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Moria fast vollständig abgebrannt

10.09.2020 • 10:14 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Brände in Moria
Brände in Moria AFP/Manolis Lagoutaris

Knapp 13.000 Menschen sind obdachlos. Ursache für Brände unklar.

Das größte Flüchtlingslager Europas, das Camp Moria auf der griechischen Ägäisinsel Lesbos, ist durch mehrere Brände in der Nacht auf Mittwoch nahezu vollständig zerstört worden. Ums Leben kam dabei niemand, einige Menschen erlitten leichte Verletzungen. In Österreich sorgte das Ereignis, durch den rund 13.000 Menschen obdachlos wurden, für zahlreiche Reaktionen aus Zivilgesellschaft sowie Politik.

Angefacht von Winden mit bis zu 70 Stundenkilometern wüteten die verschiedenen Brandherde in der seit Jahren überfüllten Flüchtlingseinrichtung sowie in den improvisierten Camps rundherum stundenlang und konnte erst in der Früh unter Kontrolle gebracht werden. Das griechische Staatsfernsehen, das mit einer Sondererlaubnis aus dem Camp berichten durfte, zeigte Bilder von verkohlten Containerwohnungen und verbrannten Zelten.

Griechische Zivilschutzbehöre verhängt Ausnahmezustand

Die griechische Zivilschutzbehörde verhängte den Ausnahmezustand über die Insel mit 85.000 Einwohnern. Die Regierung in Athen, die noch am Vormittag zu einer Krisensitzung zusammenkam, ging von Brandstiftung aus. Bereits vor einer Woche hatten Hilfsorganisationen vor Unruhen gewarnt, nachdem Moria nach Bekanntwerden des ersten positiven Corona-Falles unter Quarantäne gestellt wurde.

Noch in der Nacht begannen die Behörden, Menschen aus dem Lager zu bringen. Zuletzt lebten etwa 12.600 Geflüchtete in Moria, das eigentlich nur eine Kapazität von 2.800 Plätzen hat. Laut griechischer Regierung kamen bei dem Brand keine Menschen ums Leben, mehrere Menschen litten allerdings unter leichten Rauchverletzungen. Gut 400 unbegleitete Minderjährige seien in Sicherheit gebracht worden und sollen bald zum Festland gebracht werden, berichtete der stellvertretende griechische Migrationsminister George Koumoutsakos vor Journalisten.

Moria fast vollständig abgebrannt
APA

Die EU-Kommission sagte zu, den unverzüglichen Transfer und die Unterbringung der verbleibenden 400 unbegleiteten Kinder und Jugendlichen auf das griechische Festland zu finanzieren. „Die Sicherheit und der Schutz aller Menschen in Moria hat Priorität“, erklärte Innenkommissarin Ylva Johansson. EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen zeigte sich „tief traurig“ und erklärte via Twitter: „Wir stehen mit den Mitgliedstaaten bereit, zu helfen“. Der Vizepräsident der EU-Kommission Margaritis Schinas, selbst Grieche, solle sobald wie möglich nach Athen reisen, so von der Leyen.

Auch mehrere EU-Mitgliedsstaaten, darunter Österreich, boten Athen Unterstützung an. Zwar lehnten Innenminister Karl Nehammer und Außenminister Alexander Schallenberg (beide ÖVP) vor dem Ministerrat die Aufnahme von Geflüchteten aus Griechenland weiterhin strikt ab. Man wolle aber Griechenland an Ort und Stelle mit allen Mitteln unterstützen, meinten sie. Umweltministerin Leonore Gewessler von den Grünen sagte, es sei „ein Gebot der Menschlichkeit“, dass es nun rasch Unterstützung der EU gebe und das Lager evakuiert werde.

Sozialminister Rudolf Anschober (Grüne) glaubte, dass der Brand in auf Moria zu stärkeren Aktivitäten in Europa führen werde. „Ich weiß, dass viele Gespräche am Laufen sind.“ Er hoffe, dass Europa zu einem menschenwürdigen Vorgehen kommen werde. Dass die türkis-grüne Regierung hier unterschiedliche Position vertrete „ist nichts Neues“. „Wir sind in Dialog miteinander, aber die Positionen haben sich nicht geändert.“

Spaltpilz in der Regierung

Das Thema der Aufnahme minderjähriger Flüchtlinge aus griechischen Camps spaltet die türkis-grüne Bundesregierung von Beginn an. Während die Grünen sich dafür aussprechen, lehnt die ÖVP dies vehement ab. Nikolaus Kunrath, Menschenrechtssprecher der Grünen Wien, forderte am Mittwoch die Aufnahme von 100 Kindern durch Österreich. „Wir dürfen jetzt keine Sekunde verlieren und müssen sofort handeln und helfen, um die obdachlos gewordenen Menschen aus diesem Elend zu holen“, betonte auch die Grüne Abgeordnete und außenpolitische Sprecherin Ewa Ernst-Dziedzic, die Moria im Februar selbst besuchte. Anders als etwa der NEOS-Abgeordnete Helmut Brandstätter forderte sie aber nicht explizit eine Aufnahme durch Österreich.

Europa habe „viel zu lange gewartet“, kritisierte die SPÖ-EU-Abgeordnete Vollath. „Es ist jetzt die gemeinsame Aufgabe der Europäischen Union, das Lager zu evakuieren und die Menschen in Sicherheit zu bringen“, appellierte sie.

Hilfe für unbegleitete Kinder

Angesichts des Großbrands im griechischen Flüchtlingslager Moria hat EU-Innenkommissarin Ylva Johansson schnelle Hilfe versprochen. Sie sei in Kontakt mit dem griechischen Minister und den lokalen Behörden, schrieb die Schwedin am Mittwoch auf Twitter.

Dabei habe sie zugestimmt, den unverzüglichen Transfer und die Unterbringung der verbleibenden 400 unbegleiteten Kinder und Jugendlichen aufs Festland zu finanzieren. „Die Sicherheit und der Schutz aller Menschen in Moria hat Priorität.“

Der Forderung nach der Aufnahme von Flüchtlingen aus Moria schloss sich auch Caritas-Generalsekretär Klaus Schwertner an. Österreich solle auch dann Nachbarschaftshilfe leisten, „wenn es darum geht, Familien mit Kindern und alte und pflegebedürftige Menschen, die in völlig überfüllten Lagern auf den Inseln und am griechischen Festland dahinvegetieren müssen, in vertretbarer Zahl nach Österreich zu holen“, so Schwertner.

Auch der evangelisch-lutherische Bischof Michael Chalupka sowie die SPÖ-nahe Volkshilfe und die Diakonie Österreich sprachen sich für die Aufnahme von geflüchteten Minderjährigen aus. Moria sei zum „Inbegriff des Totalversagens der europäischen Flüchtlingspolitik“ geworden, so Diakonie-Direktorin Katharina Moser. SOS Kinderdorf zeigte sich von den Ereignissen „tief betroffen und extrem traurig: Zu lange wurde nichts unternommen“, erklärte Geschäftsführer Christian Moser in einer Aussendung und forderte die Beteiligung Österreichs an internationaler Katastrophenhilfe.

Die Sozialistische Jugend machte auch Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) für das „Versagen“ verantwortlich. Moria hätte schon „längst“ evakuiert werden müssen.

Wenig überraschend völlig anders sah dies der Wiener FPÖ-Chef Dominik Nepp. Er forderte den „totalen Zuwanderungsstopp, nicht nur aus Moria“. „Wer das Dach, das ihn schützt, anzündet, hat in Österreich und ganz Europa nichts verloren“, meinte Nepp.

Dem Großbrand vorangegangen waren Unruhen unter den Geflüchteten, weil das Lager nach einem ersten Corona-Fall unter Quarantäne gestellt worden war. Am Dienstag wurde bekannt, dass die Zahl der Infizierten bei 35 liege. Manche Migranten hätten daraufhin das Lager verlassen wollen, um sich nicht mit dem Virus anzustecken, berichtete die halbstaatliche griechische Nachrichtenagentur ANA-MPA. Einige Infizierte und ihre Kontaktpersonen, die isoliert werden sollten, hätten sich hingegen geweigert, das Lager zu verlassen und in Isolation gebracht zu werden.

Ausschreitungen

Nach Ausbruch des Feuers hätten Bewohner des Camps die Feuerwehrleute mit Steinen beworfen und versucht, sie an den Löscharbeiten zu hindern, berichtete der Einsatzleiter im Fernsehen. Sondereinheiten der Bereitschaftspolizei waren im Einsatz – Athen hat nun weitere Einheiten vom Festland auf die Insel geschickt. Videos in sozialen Netzwerken zeigten herumirrende, verängstigte Menschen und auch solche, die „Bye bye, Moria!“ sangen.

Spannungen habe es in Moria immer gegeben, wegen der Corona-Problematik sei die Situation nun regelrecht explodiert, sagte der Bürgermeister der Gemeinde Mytilinis, Stratos Kytelis, dem griechischen Staatssender ERT. Man wisse nicht, wo die Menschen nun untergebracht werden sollten, Tausende seien obdachlos. Auch für die Einheimischen sei die Situation eine enorme Belastung.

Durch den Großbrand wurden das Zentrum der griechischen Asylbehörde jedenfalls völlig zerstört. Die Archive seien verloren gegangen, so die Regierung. Wie viele Menschen durch das Feuer obdachlos geworden sind, soll nach einer Inspektion bekannt gegeben werden. Ob das Camp in Moria wieder aufgebaut wird, war zunächst noch völlig unklar.

Das UNO-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) warnt bereits vor Konflikten zwischen Flüchtlingen und Bewohnern von Lesbos. Eine vorübergehende Lösung zur Unterbringung obdachlos gewordenen Menschen sei in Arbeit, teilte die UNO-Organisation in Genf mit.