Österreich

„Familien werden zerstört“

27.09.2020 • 11:14 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
"Familien werden zerstört"

In Österreichs Haftanstalten sind die Besuchsregeln noch immer verschärft.

„Familien werden zerstört”, ist Sabrina K. verzweifelt. Seit Anfang März konnte sie ihren Mann, der in einem Grazer Gefängnis sitzt, nur mehr hinter der Glasscheibe sehen. “Als Ehefrau möchte ich meinen Mann umarmen können, unsere drei Kinder möchten ihren Vater berühren und spüren.” Zum Schutz vor der Ausbreitung des Coronavirus sind Gefängnisbesuche seit Mai wieder zulässig, bis auf Weiteres allerdings nur als „Glasscheibenbesuch“ einmal pro Woche mit maximal zwei Besuchern und maximal 30 Minuten. Insassen und Besucher sind also durch eine Plexiglasscheibe getrennt.

Was K. nicht verstehen kann: „Dass in Krankenhäusern, Altersheimen etc. die Besuchsverbote längst aufgehoben wurden, nicht aber in den Justizvollzugsanstalten. Es kann doch nicht sein, dass man Menschen psychisch noch mehr unter Druck setzt und die ganze Familie leiden muss.“

„Es ist uns bewusst, dass das für viele Familien eine schwierige Situation ist“, bedauert Gerhard Derler, stellvertretender Leiter der Justizanstalt Graz-Karlau. Er muss aber auf die Maßnahmen verweisen, die vom Justizministerium vorgegeben wurden und kann nur die Insassen und ihre Angehörigen um Verständnis bitten: „Schon ein Verdachtsfall hat im Gefängnis große Auswirkungen auf den Betrieb.“
Die Maßnahmen seien notwendig, um die Einschleppung und Verbreitung von Covid-19 in den Justizanstalten zu verhindern, heißt es auch aus dem Justizministerium.

Strenge Gesundheitsvorkehrungen

In den Gefängnissen werde auf erhöhte Hygiene geachtet, Maßnahmen wie Maskenpflicht und Mindestabstand gelten auch hier, Neuzugänge und Freigänger werden wenn möglich gesondert untergebracht, am Eingang wird Fieber gemessen. Etwaige Lockerungen wolle man je nach allgemeinem Infektionsrisiko und sinkender Gefährdungslage stufenweise anpassen – „nach aktuellem Stand ist eine Einschränkung der Besuchssituation weiterhin notwendig“, so eine Sprecherin des Ministeriums.

Zumindest wird laut Ministerium neben dem „Glassscheibenbesuch“ den Insassen vermehrt angeboten, mit Angehörigen zu telefonieren. „Vor allem, wenn die Angehörigen im Ausland wohnen, bieten wir jetzt verstärkt die Möglichkeit von Videotelefonie an“, erklärt Gerhard Derler. Man versuche auch, durch die Tagesstruktur Ablenkung zu bieten: „Den Kontakt zur Familie kann das aber auf lange Sicht natürlich nicht ersetzen.“