International

Was Asien besser macht als Europa

25.11.2020 • 11:48 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Pandemischer Alltag in Tokio, Japan: Ohne Gesichtsmaske geht in der Neun-Millionen-Stadt gar nichts, die Bürger ziehen mit
Pandemischer Alltag in Tokio, Japan: Ohne Gesichtsmaske geht in der Neun-Millionen-Stadt gar nichts, die Bürger ziehen mit AP

Während in Europa Zahlen ansteigen, stehen asiatische Länder positiver da.

Fast die Hälfte der weltweiten Neuinfektionen inmitten der Pandemie sind zuletzt in den Ländern Europas registriert worden. Die 54 Staaten, die nach Einordnungen der Weltgesundheitsorganisation zum Kontinent gehören, machten 46 Prozent der in der vergangenen Woche festgestellten vier Millionen Fälle aus. So sind wie in Nord-, Mittel- und Südamerika auch in Europa über die letzte Woche auch die Todeszahlen weiter gestiegen. Die zweite Welle führt zu Erschütterungen, die wie schon im Frühling nicht nur schwere gesundheitliche, sondern auch ökonomische Schäden anrichten.

Anders sieht die Situation in vielen Ländern Asiens aus. Auf dem bevölkerungsstärksten Kontinent der Welt schwappt die vielzitierte zweite Welle nicht annähernd so hoch über die Länder einher, in Südostasien fielen über die vergangenen Tage sogar die Infektions- und Todeszahlen. Das bedeutet auch, dass sich Regierungen kaum zu so harten Maßnahmen gezwungen sehen wie in Europa. Vielerorts deutet das Alltagsleben weitgehend nicht auf Krise hin, solange man sich nicht infiziert hat oder in Kontakt mit entsprechenden Personen war.

Taiwan als Vorbild

Als absolutes Vorbild kann Taiwan gelten. Der demokratisch regierte Staat südlich des chinesischen Festlandes registriert seit längerem Neuinfektion in bloß zweistelliger Höhe, was nur teilweise an dessen Insellage liegt, die eine Schließung der Grenzen relativ weniger problematisch macht. Es liegt auch an strengen Quarantäneregeln in Einzelisolation, die rigoros überprüft werden. Wie im ähnlich erfolgreichen Südkorea speichert die Regierung Handydaten ab, um von infizierten Personen Bewegungsprofile zu erstellen. So lässt sich verfolgen, wer sich wann wo an welchem Ort aufgehalten hat, wodurch sich auch effektiver Infektionswege herstellen lassen. Außerdem erhalten diejenigen, die sich nicht an Quarantäneregeln halten, harte Strafen bis zu Gefängnis.

Dass Taiwan das Virus weitgehend im Griff hat, drückt sich auch ökonomisch aus. Laut einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds wird Taiwan in diesem Jahr als einzige entwickelte Volkswirtschaft neben China insgesamt positives Wirtschaftswachstum erreichen. Südkorea, wo man zum Kontakttracing auch auf Kreditkartenbewegungen und Chatverläufe zurückgreift, wird im Vergleich mit anderen Ländern nur leicht schrumpfen. Was datenrechtlich problematisch ist, wirkt im Kampf gegen die Pandemie und die dadurch ansonsten erzwungene Rezession. In Österreich oder Deutschland, wo die Corona Warn App kaum Information hergibt, ist sie auch kaum wirksam.

Probleme in Japan

Das Problem einer teuren, aber eher ineffektiven App kennt man auch in Japan. Die dortigen Pendants zur österreichischen Stopp Corona-App oder zur deutschen Corona Warn App sind ähnlich schwach, weil sie keine GPS-Daten nutzen. „Das wäre datenschutzrechtlich problematisch“, erklärt Hitoshi Oshitani, Virologierprofessor der Tohoku Universität in Sendai und Mitglied der Regierungstaskforce in der Pandemiebekämpfung. Ein weiteres Problem, das Japan mit Österreich teilt: die Downloadzahlen erreichen nicht annähernd den von Virologen angestrebten Bevölkerungsanteil von 60 Prozent. Auch deshalb steigen die Infektionsfälle in Japan in den letzten Wochen wieder an.

Das war es aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten zwischen Japan und Österreich. Das ostasiatische Land zählt mit 130.000 Infektionsfällen auf 126 Millionen Menschen deutlich weniger Infektionen pro Kopf als die Länder Europas. Das scheint einerseits daran zu liegen, dass man in Japan von Anfang an die Clusterinfektionsstrategie verfolgte. Dieser Ansatz verzichtet beim Feststellen der Krankenzahl weitgehend auf breitflächiges Testen. Stattdessen werden die Kontaktpersonen von bereits infizierten Personen gesucht und dann getestet. Während auf diese pragmatische Weise Infektionen übersehen werden, werden zugleich größere Erkenntnisse erzielt, was die Ansteckungswege angeht. Auch wegen dieser Vorarbeit in der Infektionskontrolle ist die neue Welle, die Japan dieser Tage ereilt, nicht annähernd so hoch wie etwa in Österreich. Mit gut 2.400 Neuinfektionen wurde Mitte November ein Tagesrekord aufgestellt, der den Werten Österreichs ähnelt. Aber Japan hat 15mal mehr Einwohner.

Die relativ geringe Wucht erklärt sich aber auch dadurch, dass sich die Menschen an Regeln halten. Japans Regierung bestraft ihre Bürger nicht bei Verstößen –es gibt praktisch ohnehin keine. Masken werden getragen, dringende Empfehlungen zur Quarantäne werden beherzigt. Auch wenn derzeit kaum jemand in Japan daran glaubt, dass im kommenden Sommer die Olympischen Spiele von Tokio wirklich stattfinden werden: die Gesellschaft des Ausgeberlandes macht weitgehend seine Hausaufgaben, damit es doch möglich wird. Die Organisatoren wollen allerdings partout, dass die Spiele nicht ohne Zuschauer laufen.

Dafür will man strikte Test- und Quarantäneregeln bei der Einreise einführen. Vermutlich wird das Land dann auch strenger werden müssen, was deren Durchsetzung angeht. Denn die derzeitigen Gebote an die eigene Bevölkerung fußen auf der Annahme weitläufiger Regeltreue – sie haben keine Gesetzeskraft, sind rechtlich gesehen bloß „dringende Appelle.“ Kommen aber für Olympia – das internationalste Sportereignis von allen – Menschen aus jedem Land der Erde nach Japan, wird man mit diesem in der japanischen Kultur ausreichenden Ansatz nicht weit kommen müssen.

Singapur

Vielleicht wird sich die Krisenpolitik dann eher in Richtung des ähnlich erfolgreichen Singapur bewegen. Der 5,6-Millionenstadtstaat in Südostasien zählt nach einem kürzlichen Anstieg der Infektionen nun 58.000 Erkrankungen –aber nur 28 Tode. Das liegt auch daran, dass weitere Ansteckungen vermieden werden konnten. Über die vergangenen zwei Wochen gab es kaum 100 Neuinfektionen. Denn die Quarantäneregeln werden auch hier streng überprüft. Wer isoliert wird, den beobachtet der Staat mit einer Art elektronischen Fessel oder durch Überprüfung per Handy. Wer durch Quarantäneanordnungen Verdienstausfälle zu beklagen hat, wird vom Staat entschädigt.