die Briten nun alles „anders und besser machen“, wie Premier Boris Johnson sagt?
Werden die Briten nun alles „anders und besser machen“, wie Premier Boris Johnson sagt? AFP

Mit Sorge sehen viele Briten diesem neuen Jahr entgegen.

Premierminister Boris Johnson hat in seiner Neujahrsansprache erklärt, dass nun „die Freiheit in unseren Händen liegt“ und die Briten endlich alles „anders und besser“ machen könnten als die kontinentalen Nachbarn. „Ein phantastisches Jahr und ein ganz außerordentliches Jahrzehnt“ stehe seinem Land bevor, hat Johnson nach dem endgültigen EU-Austritt seines Landes prophezeit.

Im pro-europäischen „Guardian“ wird man an diesem Neujahrstag von dieser Euphorie nichts spüren. Man findet eher das Gefühl bitteren Verlusts wieder, das alle Brexit-Gegner empfinden an diesem so geschichtsträchtigen Tag. Der Brexit, klagt das Blatt, sei nichts als „ein tragischer nationaler Irrtum“ gewesen. Dagegen feiert, zusammen mit der übrigen rechten Presse der Daily Express „Unsere Zukunft, Unser Britannien, Unsere Schicksalhafte Bestimmung“. Aus Anlass des „gloriosen Abstreifens britischer Fesseln“, wie Boris Johnson zu sagen pflegte, hat der Express eine „Extra-Souvenir-Beilage“ für diesen Neujahrstag produziert.

Der Brexit-Riss, so viel ist klar, verläuft noch mit gleicher Schärfe mitten durch die britische Politik und Gesellschaft wie im Referendums-Jahr 2016, auch wenn längst alles entschieden ist und Großbritannien an diesem denkwürdigen Neujahrstag mit spürbarer Nervosität erwacht.
Nicht, dass man erwartet, dass die Konsequenzen des nun umgesetzten „harten Brexit“ unmittelbar sichtbar werden. Die Grenz-Situation am Ärmelkanal zum Beispiel, die schon wegen der jüngsten Corona-Maßnahmen international Aufmerksamkeit erregte, dürfte diese Woche noch wenig Brexit-Folgen nach sich ziehen.

Über die ersten Tage wird das Verkehrsaufkommen gering sein. Viele Frachten sind noch vor der Verschärfung der Kontrollen auf die Insel geschafft worden – und viele kontinentale Frachtunternehmen scheinen erst einmal abwarten zu wollen, um zu sehen, wie sich alles entwickelt. Einige Unternehmen steuern bereits englische Ausweichhäfen an, um Dover und Folkestone zu vermeiden. Und Lieferungen von und nach Irland laufen schon jetzt stärker über Frankreich, sparen England also aus.

Keine Vorbereitungen

Dennoch warnt Matt Smith, der Generaldirektor der auf frische Nahrungsmittel und Tiefkühlkost spezialisierten Lieferfirma HSF Logistic, dass die neuen Zollbestimmungen „ganz unerprobt“ seien: „Irgendwann wird es hier bestimmt noch zu Behinderungen kommen.“ Auch Regierungsexperten räumen ein, dass mehr als die Hälfte aller kleineren Firmen in Großbritannien bislang „überhaupt keine Vorbereitungen“ getroffen haben fürs jähe Ende des jahrzehntelang freien Grenzverkehrs.

Aber nicht nur die Ungewissheit in Sachen Brexit überschattet den Beginn dieses frostigen Jahres auf den Britischen Inseln. Die Lage an der Corona-Front hat sich seit Weihnachten gefährlich zugespitzt. Auf Grund der „neuen Variante“ – und wohl auch infolge zögerlicher Maßnahmen der Regierung – ist die Zahl der Corona-Patienten in kurzer Zeit dramatisch gestiegen. Und nicht nur Betten, sondern auch die Pfleger sind knapp. „Unglücklicherweise haben wir es mit einer düsteren, einer deprimierenden Situation zu tun im Augenblick“, meint Jonathan Van-Tam, einer der medizinischen Top-Berater der Regierung. „Die Situation in vielen Teilen des Landes ist äußerst prekär.“ Vor allem in London sei die Lage angespannt. An der Themse sei man mittlerweile „am kritischen Punkt“ angekommen, warnen viele Ärzte jetzt.

Einige Krankenhäuser seien schon „am Überlaufen“, und das Personal für die Intensivstationen sei total überfordert oder schlicht nicht vorhanden, klagen die Schwestern-Verbände. Ein Wunder sei das nicht, erklärt Verbands-Sprecherin Nicki Credland: „Wir hatten schon zu Beginn der Pandemie nicht genug Schwestern. Wie kann man da erwarten, dass es neun Monate später plötzlich wundersamerweise genug gibt? Noch dazu, wo jetzt auch viele krank gemeldet sind?“

In einem Krankenhaus im Westen der Hauptstadt, dem Charing Cross Hospital, bestätigen Rettungswagen-Fahrer, dass nun auch in London Coronavirus-Patienten gelegentlich im Wagen verbleiben und dort behandelt werden müssen, weil es in den Krankenhäusern drinnen einfach keinen Platz mehr zur Aufnahme gibt. „Auch wenn ein Bett gefunden wird“, erklärt eine müde Fahrerin an diesem Neujahrsmorgen, „müssen wir mit unseren Patienten oft sehr lange Zeit draußen warten, bis sie hinein gebracht werden können.“ Inzwischen sei schon die Rede von einer Auslagerung Londoner Patienten nach Yorkshire, das ist allerdings Hunderte Meilen entfernt.

Einen mächtigen Weihnachtsbaum hat man aufgestellt auf dem Vorplatz des Charing Cross Hospital, mit ein paar kopfgroßen silbernen Kugeln und anderem Schmuck. Eine Kugel ist zu einem riesigen Covid-19-Virus, mit rot blinkenden Füßchen, umgemodelt worden. Auf der angehefteten Karte wünscht die Notaufnahme des Krankenhauses, die offenbar Sinn für Humor hat, Passanten frohe Tage und einen guten Start ins Jahr 2021. Der letzte Satz auf der Karte, mit Bezug auf die kurios blinkende Kugel, lautet: „Haltet euch von mir fern.“

Niemand solle in Panik verfallen, hat Premier Boris Johnson erklärt angesichts der neuen Notlage. Man sei bereits dabei, das im April eröffnete gigantische Not-Lazerett in den Londoner Docklands, das Nightingale Hospital, mit Raum für 4000 Patienten, wieder herzurichten. In Wirklichkeit ist dort rund um das Gebäude aber wenig an Vorbereitungen zu sehen.

Und drinnen steht praktisch alles leer. Im Frühsommer sind die Betten und Geräte weggeräumt worden. Allzu viel Hoffnungen auf eine massenhafte Erweiterung der Kapazität, meint Mike Adams vom Royal College of Nursing, dürfe man sich nicht machen: „Das Personal dafür gibt es nicht.“

Zu wenig Impfstoff

Konfusion hat zugleich die Nachricht ausgelöst, dass die Regierung die eigentlich auf drei Wochen angelegte Zeitspanne zwischen zwei Impf-Dosen auf möglicherweise zwölf Wochen strecken will – weil nicht genug Impfstoff vorhanden ist. Viele Ärzte haben bereits am Neujahrstag nachdrücklich gegen diese Idee protestiert.
Unterdessen schaut das ganze Land mit unverhohlenem Neid auf einen winzigen Flecken des Landes, tief unten im Südwesten, an dem am Silvesterabend in den Pubs die Gläser klingelten und man auch im neuen Jahr in Sechsergruppen in den Lokalen fröhlich zusammen sitzen konnte. Die Isles of Scilly, die Scilly-Inseln vor der Westspitze Cornwalls, sind das einzige Stückchen England, das nicht den scharfen Restriktionen des restlichen Königreichs unterliegt. In der Vergangenheit waren die Inseln immer ein beliebtes Ausflugsziel für Besucher „vom Festland“ gewesen. Nun verzichtet man dort aber auf Auswärtige ganz gern.