Politik

Ungereimtheiten um Trumps Infektion

04.10.2020 • 11:39 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Sean Conley
Sean Conley (c) AP (Susan Walsh)

Leibarzt ist Fragen zur Erkrankung des US-Präsidenten ausgewichen.

Seit gut 17 Stunden ist Donald Trump Patient im Walter-Reed-Militärkrankenhaus in Bethesda, als sein Leibarzt Sean Conley dort am späten Samstagvormittag vor die Journalisten tritt. Dass der US-Präsident sich nicht nur mit dem Coronavirus infiziert hat, sondern sogar ins Krankenhaus geflogen wurde, hat die Nation zutiefst verunsichert.

Conley wird von gleich neun Kolleginnen und Kollegen in weißen Kitteln flankiert, seine Mission: Die Amerikaner über Trumps Gesundheitszustand aufzuklären. Keine 13 Minuten dauert der Auftritt. Danach ist nicht nur die Verunsicherung, sondern auch das Misstrauen gegenüber dem Weißen Haus noch größer als zuvor.

ALLE WERTE NORMAL?

Conley zeichnet ein rosiges Bild vom Zustand des 74-Jährigen. „Heute Morgen geht es dem Präsidenten sehr gut“, sagt der Mediziner. Trump sei seit 24 Stunden fieberfrei. Husten, Nasenverstopfung und Müdigkeit seien abgeklungen. „Zum jetzigen Zeitpunkt sind das Team und ich sehr zufrieden mit dem Fortschritt, den der Präsident gemacht hat.“ Conleys Kollege Sean Dooley sagt, Trump habe keine Atembeschwerden. Herz, Nieren, Leber – alle Werte normal. „Er ist in außergewöhnlich guter Stimmung.“ Bei der morgendlichen Ärztevisite habe Trump sogar folgende ermutigende Bemerkung gemacht: „Ich fühle mich, als könnte ich hier heute rauslaufen.“

DIE INFORMATIONEN DER ANONYMEN QUELLE

Das Briefing der Mediziner ist gerade erst zu Ende, da sticht eine anonyme Quelle den Reportern am Krankenhaus Informationen durch, die ganz anders klingen: „Die Werte des Präsidenten in den vergangenen 24 Stunden waren sehr besorgniserregend“, heißt es da. Die nächsten 48 Stunden würden entscheidend. „Wir befinden uns noch immer nicht auf einem klaren Weg zu einer vollständigen Genesung.“ Die „New York Times“ berichtet später, bei der Quelle habe es sich um Trumps Stabschef Mark Meadows gehandelt. Das Weiße Haus lässt Anfragen dazu unbeantwortet. Einer von Trumps engsten Mitarbeitern scheint der optimistischen Darstellung des Leibarztes zu widersprechen.

DER LEIBARZT WEICHT AUS

Auch ohne Meadows Querschuss ließ Conleys Auftritt viele Fragen offen. Keine Antwort darauf, wie hoch Trumps Fieber war. Keine Angaben auch dazu, wann Trump das letzte Mal negativ auf das Virus getestet wurde oder wo er sich angesteckt haben könnte. Vor allem weicht der Mediziner wiederholt der Frage aus, ob Trump irgendwann im Verlauf seiner Covid-19-Erkrankung zusätzlichen Sauerstoff benötigt habe. „Er bekommt im Moment keinen Sauerstoff“, antwortet Conley. Der Grund für die Einschränkung wird bald darauf klar: Die „New York Times“ berichtet, Trump habe am Freitag Atemprobleme gehabt. Das habe die Ärzte dazu veranlasst, ihm zusätzlichen Sauerstoff zu verabreichen – und ihn ins Krankenhaus zu bringen.

WANN LAG TRUMPS TESTERGEBNIS VOR?

Trumps Leibarzt sagt am Samstagmittag auch, die Coronavirus-Diagnose liege „72 Stunden“ zurück. Das wäre verheerend für Trump: Dann hätte er gewusst, dass er hochansteckend ist, bevor er am Mittwochabend und Donnerstagnachmittag in Minnesota und New Jersey Spender traf. Schon so wird der Präsident kritisiert, weil das Weiße Haus vor seinem Treffen am Donnerstag Kenntnis davon hatte, dass eine seiner engsten Beraterinnen mit dem Virus infiziert war. Conley verfasst wenig später eine vom Weißen Haus verbreitete „Klarstellung“, in der es heißt, er habe sich falsch ausgedrückt. Tatsächlich sei Trumps positives Testergebnis erst am Donnerstagabend vorgelegen.

TRUMP UND DIE KRANKENHÄUSER

Maggie Haberman, die für die „New York Times“ über Trumps Weißes Haus berichtet, schreibt auf Twitter, Conley habe seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt. „Das liegt zum Teil daran, dass er den Wünschen eines Patienten nachkommt, der nicht will, dass die Information über gestern offengelegt wird“, heißt es in Habermans Tweets unter Berufung auf Trumps Umfeld. Sein ganzes Leben lang habe Trump eine Phobie vor Krankheiten und ein extremes Misstrauen gegenüber Krankenhäusern gehabt. „Er wäre nicht in ein Krankenhaus gegangen, wenn es ihm relativ gut ginge.“

EINE REINE VORSICHTSMASSNAHME?

Der Sender CNN berichtet, Berater hätten Trump dazu drängen müssen, an Bord des Hubschraubers zu steigen, der ihn am Freitagabend ins Krankenhaus brachte. Das Weiße Haus hatte zuvor von einer reinen Vorsichtsmaßnahme gesprochen. Meadows hatte am Freitag gesagt, Trump sei „in guter Stimmung“ und sehr energiegeladen. Der Präsident zeige lediglich „leichte Symptome“. Nach „besorgniserregenden“ Werten klang das nicht. Trump selber sagte am Freitagabend in einer Videobotschaft: „Ich denke, mir geht es sehr gut.“ Am Samstagabend widerspricht er seiner Aussage von rund 24 Stunden zuvor. In einem Video aus dem Krankenhaus sagt er: „Ich kam hierhin, fühlte mich nicht so gut.“ Der Präsident fügt dann hinzu: „Jetzt fühle ich mich viel besser.“

EIN VERDÄCHTIGES ARZTSCHREIBEN

Um die Glaubwürdigkeit Trumps (nicht nur) in medizinischen Fragen war es schon vor seiner Erkrankung schlecht bestellt. Sein Wahlkampfteam präsentierte im Jahr 2015 das Schreiben eines Arztes namens Harold Bornstein, in dem es hieß: „Ich kann eindeutig sagen, dass Herr Trump, sollte er gewählt werden, die gesündeste Person sein wird, die je in das Präsidentenamt gewählt wurde.“ Der Duktus erinnerte wohl nicht umsonst an den Präsidenten der Superlative. Bornstein sagte dem Sender CNN vor knapp zweieinhalb Jahren: „Er hat den ganzen Brief diktiert. Ich habe diesen Brief nicht geschrieben.“

KANN MAN DEM WEISSEN HAUS VERTRAUEN?

CNN kritisiert nun, unter Trump habe das Weiße Haus „die Erosion von Wahrheit und Fakten zu seiner zentralen Aufgabe gemacht“. Die „Washington Post“ meint, man könne diesem Weißen Haus nicht vertrauen, dass es wahrheitsgemäß über Trumps Gesundheitszustand informiere. Die Nachrichtenseite Axios schreibt in einem Newsletter sogar von „Vertuschung“ und fragt, warum der Öffentlichkeit Widersprüchlichkeiten vorgesetzt würden. Auch Mitarbeiter des Weißen Hauses und von Trumps Wahlkampfteam seien seit Meadows Äußerungen ratlos, was eigentlich vor sich gehe. „Sie haben, wie wir, wenig Vertrauen in das, was ihnen gesagt wird.“