Was hat die Krise aus uns gemacht?

21.06.2020 • 15:59 Uhr / 14 Minuten Lesezeit
Das Coronavirus hat die vergangenen 100 Tage den Alltag geprägt
Das Coronavirus hat die vergangenen 100 Tage den Alltag geprägt EXPA/ Erwin Scheriau

Hundert Tage ist es her, seit es im Zug der Corona-Pandemie zu einem „Lockdown“ der Wirtschaft kam.

Wann wird alles wieder so wie früher sein? Wenn es eine Impfung gegen das Virus gibt? Wenn der Konjunkturpfeil wieder nach oben und die Arbeitslosenzahlen nach unten zeigen? Wenn die Masken hinter den Theken verschwunden und die Grenzen wieder offen sind? Wenn die Kurzarbeit beendet ist und der Himmel wieder voll mit Flugzeugen? Wird es überhaupt jemals wieder so wie früher?
Das Ende der Covid 19-Krise lässt sich wohl nicht (nur) an Zahlen oder Daten ablesen. Das würde dem alltagprägenden sozialen Kleinklima einen technokratischen Mantel überstülpen. Um ein breites, möglichst buntes Bild zu schaffen, was dieser fundamentale Einschnitt des Einfrierens des Alltags am 13. März für unsere Gesellschaft bedeutet, muss man neben dem Details fokussierenden Teleobjektivs auch zur Weitwinkellinse greifen. Und selbst dann wird Vieles im Unscharfen bleiben. Für Endgültiges ist es noch zu früh, für eine Zwischenbilanz nie zu spät. Daher acht Fragen zu den Folgen der Krise.
Das Ergebnis kann möglicherweise eine Antwort liefern, ob diese Eruption, die sämtliche Bereiche unseres Lebens erschüttert hat, als Lernort für ein besseres Morgen wahrgenommen wird.

++ THEMENBILD ++ CORONAVIRUS - SITUATION IN DER WIENER INNENSTADT
Klopapier als Bestseller in den ersten Tagen des LockdownsAPA

1) Hamstern: Irrationaler Airbag der Konsumgesellschaft?

Die Maske kam erst später. Das Symbol der ersten Tage des Lockdowns war die Klopapierrolle. Bergeweise stapelten die Österreicher in der zweiten Märzhälfte Großpackungen des WC-Utensils in ihre Einkaufswägen.
Warum diese völlig irrationale Raffgier? Warum dieses Hamstern?
Es hat etwas mit einem Vertrauensverlust in gesellschaftliche Sicherheit zu tun. Die permanente Verfügbarkeit von allem – das Mantra unserer Konsumgesellschaft – scheint in Gefahr. „Der Mensch will nicht erstarren, sondern aktiv etwas gegen sein Unbehagen tun, um sich selbst zu beruhigen“, begründet Sonja Rinhofer-Kreidl vom Institut für Philosophie der Karl-Franzens-Universität Graz dieses Handeln. Rational ist es nicht, emotional gesteuert fast immer, wobei sich die Philosophin gegen eine strikte Trennung ausspricht: „Emotionen sind kein unnötiger archaischer Ballast, den wir mit uns herumtragen“, sagt Rinhofer-Kreidl. Nur wenn sie überzogen seien, seien sie irrational.

Aber diese plötzliche Herdengier nach Konservendosen, Nudeln und Sondermüllentsorgung, inklusive spontaner, trotziger Aggression, falls man es nicht bekommt – alles normal? Alles erklärbar? Für Konsumforscher Arnd Florack schon. Zum einen sei es das Orientieren an und Imitieren von anderen als normales soziales Phänomen; zum anderen löse die empfundene Unsicherheit einen Präventionsfokus aus. Es ging vorrangig ums Schützen und Absichern – zunächst ohne Fokus auf Qualitätsmerkmale. Erst später wanderte der Fokus Richtung regionale Produkte, lokale Nahversorger und teilweisen Konsumverzicht. Wie nachhaltig dieses Verhalten wohl ist?

Was hat die Krise aus uns gemacht?
Verdichtetes Familienleben: Homeschooling machte das Wohn- zum KlassenzimmerAPA

2) Was tut das Virus mit Beziehungen?

Der Küchentisch als Schreibtisch, das Wohnzimmer als Großraumbüro mit integriertem Klassenzimmer. Kampf um Ruhezonen für Videokonferenzen. – Die Coronakrise hat Grenzzäune zwischen Arbeit und Wohnen eingerissen und den Familien- und Beziehungsalltag verdichtet.
Während man im Leben draußen auf verordneten Mindestabstand ging und die Nutzung des öffentlichen Raumes neu verhandelt wurde, rückte man sich drinnen (teilweise bis über ein verträgliches Toleranzmaß hinaus) auf die Pelle. Ein Anstieg an Fällen häuslicher Gewalt ist sichtbar. Gleichzeitig hat eine Untersuchung der Uni Wien ergeben, dass sich bei drei Viertel der Befragten das Verhältnis zum Partner seit Ausbruch der Krise nicht verändert hat; bei 17 Prozent hat es sich sogar verbessert, bei acht Prozent verschlechtert. Konfliktthemen sind vor allem Fragen zur Kindererziehung beziehungsweise zur Aufteilung der Hausarbeit. Von Soziologen wird durch das Homeschooling vor allem bei Frauen ein Rückfall in alte Rollenklischees konstatiert.

Die Corona-Krise hat das Augenmerk aber auch auf die Gruppe der Alleinlebenden gerichtet. Das „Social Distancing“ hat Vereinsamungstendenzen nicht nur in bei den von ihren Familien abgeschnittenen Alten verstärkt. Diese Gräben wieder zuzuschütten, ist eine der größeren Baustellen der „neuen Wirklichkeit“.

CORONAVIRUS: AUSTRALIAN SHEPHERD LOTTI IM 'HOMEOFFICE'
Homeoffice: Braucht es Wachhunde für die daheim arbeitende Herde der Belegschaft?APA

3) Homeoffice: Gewonnene Autonomie oder verlorene Kontrolle?

Mit Beginn des Lockdowns wurden Büromenschen mehr oder weniger von einem Tag auf den anderen aus ihren Berufsbiotopen herausgerissen und in bester Raumschiff-Enterprise-Manier in die eigenen vier Wände gebeamt. Und landeten wie ein Komet in einer darauf nicht vorbereiteten Umgebung: fehlende Infrastruktur, fehlender Platz, fehlendes Anwenderwissen, fehlende Erfahrungswerte.
Dafür bietet die neue Wirklichkeit jede Menge neue Möglichkeiten: mehr Eigenverantwortung, mehr Flexibilität, mehr zeitliche Souveränität. Das führe nicht nur zu einer höheren Leistungsbereitschaft, sondern auch zu mehr Wohlbefinden, sagt Bettina Kubicek, Arbeitspsychologin an der Karl-Franzens-Universität Graz: „Weil es uns als Menschen wichtig ist, Kontrolle über unser Tun zu erleben und sich als handlungsfähig wahrzunehmen.“

Wobei aber nahezu jeder Vorteil gleichzeitig auch mit einem Nachteil einhergeht, wie Christian Korunka, Professur für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Wien, differenziert: Man könne zwar (im Idealfall) ungestört dahinwerken, vereinsamt aber dabei. Man könne zwar autonom seine Arbeitszeit strukturieren, diese Selbstorganisation sei jedoch enorm herausfordernd.
Die Zunahme der Virtualität in Form von Videobesprechungen und damit einhergehende Zeit- und Geldersparnis bei Wegen führen parallel nämlich zu einer Reduktion sozialer Präsenz. „Es gibt weniger Möglichkeiten, spontan und informell zu kommunizieren“, so Kubicek. Entsprechende Ersatzräume zu schaffen, Signale für Probleme zu erkennen und angepasste Formen für Feedbackschleifen oder die Vermittlung von Kritik, vor allem aber Anerkennung und Wertschätzung zu kreieren, sei Aufgabe von Führungskräften in dieser neuen Wirklichkeit. „Denn nachhaltige positive Effekte gibt es nur, wenn sich ein Unternehmen dazu entschließt, flexibles Arbeiten als strategisches Ziel festzulegen – und nicht das Gefühl des Kontrollverlusts dominiert“, sagt Arbeitspsychologin Kubicek.

Zu einem Umdenken in der Bewertung von Arbeit rät auch die Soziologin Laura Wiesböck. Denn: Wie kann es sein, dass jene Berufe, die als „systemrelevant“ gelten, gleichzeitig jene sind, die wenig Wertschätzung und ein niedriges Gehalt bekommen, aber höhere Belastungen mit sich bringen? Wie wollen wir das in Zukunft anders gestalten?

Was hat die Krise aus uns gemacht?
Greta Thunberg: Vom Coronavirus aus den Schlagzeilen verdrängtAP

4) Lässt uns Corona den Klimaschutz vergessen?

Was macht eigentlich Greta Thunberg gerade? Eine zynische Frage. Aber im Wettlauf um die öffentliche Wahrnehmung scheint die junge Schwedin und ihre „Fridays for Future“-Bewegung derzeit ins Abseits gerutscht zu sein, verdrängt von zunächst dem Corona-Virus und derzeit von der Anti-Rassismus-Proteste rund um „Black Lives Matter“.
Dabei war die Umwelt ein erster Krisengewinner des „Lockdowns“. Die Ausgangsbeschränkungen und damit Verkehrs- und Produktionseinschränkungen aufgrund der Corona-Schutzmaßnahmen sorgten für Meldungen über klareres Meerwasser, sauberere Luft, weniger Stickstoffdioxid- und Feinstaub-Belastung und die Rückeroberung der Natur durch verdrängte Tiere.

Mittlerweile scheint die mobile Selbstbeschränkung aber eines der ersten Opfer des Hochfahrens des wieder maskenbefreiten Alltags zu sein. Staus an Berufspendler-Einfallstraßen und Grenzübergängen gehören längst wieder zur Tagesordnung. Die Corona-Bedrohung scheint abgereist, die Luftverschmutzung und der Klimaschaden aber wieder angekommen zu sein.
Vergessen wir angesichts massiver wirtschaftlicher Verwerfungen also auf den Klimaschutz? Jein. Aber die unterschiedliche Wahrnehmung bezüglich Zeit, Dramatik und persönlicher Betroffenheit lässt die Aufmerksamkeit schmelzen. Corona ist neu, akut und schwerwiegend, Klimawandel ist zwar deutlich folgenreicher, wirkt aber vergleichsweise langsam. Die Emotionalisierung gelingt über Gesichtsmasken leichter als über (wenn auch eindringliche) Parolen. Zudem liefert die Coronaabwehr in der subjektiven Wahrnehmung schneller sichtbare Erfolge und nicht erst eine langfristige Belohnung. „Beim Klimaschutz fehlt die Beziehungsdynamik“, vergleicht der Ethiker Jochen Ostheimer. Man schützt die abstrakte Nachfolgegeneration und nicht direkt die eigene Oma.

GERMANY-POLITICS-DIPLOMACY-HEALTH-WHO
Bill Gates, Angela Merkel: Mythos von geheimer Weltregierung der Reichen und Mächtigen?APA

5) Verschwörungstheorien: Wem noch was glauben?

Bill Gates oder der chinesische Geheimdienst, im Untergrund lebende Menschtierwesen oder göttliche Rache, eingekaufte Wissenschaftler oder eine sinistre Weltregierung: Die Liste mit vermeintlichen Drahtziehern hinter dem Virus, seiner Ausbreitung und den intendierten Folgen ist lang. Verschwörungstheorien, die einen geheimen Komplott hinter der Pandemie vermuten, haben Hochkonjunktur.
„Das ist keineswegs überraschend“, findet Caroline Heinrich, Professorin für Philosophie und Ethik an der Universität Wien, „denn Ereignisse, die bis zum Zeitpunkt ihres Eintritts für die meisten Menschen unvorstellbar waren, bilden den idealen Nährboden für Verschwörungsgeschichten“. Und so wachsen und wuchern sie als Nebenwirkung der Virusinfektion und erfreuen sich wachsenden Zuspruchs. Das hat auch psychologische Gründe: Zum einen gibt es die menschliche Neigung, anstelle aufwendiger Analysen moralische Empörung zu setzen. Zum anderen gibt man sich mit (zumindest für einen selbst schlüssigen) Erklärungsmustern das Gefühl, mit intellektueller Überlegenheit die Kontrolle über eine Situation zurückzugewinnen.

Umgekehrt können Verschwörungstheorien brandgefährlich sein, weil Extremisten sofort versuchen, das Vakuum allgemeiner Verunsicherung ideologisch auszufüllen, warnt Heinrich: „Wer an eine Verschwörungserzählung glaubt, wird von der Frage nach dem Sinn des In-der-Welt-Seins entlastet, weil man überzeugt ist, eine Aufgabe von weltgeschichtlicher Bedeutung zu erfüllen.“

Was hat die Krise aus uns gemacht?
Babyelefant: Rising Star des KrisenvokabularsAP

6) Sprechen Sie Coronasisch?

Sprache wirkt. Sie ist dabei nie neutral. Sie kann beruhigen und Angst machen, kann tarnen und demaskieren, kann verletzen und trösten. Und sie verändert sich. Fortwährend. Wörter und Formulierungen werden geboren und sterben. Auch in Zeiten der Coronakrise. Völlig neue Vokabel haben sich im Laufe der vergangenen hundert Tage in unseren Wortschatz eingeschlichen, andere wurden nur wiederbelebt.
Die Liste ist lang. „Hamsterkäufe“ erlebten eine explosionsartige Popularität wie auch „Mund-Nasen-Schutz“ oder „Babyelefant“. Um die wissenschaftliche Ernsthaftigkeit der Lage zu unterstreichen, adoptierte man kurzerhand Fachbegriffe wie „Pandemie“, „Reproduktionszahl“ oder SARS. Um zu signalisieren, dass dieser Ausnahmezustand nichts Einheimisches ist, griff man großzügig zu Anglizismen wie „Social Distancing“, „Homeoffice“, „Homeschooling“, „Tracking“, „Tracing“ oder „Shutdown“, um auch lautmalerisch eine exotische Distanz zum Aufgezwungenen aufzubauen. Was wird bleiben, wenn Corona geht – außer dem ewigen Aussprachequiz: „Karantäne“ oder „Kwarantäne“? Der oder das Virus?
Das österreichische Wörterbuch lässt vorsichtshalber beides zu.

Was hat die Krise aus uns gemacht?
Lockdown brachte einen Digitalisierungsschub. Aber wie ist das mit dem Datenschutz?stock.adobe.com

7) Datenschutz: Corona als Futter für die „digitale Krake“?

Während der „Lockdown“ weite Teile des Alltags lahmgelegt hat, hat er in Sachen Digitalisierung als Raketenantrieb gewirkt. „Die Krise hat uns vor Augen geführt, wie viel wir bereits digital tun können, wenn es die Verhältnisse erfordern“, analysiert die auf Zukunftstechnologien und digitalen Wandel spezialisierte Politikwissenschaftlerin Petra Schaper-Rinkel in einem Beitrag der Podcast-Serie „Hör-Saal“. Wobei sie aber nicht vergisst, auf Fallgruben der digitalen Vernetzung hinzuweisen: „Daten sind das Gold des 21. Jahrhunderts und wir geben sie gerade in einem unglaublichen Ausmaß an andere weiter.“ – Stichwort Videokonferenzplattformen, diverse App-Lösungen, usw., die zwar das Leben in Corona-Zeiten vereinfachen oder sicherer machen sollen, aber damit auch als permanente Datenlieferanten funktionieren. „Wir achten zu wenig darauf, warum wir manches von Anbietern geschenkt bekommen“, warnt Schaper-Rinkel: „Wir zahlen heute mit Daten, aus denen künftige Geschäftsmodelle entwickelt werden und machen uns aktiv zu gläsernen Menschen.“ Dazu kommt, dass wo große Datenmengen sind, es auch große Missbrauchsszenarien gibt. Vorsicht bleibt angebracht.

SALZBURG: CORONAVIRUS - POLIZEI MIT MUNDSCHUTZ
Scharfe Kontrollen zu Beginn des Lockdowns: Manche Strafen werden jetzt wieder zurückgezahltAPA

8) Wie viel Freiheit und Rechte wurden geopfert?

Mit Verweis auf die Ausnahmesituation blieb der Kanzler Mitte April flapsig: Die Verfassungsmäßigkeit der unter Zeitdruck erlassenen Verordnungen könne erst später geklärt werden – „wenn die meisten davon schon nicht mehr in Kraft sind“. Schon davor hatte der Bundespräsident ein offensichtlich verfassungswidriges Gesetz unterschrieben, um dringend notwendige Sofortmaßnahmen nicht zu verhindern. Mittlerweile werden verhängte Strafen wegen Vergehen gegen Corona-Maßnahmen teilweise zurückgezahlt.
Das alles hat Dellen im Image des Rechtsstaats hinterlassen. „Eine Krise zeigt, wie fragil eine Demokratie ist“, sagt die Grazer Rechtshistorikerin Anita Ziegerhofer: „Achtung – Rechtsstaatlichkeit ist nichts Selbstverständliches.“ „Wir werden aufmerksam beobachten müssen, dass nicht Entwicklungen in Richtung einer weiteren ,Versicherheitlichung‘ unsere Freiheiten nachhaltig einschränken“, mahnt die Wiener Rechtsphilosophin Elisabeth Holzleithner zu Sensibilität.
Tatsächlich sind viele der verordneten Einschränkungen persönlicher Freiheitsrechte zunächst geändert, später gelockert oder mittlerweile überhaupt aufgehoben worden.