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Premieren-Trainer, der keine Ausreden will

11.06.2021 • 09:38 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Josef Hickersberger blickt auf die EM 2008 zurück.
Josef Hickersberger blickt auf die EM 2008 zurück. APA/Roland Schlager

Hickersberger, EM-Teamchef 2008, nimmt Ausscheiden auf sich.

Der Österreicher betrachtet das Vergangene bisweilen verklärt, aber Josef Hickersberger schickt den Weichzeichner ins Abseits. Der erste Euro-Teamchef der rot-weiß-roten Fußballgeschichte lässt in seinen Betrachtungen über das Heimturnier anno 2008 ein gerüttelt Maß an Wehmut einfließen. „Es war eine großartige Veranstaltung. Leider haben wir unsere Erwartungen, vor allem die Erwartungen unserer Fans nicht erfüllen können. Wir haben nicht so abgeschnitten, wie wir uns das erhofft und erwünscht haben“, bedauert der 73-Jährige auch heute noch den vorzeitigen Abschied seiner Mannschaft nach der Gruppenphase.

Bei der Suche nach den Ursachen für das damalige Aus bemüht Hickersberger keine analytischen Aufarbeitungen aus dem Fußball-Forschungslabor. Es sei „müßig, über die Gründe zu räsonieren. Sagen wir ganz einfach, der Teamchef war nicht gut genug„, lädt der einstige Nationaltrainer alle Schuld auf sich. „Mea culpa, mea maxima culpa.“

Den Einwand, dies sei möglicherweise eine etwas zu einfache Erklärung, lässt der Verantwortungsträger nicht gelten. „Alles andere würde als Ausrede interpretiert werden. Das ist einfach nur selbstkritisch„, meint Hickersberger. Angesprochen auf die Teams von 2008 bzw. 2021 wird der gebürtige Amstettener schon etwas konkreter.

Hochachtung vor Alaba

„Es ist natürlich schwierig, die beiden Mannschaften zu vergleichen, aber auch das werde ich auf keinen Fall als Ausrede heranziehen. Wir haben jetzt eine großartige Mannschaft mit sehr vielen Klassespielern“, sagt Hickersberger und verweist mit Hochachtung auf David Alaba. „Da ist einer dabei, der von Real, vom königlichen Klub verpflichtet wurde. Das ist eine Auszeichnung, die noch keinem Österreicher zuteil wurde.“ Lediglich Hans Krankl und Herbert Prohaska könnten es diesbezüglich mit dem Ex-Bayern-Kicker aufnehmen. „David Alaba ist der nächste, der in diese großen Fußstapfen tritt.

In seiner (zweiten) Teamchef-Ära habe es keinen Spieler gegeben, der international eine solche Anerkennung erfahren hätte. „Das ist keine Ausrede, das ist ein objektiver Tatbestand.“ Er habe jedoch die damalige Mannschaft „nach bestem Wissen und Gewissen betreut“. Hickersberger sagt dies frei von jeglicher Verbitterung. „Es war eine Riesenherausforderung, der ich mich gestellt habe. Da gibt es nichts zu lamentieren.“

Die Aufgabe war jedoch keine einfache. „Schwere Gruppe? Ja, das könnte man auch so sehen“, muss Hickersberger lachen bei den Gedanken an den späteren Finalisten Deutschland und an die Kroaten. „Vor denen muss man immer Hochachtung haben.“ Ungeachtet des Scheiterns überwiegen in der Retrospektive die positiven Gedanken. „Die schönste Erinnerung ist für mich, wie großartig die Fans uns unterstützt und sich auch dann trotz unseres bescheidenen Abschneidens nach der EM gegenüber der Mannschaft verhalten haben

Dem aktuellen Team traut der Pendler zwischen Spanien und Wien den Einzug ins Achtelfinale zu. „Die Mannschaft hat die Qualität, ich bin eigentlich überzeugt davon.“ Dass die letzten Spiele nicht nach Wunsch verlaufen sind, sieht Hickersberger positiv. „So steigt die Erwartungshaltung nicht ins Unermessliche. Und die Mannschaft kann sich garantiert steigern.“

2008 beendete das als Veranstalter automatisch qualifizierte Österreich unter Josef Hickersberger das Turnier nach zwei 0:1-Niederlagen gegen Kroatien und Deutschland sowie einem 1:1 gegen Polen als Gruppendritter.