Sport

Wie der Fußball zur Religion geworden ist

11.06.2021 • 09:37 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Religion und Fußball - das geht Hand in Hand
Religion und Fußball – das geht Hand in Hand imago/Rolf Zöllner

Spitzensport gehört zu Aktivitäten, die fast immer erlaubt waren.

Für sie ist der Fußball wie eine Religion“, sagt der TV-Kommentator, als die Kamera Nahaufnahmen von Fans in der Kurve zeigt. An Handgelenke gebundene Schals wirbeln durch die Luft. Die Trikots der Jubelnden sorgen für einheitliche Farben, Trommeln geben den Takt der Gesänge vor. „Auch heute sind sie wieder in ihre Kathedrale gepilgert!“ Gemeint ist das Stadion ihrer Mannschaft. Hier beten sie ihre Priester an, also die Spieler auf dem Rasen. Die überbringen die Botschaft Gottes, oder des Fußballs.

Es sind Andeutungen, die man überall dort in TV-Übertragungen hört, wo ein Land den Fußball liebt. Anderswo mag es ähnliche Parallelen für entsprechenden Nationalsportarten geben: Cricket in Indien, Rugby in Neuseeland. Und in wieder anderen Ländern entwickelt sich so ein Kult manchmal um besonders erfolgreiche Einzelsportler: Der Boxer Manny Pacquiao auf den Philippinen, der Langstreckenläufer Haile Gebrselassie in Äthiopien.

Fußball oder Cricket ist keine Religion

Natürlich dürften die Kommentatoren, die die Fans im Stadion zu Gläubigen erklären und die Athleten auf dem Platz zu Predigern göttlicher Gebote, das wissen, was wohl alle wissen, wenn sie solche Sätze hören: Hier wird maßlos übertrieben. Fußball oder Cricket ist keine Religion wie Christentum oder Islam. Wer am Sonntag nicht ins Stadion geht, fürchtet kein Leben in der Hölle. Und wenn eine beliebte Mannschaft nicht mehr gewinnt, bedeutet das für die Fans auch kein Unheil im Alltag.

Aber die Pandemie hat gezeigt, wie Recht die reißerischen Kommentatoren aus aller Welt trotzdem hatten. Als sich im Frühjahr 2020 in diversen Ländern das Corona-Virus ausbreitete und überall Lockdowns erzwang, geriet das Alltagsleben in Stillstand. Wobei es schon bald wenige Ausnahmen gab: Neben den Kirchen durften die Fußballstadien wieder öffnen. Lange Zeit konnten zwar keine Fans kommen, aber gespielt wird seit mehr als einem Jahr trotzdem wieder.

June 30 2015 Prag Czech Republic 150630 Sweden s John Guidetti in a football match U21 U 2
Der Fußballer als der neue PredigerImago

Wem Christentum oder Fußball nichts bedeutet, wird Schwierigkeiten haben, das zu verstehen. Bei beiden Aktivitäten liegen die Infektionsrisiken auf der Hand. Bei einem Kirchenbesuch halten sich viele Menschen für längere Zeit in einem geschlossenen Raum auf. Im leeren Fußballstadion unter freiem Himmel laufen die Sportler Gefahr, sich anzustecken. Sie tun es auch, wie sich immer wieder zeigt.

Trotzdem startet an diesem Wochenende eine quer über den Kontinent verteilte Fußball-Europameisterschaft. Kurz darauf folgen dann Ende Juli die Olympischen Spiele in Tokio, die mit rund 11.000 Athleten die größte Sportveranstaltung der Welt. Die Stadien der Euro werden zum Teil mit Fans gefüllt sein, die ihren Mannschaften dann hinterher reisen. Für Tokio steht die Entscheidung, ob die Ränge leer bleiben müssen, noch aus. Entschieden aber ist wohl: Die Show wird laufen, abgesagt werden die Spiele nicht mehr.

Der Sport als beste Unterhaltung

Ist das Wahnsinn? Für Ungläubige schon. Aber große Teile der Welt sind nun einmal gläubig, entweder als Anhänger einer klassischen Religion oder als Sportfans. Tatsächlich teilt der Kult um den Sport in der heutigen Welt mehrere Merkmale mit klassischen Glaubensrichtungen: Als in früheren Jahrhunderten die Religionen boomten, begeisterten sie die Menschen auch durch gute Unterhaltung. In den Kirchen gab es packende Predigten, die beste Musik und die schönste Architektur. Heute fühlen sich viele Menschen von nichts so gut unterhalten wie von Sport.

Das liegt aber auch an den Werten, die er vertritt. Die klassischen Religionen lehrten Tugenden wie Frommheit, Gottesfurcht und Nächstenliebe. In einer zusehends atheistisch und kapitalistisch geprägten Gesellschaft herrschen liberale Werte des Humanismus vor. Und die sind kaum irgendwo so gut erkennbar wie im Sport: Fairness, Respekt für Regeln und Wettbewerb, das Arbeiten für eigene Träume, ständige Selbstoptimierung, Selektion durch Leistung.

Die Reinform liberaler Gesellschaften

Der Sport ist quasi die Reinform liberaler Gesellschaften. In ihm erkennen wir die ästhetischen, schönen Seiten unseres modernen Wertegerüsts.
So ähnlich haben die Vertreter des Profisports auch argumentiert, als sie sich im Frühjahr letzten Jahres für einen raschen Neustart ihrer Wettbewerbe einsetzten. Die Menschen brauchten doch den Sport, ein Heilsbringer in einer verrückt gewordenen Welt. Und ihr Argument schien der Politik umso überzeugender, da auch noch so unglaublich viel Geld dahintersteckt. Eben weil der Sport für all die reinen Werte des Liberalismus steht, wollen sich diverse Sponsoren mit ihm schmücken – und die fordern für ihre investierten Milliarden, dass der Sport, und damit ihre Marken, weiterhin zu sehen ist.

Dass nun in der Pandemie diese Wettbewerbe stattfinden, und damit Neuansteckungen und Leben riskiert werden, wirkt gesellschaftlich betrachtet höchst irrational, hat aber seine Logik. Man muss nur verstehen, dass Sport heutzutage wirklich eine Art Religion ist. Dann steht das Rationale auch nicht mehr an erster Stelle.