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Krönt sich Thiem gegen Medwedew zum König?

22.11.2020 • 11:15 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Dominik Thiem feierte seinen 300. Einzelsieg
Dominik Thiem feierte seinen 300. Einzelsieg GEPA pictures

Der 27-jährige kämpft zum zweiten Mal um den Sieg bei den ATP Finals.

Wäre es schon das Finale gewesen, man hätte es als würdig bezeichnen dürfen. Fast drei Stunden droschen sich Dominic Thiem und Novak Djokovic die Bälle um die Ohren – und am Ende reduzierte es sich doch auf dieses eine entscheidende Tiebreak zwischen der Nummer eins und der Nummer drei der Welt. Und das, nachdem Djokovic im zweiten Satz im Tiebreak vier Matchbälle abgewehrt hatte und einmal mehr den Beweis zu liefern schien, dass er in diesen Entscheidungsspielen der König ist – denn schnell lag er auch im dritten Satz 4:0 voran.

Was dann folgte, war aber mehr als ein Fingerzeig in die Zukunft, es war Spiegelbild der Gegenwart und eines enorm starken Dominic Thiem. Denn ab dem 0:4 feuerte der Niederösterreicher aus allen Rohren und hatte, wie er bescheiden anmerkt, „Glück“. Denn: „Ich bin ab diesem Zeitpunkt auf jeden Schuss gegangen – und alle waren drin. Das wird aber nicht in jedem Spiel so sein.“

„Ich bin genauso nervös wie immer“

Was dazukam: Diesmal zitterte er offenbar nicht beim Matchball, so wie im Satz zuvor. Denn da, so gestand der 27-Jährige ein, musste er feststellen, dass der Grand-Slam-Sieg von New York in einer Hinsicht nichts geändert hat. „Ich hab gehofft, dass ich ruhiger bin. Aber ich war genauso nervös wie immer. Das Schlimmste: Den ersten Matchball habe ich mit Doppelfehler vergeben. Ich war so angespannt, ich wusste schon vor dem zweiten Aufschlag, dass es einer wird …“

Dann aber kam die Wende – im Tiebreak gegen den König. „Novak geht in jedes Entscheidungsspiel mit der Einstellung, dass er nicht verlieren kann, seine Bilanz ist ein Wahnsinn“, meinte Thiem, dessen eigene Bilanz sich heuer durchaus auch sehen lassen kann: 11:2 lautet sie 2020, nur Djokovic war besser. Aber Thiem warnt: „Tiebreak, das ist immer auf des Messers Schneide! Im Vorjahr habe ich hier auch im Gruppenspiel das entscheidende Tiebreak im dritten Satz gegen Novak gewonnen – und dann im Finale das Tiebreak im dritten Satz verloren. Auf diesem Niveau braucht es Glück.“

Schon einer der Großen?

Nur an Glück kann es aber nicht liegen, dass Thiem am Samstag nicht nur den zweiten Einzug in Folge ins Endspiel der ATP-Finals in London schaffte, sondern gleich zwei weitere Meilensteine meisterte: Der Erfolg gegen Djokovic war sein 300. Sieg auf der ATP-Tour. Und der Sieg über den Serben war sein fünfter in direkten Duellen. Und damit ist Thiem erst der zweite Spieler nach Andy Murray, der gegen die „Großen Drei“ – Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic – jeweils fünf Siege gefeiert hat.

Dass er deswegen aber schon Teil der Gruppe der „Großen“ sein sollte, wie ihm ein italienischer Journalist nahelegte, das will Thiem nicht annehmen, das kostete ihn sogar ein Lachen: „Davon bin ich mit nur einem Grand-Slam-Sieg und einem Sieg bei einem Masters-1000-Turnier ein gutes Stück entfernt“, sagte er und beteuerte: „Was stimmt, ist, dass ich unheimlich gerne gegen sie spiele. Weil jedes Spiel ist ein Privileg, eine Möglichkeit, viel zu lernen. Jeder Sieg über sie ist natürlich ein gewaltiger Schub fürs Selbstvertrauen.“


Selbstvertrauen, das er brauchen kann. Für das heutige Endspiel, das Finale des so merkwürdigen Jahres. Der Gegner: Daniil Medwedew, der Rafael Nadal in drei Sätzen 3:6, 7:6, 6:3 niederrang. Thiem: „Er war in dieser Woche bisher wohl der beste Spieler hier.“