Österreich

Massive Sachschäden, keine Verletzten

18.07.2021 • 11:20 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Aufräumarbeiten in Hallein am Sonntag
Aufräumarbeiten in Hallein am Sonntag Pregartner

In Hallein wurde am Samstag ein Bach zum reißenden Fluss durch die Altstadt.

Nach einer Starkregenfront in weiten Teilen des Landes Salzburg lief in der Stadt Hallein zu einer Verklausung des Kothbaches, der daraufhin überlief und die Altstadt flutete. Rund um den Mathias-Bayrhamer-Platz drangen Wasser und Schlamm in Geschäftslokale, Wohnungen und Keller ein.

„Gott sei Dank sind bisher keine Personenschäden gemeldet worden“, informiert Jakob Hilzensauer, Sprecher der Stadtgemeinde, Sonntagfrüh im Telefonat mit der Kleinen Zeitung. In der Altstadt gebe es jedoch massive Sachschäden, die sich noch nicht beziffern lassen. Bürgermeister Alexander Stangassinger sowie Vertreter der Wildbach- und Lawinenverbauung verschafften während eines Fluges mit dem Polizeihubschrauber ein Bild des Schadensausmaßes aus der Luft.

Das unglaubliche Ereignis habe sich „gar nicht abgezeichnet“, zeigt sich Stangassinger fassungslos. Etwa um 20.30 Uhr sei es losgegangen und innerhalb einer halben Stunde hieß es dann „Land unter“. „Wir schauen, dass wir so viel wie möglich heute aufräumen und in einigen Tagen die oberflächlichen Schäden beseitigt haben“, so der Bürgermeister. Bis man aber auch der wirklich groben Schäden Herr werden könne, dauere es wohl „Wochen oder Monate“.

Zur Überflutung sei es durch eine „Verkettung unglücklicher Ereignisse gekommen“, führen Stangassinger und Hilzensauer aus: zunächst die Verklausung, dann sei auch noch ein Auto von den Wassermassen mitgerissen worden und habe die Situation weiter verschärft. Das letzte Mal, dass der Kothbach derart über die Ufer getreten war, sei 1976 gewesen, das letzte schlimme Hochwasser habe man 2002 zu verzeichnen gehabt, erinnert sich Hilzensauer.

„Der aktuelle Stand ist, dass sich die Lage aufgrund der geringer werdenden Niederschläge beruhigt hat“, schildert Hilzensauer am Vormittag. „Die Wetterprognosen für den ganzen Tag sind aber so, dass keine Entwarnung gegeben werden kann – es kann immer wieder zu Starkregenereignissen kommen.“ Eine Siedlung in Ortsteil Gamp musste evakuiert werden, weil eine Stützmauer einzustürzen drohte.

Massive Sachschäden, keine Verletzten
Blick aus der Luft auf die UnwetterschädenSonstiges

Um 9 Uhr wurde die Feuerwehr mit Zügen aus dem Lungau, Tennengau und der Stadt Salzburg massiv aufgestockt. Die Aufräumarbeiten beschränkten sich derweil auf Situation, wo Gefahr im Verzug ist, so Hilzensauer. In der Nacht hatten die Feuerwehren um 3.30 Uhr Leute abgezogen, um Kräfte zu tanken – in der Nacht waren laut Bürgermeister Stangassinger 212 Feuerwehrleute aus sieben Gemeinden mit 36 Fahrzeugen im Einsatz. Am Sonntag dürfte ihre Zahl noch deutlich angewachsen sein. Zu tun gibt es genug: „Wir räumen die Verkehrswege frei, pumpen Keller aus und sind mit den Aufräumarbeiten in Hallein und Bad Dürrnberg beschäftigt“, zählt der Halleiner Feuerwehrkommandant und Einsatzleiter Josef Tschematschar auf.

Gegen Mittag machte sich auch Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer gemeinsam mit Bürgermeister Stangassinger ein Bild der Lage.

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Bürgermeister Alexander Stangassinger und Landeshauptmann Wilfried HaslauerKleine Zeitung

Bundesheer angefordert

Bereits um 2.15 Uhr früh forderte die Bezirkshauptmannschaft Hallein wegen der anhaltend starken Regenfälle und der entstandenen Überflutungen und Murenabgänge Assistenzkräfte vom Bundesheer an. Daraufhin alarmierte das Militärkommando Salzburg die präsente Pionierkompanie des Pionierbataillons 2 in der Schwarzenbergkaserne in der Stärke von 150 Soldatinnen und Soldaten.

Derzeit erkunden Pionierfachkräfte in enger Zusammenarbeit mit den Behörden, der Polizei und der Feuerwehr die Schadensstellen im Bezirk Hallein. Das Bundesheer rechnet mit einem Einsatzbeginn in den Mittagstunden. Die konkreten Aufgaben der Soldaten stehen nach der noch laufenden Erkundung fest.

Verteidigungsministerin Klaudia Tanner zeigt sich betroffen: „Die Bilder, die uns in der Nacht aus Hallein erreicht haben, haben uns alle schwer getroffen. Die Salzburger Pioniere, die eng mit der Region verbunden sind, helfen auch hier der leidgeprüften Bevölkerung. Unser Heer ist immer da, wenn die Bevölkerung unsere Unterstützung benötigt.“

Entspannung erst am Abend

Laut Katastrophenschutz und dem Hydrographischen Dienst des Landes Salzburg wird der Regen noch bis mindestens Sonntagmittag anhalten, erst am Abend wird mit einer Entspannung der Lage gerechnet. Bis dahin wird die Bevölkerung gebeten, unnötige Fahrten und Spaziergänge zu vermeiden. Wasserabläufe sollten freigehalten, Kellerschächte abgedeckt und die Pegelstände im Auge behalten werden. Die Bevölkerung soll zudem die Hinweise und Warnungen der Behörden befolgen.

Lokalaugenschein in der Nacht

Ein Lokalaugenschein der Kleinen Zeitung kurz nach Mitternacht zeigt: Schlamm bedeckt einige Straßen und Plätze, das Wasser ist mittlerweile in die Salzach abgeflossen. Besonders betroffen: das Gebiet rund um den Mathias-Bayrhamer-Platz.

Einer, der das Ansteigen des Wassers eben dort von einem Lokal aus hautnah miterlebt hat, ist Julian Rabl aus Adnet. „Wir haben nach drei Jahren Maturatreffen gehabt. Zuerst war Stromausfall. Nach fünf Minuten schaust du aus dem Fenster und da steht voll das Wasser“, schildert der junge Mann. Etwa 20.30 Uhr sei es da gewesen. „Blumentöpfe fließen vorbei, von einem Gewandgeschäft ist die Scheibe gebrochen und das Gewand ist rausgeschwommen“, so Rabl. Man konnte nicht hinaus – schließlich war dort das Wasser – also blieben die jungen Erwachsenen, nun bei Kerzenlicht, im Lokal. Dort, wo sie saßen, sei immerhin kein Wasser eingedrungen.

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Julian Rabl hat miterlebt, wie sich die Wassermassen ihren Weg durch die Innenstadt bahntenKleine Zeitung

Ganz in der Nähe hatten andere weniger Glück: „Bei einem Freund von mir ist das ganze Erdgeschoß unter Wasser“, sagt Rabl.

In besagtem Gewandgeschäft wiederum scheint kaum etwas heil geblieben zu sein: die Tür herausgerissen, Regale umgestürzt, der Boden bedeckt mit einer Mischung aus Kleidungsstücken und Schlamm.

Auf dem Platz werden indes nicht nur Möbelstücke aus den verschlammten Geschäftslokalen und Kellern getragen und die braune Brühe mit Kübeln, Schneeschaufeln und Besen nach draußen befördert. Feuerwehrkameraden und weitere freiwillige Helfer füllen auf Hochtouren Sandsäcke, dichten Eingänge ab. „Es ist noch nicht vorbei“, bringt ein Herr die Angst vor weiterem Hochwasser auf den Punkt. „Sandsäcke tragen, nicht filmen“, wird ein Kameramann angeherrscht, der die Bilder der Zerstörung einfangen möchte.

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Die Wassermassen rissen auch dieses Auto mitKleine Zeitung

In einer Nebengasse steht ein völlig zerbeultes Auto – ebenfalls von den Wassermassen mitgerissen. Und nicht nur das, gleich daneben fehlen der Fahrbahn ganze Asphaltbrocken, die sich nun etwa 150 Meter entfernt zu einem Haufen türmen. Ein Bagger rollt an: Die Einsatzkräfte sind hier auch schon mit schwerem Gerät vor Ort.

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Die aufgetürmten, weggerissenen AsphaltbrockenKleine Zeitung

In gegenüberliegende Richtung scheint eine Konditorei Glück im Unglück gehabt zu haben. Wasser drang zumindest ins Geschäftslokal nicht wirklich ein. Die Nachbarn Helmut und Ramona Hinterlechner sind, von der Betreiberin kontaktiert, gerade dabei, die gröbsten Spuren im Keller und Gastgarten zu beseitigen. „Wir waren oben auf der Dachterrasse und haben gemerkt, dass das Wasser nicht mehr abrinnt“, berichten sie. „Dann haben wir gesehen, dass ein reißender Bach durch die ganze Gasse rinnt.“ Vom Geschäftslokal aus habe es dann durch die Scheibe ausgesehen „wie ein Aquarium. Der Schlamm hat zum Glück die ganze Fuge abgedeckt“, erläutern die beiden. So sei das Wasser eben draußen geblieben.

Die Bevölkerung von Hallein war aufgefordert worden, in den Häusern zu bleiben, Tiefgaragen und Keller nicht zu betreten und sich auch von den Dämmen der Fließgewässer fernzuhalten. Ein Bericht der Salzburger Nachrichten, wonach „Personen in der Gefahrenzone von einem Hubschrauber geborgen werden müssen“, bestätigte sich laut Stadtgemeinde nicht.

Sehr wohl sei es am Samstag aber ganz in der Nähe zu einer brenzligen Situation gekommen, wie Hilzensauer berichtet: „Da hätte es fast zwei Leute weggeschwemmt, aber die sind Gott sei Dank durch die Sogwirkung auf einen Parkplatz hineingezogen worden und haben sich dort auf eine Mauer gerettet. Sie sind dann von der Feuerwehr per Auto gerettet worden.“

Videos auf Facebook und Twitter zeigen das gewaltige Ausmaß der Überschwemmungen in der historischen Altstadt von Hallein: