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Wie die Pharma-Mafia Süditalien im Griff hat

22.11.2020 • 11:29 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
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Sujetbild APA/EPA/Ciro Fusco

In Kalabrien mischt die Mafia in Spitälern, Labors und Arztpraxen mit.

Die moderne Mafia tummelt sich da, wo besonders viel Geld fließt. Nicht nur in Italien wirkt der Gesundheitssektor deshalb wie prädestiniert für die Aktivitäten der organisierten Kriminalität. In der süditalienischen Region Kalabrien, wo die Corona-Pandemie aufgrund des desaströsen Zustands des Gesundheitswesens starke Auswirkungen hat, ist die Kombination besonders dramatisch. Hier fließen jährlich rund 60 Prozent des regionalen Bruttosozialprodukts in das Gesundheitswesen, das ist etwa doppelt soviel wie in nördlichen Regionen Italiens. In Kalabrien mit nur rund zwei Millionen Einwohnern ist zudem die wohl einflussreichste Mafiaorganisation beheimatet, die ‚Ndrangehta, deren jährlicher illegaler Umsatz vor Jahren auf 54 Milliarden Euro geschätzt wurde.

Mafiosi verhaftet

Es ist also kaum verwunderlich, dass die Staatsanwaltschaft aus der Regionshauptstadt Catanzaro nun 19 Unternehmer, Anwälte und Steuerberater und hauptberufliche Mafiosi verhaften ließ, die sich an den Schnittstellen zwischen Politik, Gesundheitswesen und Mafia bewegten. Unter ihnen war auch Domenico Tallini, Präsident des Regionalparlaments und Mitglied in der Berlusconi-Partei Forza Italia. Tallini soll im Jahr 2014 nach Informationen der Ermittler dem berüchtigten ‚Ndrangheta-Clan Grande Aracri aus Cutro die Geschäfte erleichtert haben.

Der Clan war dabei ein eigenes, „Consorzio Farma Italia“ genanntes Apotheken-Netzwerk aufzubauen und wollte kostbare und in Kalabrien streng rationierte Krebsmedikamente international zu Wucherpreisen zu verkaufen. Der Clan investierte in das Netz, Tallini, damals Personalchef der Regionalverwaltung, beseitigte die Probleme. Er setzte willfährige Beamte ein, die dem Apothekenkonsortium die Genehmigungen erteilten, sorgte für Infrastruktur und suchte Apotheken, die sich dem Konsortium anschließen wollten. Dafür, so behauptet die Staatsanwaltschaft, wurde sein Sohn angestellt. Aber vor allem bekam Tallini tausende Wählerstimmen und zog ins Parlament ein. Ihrem Ermittlungsverfahren gaben die Staatsanwälte um Nicola Gratteri den Namen „Farmabusiness“. Es ist der am wenigsten bekannte, aber inzwischen besonders relevante Geschäftszweig der italienischen Mafia.

Schwaches Gesundheitssystem

Die Ermittlungen fallen in die Zeit der Corona-Pandemie. Das Gesundheitssystem Italiens ist dabei bereits an seine Grenzen geraten, in Kalabrien sieht es noch einmal finsterer aus. Die Ansteckungszahlen steigen rapide. Doch weniger die epidemiologische Lage, sondern das völlig marode Gesundheitssystem der Region haben dazu geführt, dass Kalabrien wie etwa die viel heftiger betroffene Lombardei von der Regierung als rote Zone mit den stärksten Einschränkungen in Italien eingestuft wurde. Auf zwei Milliarden Euro werden die staatlichen Schulden im kalabrischen Gesundheitssektor taxiert. Seit 2010 wird der Sektor wegen Mafia-Infiltrationen von einem Kommissar geleitet. Die Zwangsverwaltung hat den Geschäften der Mafia aber offenbar nicht geschadet. „Das Gesundheitswesen ist stabil in der Hand der ‚Ndrangheta“, schreibt Bestseller-Autor und Mafiaexperte Roberto Saviano. Zwar seien Krankenhäuser geschlossen und Personal gekürzt worden, der Sektor sei aber nicht wie notwendig restrukturiert worden.

Fahndungserfolge

Wie verwurzelt die ‚Ndrangheta im Gesundheitssystem ist, zeigen frühere Fahndungserfolge. Dabei kam heraus, dass die Clans Arztpraxen, Forschungszentren und Labors kontrollieren. Bosse waren am Bau von Krankenhäusern beteiligt, sie entschieden Reinigungs-Ausschreibungen für sich und waren sogar an der Berufung von Chefärzten beteiligt. Die beiden Auftraggeber für den Mord im Jahr 2005 am Politiker und Arzt Francesco Fortugno, der den Ermittlern die Verstrickungen der Mafia im Sektor gesteckt hatte, waren zwei Mafiosi, die als Krankenpfleger im Krankenhaus Locri beschäftigt waren. 70 Prozent der Korruptionsfälle im italienischen Gesundheitssektor seien in Kalabrien, Kampanien, Apulien und Sizilien festgestellt worden, meldet Transparency International.

Die Regierung in Rom, die die Region Anfang November als rote Zone einstufte, ist seit Tagen auf der Suche nach einem Manager, der in Kalabriens Gesundheitswesen das Heft in die Hand nimmt. Drei Kandidaten verschlissen sich innerhalb von zehn Tagen. Kandidat eins und zwei waren offensichtlich ungeeignet. Die Absage des dritten Kandidaten wurde damit begründet, dass dessen Ehefrau nicht nach Catanzaro umziehen wolle. Nun soll die Hilfsorganisation Emergency sowie der italienische Zivilschutz eingreifen. Beide Organisationen sind spezialisiert auf Katastrophenhilfe.