Österreich

Soll der Handel vorzeitig aufsperren?

22.11.2020 • 11:37 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
++ THEMENBILD ++ CORONA: EINKAUFSSTRASSE / HANDEL
Themenbild: Einkaufen zu CoronazeitenAPA/HELMUT FOHRINGER

Forderung nach zwei verkaufsoffenen Sonntagen erhitzt die Gemüter.

Für eine Öffnung spricht sich Rainer Trefelik, Bundesobmann der Sparte Handel in der Wirtschaftskammer Österreich, aus. Die Öffnung an den zwei Sonntagen vor Weihnachten nach dem Lockdown sei eine Möglichkeit, den Umsatz anzukurbeln. Auch bei den Konsumenten werde es Nachholbedarf geben. Mehr Tage helfen dabei, Kundenströme aufzuteilen, meint Trefelik. Hier seine Argumente:

Was zählt, ist die Sicherheit. Denn wir müssen unter allen Umständen verhindern, dass es in Österreich nach dem Lockdown gleich wieder eine nächste Corona-Infektionswelle gibt. Zur Eindämmung der Pandemie können die Massentestungen ebenso wie andere Schutzmaßnahmen, etwa Leitsysteme für die Kundenströme, beitragen – und das werden sie auch, wenn sich die Menschen in unserem Land daran halten. Deshalb ist es so wichtig, dass schon jetzt entsprechende Pläne ausgearbeitet werden, die ja eine gewisse Vorlaufzeit haben.

Ökonomisch gesehen wird eine signifikante Zahl österreichischer Händler im Jahr 2020 keine Gewinne schreiben wird. Jetzt kommt es darauf an, die Verluste in erträglichen Grenzen zu halten. Das Weihnachtsgeschäft wird mit darüber entscheiden, ob das gelingt.

Es ist daher wichtig, dass nach dem Ende des zweiten Corona-Lockdowns die Kauflust zurückkehrt. Glücklicherweise scheint der Trend zum regionalen Einkaufen durch die Krise gestärkt worden zu sein. Immer mehr Menschen begreifen, dass sie mit jedem ausgegebenen Euro darüber abstimmen, ob sich entweder die ausländischen Online-Giganten die Hände reiben können oder ob der österreichische Handel und mit ihm die heimischen Arbeitsplätze gestärkt aus der Krise gehen können. Viele Branchen haben seit März große Verluste zu verkraften. Nun steht das Weihnachtsgeschäft, das für viele einen wesentlichen Anteil am Jahresumsatz ausmacht, auf dem Spiel. Die Lager der heimischen Händler sind voll, die Ware für das Weihnachtsgeschäft ist bestellt. Leider ist die Zeit des Weihnachtsgeschäfts durch den Lockdown zeitlich deutlich reduziert.

Zur Person

Rainer Trefelik (1970 geboren) ist Obmann der Sparte Handel in der Bundeswirtschaftskammer. Promovierte an der WU Wien. Seit 2005 ist er geschäftsführender Gesellschafter bei Popp & Kretschmer Modehandel.

Einer unserer Vorschläge, um den Umsatz anzukurbeln, ist die Möglichkeit der Öffnung an den zwei Sonntagen vor Weihnachten, die nach dem Lockdown verbleiben. In den Branchen, die derzeit geschlossen bleiben müssen, wird es nicht nur beim Handel selbst, sondern auch bei den Konsumentinnen und Konsumenten einen Nachholbedarf geben. Daher ist es wichtig, die Kundenströme auf mehr Tage aufzuteilen. Zwei zusätzliche Einkaufstage würden daher nicht nur aus wirtschaftlicher, sondern auch aus epidemiologischer Sicht, einen Gewinn bedeuten.

Das wollen wir in Gesprächen der Sozialpartner mit Gesundheitsexperten klären. Dabei sind wir offen für alle Ideen. Denn mit vereinten Kräften kann es gelingen: Retten wir das Weihnachtsgeschäft – mit Sicherheit in die Weihnachtszeit, zum Wohl des Handels und zum Schutz der Arbeitsplätze, die der Handel schafft und sichert.“


GPA-Chefin gegen Sonntagsöffnung

Gegen die Öffnung spricht sich Barbara Teiber, Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Privatangestellten aus. Niemand kaufe mehr, nur weil Läden am Sonntag geöffnet sind. Bestehendes Verkaufsvolumen verteile sich bloß anders. Die Beschäftigten im Handel haben Wertschätzung verdient, nicht Mehrbelastungen, meint Teiber. Hier ihre Argumente:

Der freie Sonntag schafft etwas, das es in Österreich nicht allzu häufig gibt: Er vereint eine Allianz aus Gewerkschaften, Kirchen und Unternehmerinnen und Unternehmern, die sich völlig einig sind. Es hat einen guten Grund, dass der Sonntag trotz jahrelanger Versuche von Einkaufszentrenbesitzern im Handel immer noch frei ist. Die Argumente gegen die Sonntagsöffnung liegen auf der Hand: Niemand kauft mehr, nur weil er am Sonntag kauft.

Bestehendes Verkaufsvolumen verteilt sich bloß anders. Handelsangestellte sind Menschen mit Familien, wie alle anderen auch. Sie verdienen zumindest einen freien gemeinsamen Tag in der Woche. Für kleine Unternehmen führt ein verkaufsoffener Sonntag zu großem Konkurrenzdruck gegenüber Ketten und Konzernen, die sich mit den Personalkosten leichter tun. Und irgendwie entspricht der freie Sonntag auch unserer Kultur, er ist jener Tag, an dem wir zur Ruhe kommen, Zeit mit der Familie und Freunden verbringen.

Nun haben wir es heuer zweifelsohne mit einer Ausnahmesituation zu tun. Corona hat vieles auf den Kopf gestellt. Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer fordert nun die Öffnung der zwei Sonntage vor Weihnachten. Es gibt dazu drei Punkte anzumerken. Erstens entspricht die Art und Weise, in der der Wirtschaftskammer-Präsident seine Forderung vorbringt, nicht einmal den Mindeststandards einer ernst gemeinten Sozialpartnerschaft. Wir haben in Österreich zurecht die Tradition, Abmachungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern untereinander auszumachen. Mahrer hat sich stattdessen im Radio an die Regierung gewandt. Das ist ein denkbar schlechter Start für Verhandlungen.

Zur Person

Barbara Teiber, geboren am 5. August 1977. Sie war zwischen 2013 und 2018 für die SPÖ Mitglied des Wiener Gemeinderats, seit Juni 2018 ist sie Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA-djp).

Zweitens dürfte es keine Einigkeit innerhalb der Wirtschaftskammer geben. Wir haben Rückmeldung von vielen Unternehmerinnen und Unternehmern, die sich gegen die Sonntagsöffnung einsetzen, selbst Funktionäre der Wirtschaftskammer sind dagegen.

Drittens ist Mahrers Argumentation, man wolle gegen den Online-Handel bestehen, fadenscheinig. Wir stehen für jede Allianz zur gerechten Besteuerung von Online-Giganten wie Amazon bereit. Dort liegt nämlich der Wettbewerbsnachteil des stationären Handels.

Schlussendlich geht es uns als Gewerkschaft in erster Linie um die Beschäftigten. Wir wissen aus zahlreichen Umfragen, dass über 90 Prozent der Handelsangestellten nicht am Sonntag arbeiten wollen. Die Beschäftigten im Handel waren in dieser Krise unglaublichen Anstrengungen ausgesetzt. Sie haben Wertschätzung verdient, nicht Mehrbelastungen.“