Österreich

Corona-Krise belastet Handel

16.11.2020 • 14:07 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Rainer Trefelik ist Obmann der Bundessparte Handel in der Wirtschaftskammer
Rainer Trefelik ist Obmann der Bundessparte Handel in der Wirtschaftskammer APA/ROBERT JAEGER

Rainer Trefelik übernahm heuer die Spitze des Handels in der WKO.

Lockdown: Nun trifft es den Handel in derselben Härte wie im Frühjahr. War es nicht das Ziel, genau das zu verhindern?
RAINER TREFELIK: Als es um den Lockdown light ging, haben wir argumentiert, dass der Handel offen bleiben soll, da wir nicht alles dem primär ausländischen Onlinehandel überlassen wollen. Zweitens wissen wir vom Frühjahr, wie schwierig das wieder in die Gänge kommt, wenn wir komplett runterfahren. Nun kommt es zu diesem harten Schnitt. Schnelle, unbürokratische Hilfe ist das Gebot der Stunde.

Den Umsatzersatz nannten Sie generell eine „gute Nachricht“. Die Staffelung von 20 bis 60 Prozent je nach Sparte sorgt aber schon für böses Blut.
Wenn man die unterschiedlichen Sparten vor Augen hat, ist die Staffelung in letzter Konsequenz argumentierbar. Bisher konnten Handelsbetriebe nur einen Antrag auf Fixkostenzuschuss stellen. Mit dem Umsatzersatz haben sie eine Perspektive. Aber das Geld muss schnell fließen, kleine und mittlere Händler trifft der Lockdown besonders.

Der Chef von Kastner & Öhler, Martin Wäg, warnte vor einem halben Jahr vor einem „Flächenbrand“. Als Modehändler trifft die Krise auch Sie voll. Wie beurteilen Sie die Lage?
Der Modehandel ist eine Katastrophe pur im Moment, das kann man nicht schönreden. Die Rückmeldungen der letzten Tage gehen an die Nieren. Wir haben dafür den Wirtschaftsseismografen ins Leben gerufen: Unter www.wirtschaftsseismograph.at ersuchen wir die Unternehmer, ihre Umsätze anonym zu melden, damit wir in der Arbeit mit der Regierung auf valide Daten zurückgreifen können. Dass der Modehandel wegbricht, ist aber klar: Homeoffice, keine Gastronomie, keine Veranstaltungen – wofür neue Kleider? Ich spiele nicht gern die Kassandra, aber Sätze wie „Wir sind 25 Jahre im Geschäft, das 26. Jahr werden wir wahrscheinlich nicht erleben“, höre ich jetzt oft.

Zur Person

Rainer Trefelik, geboren 1970 in Wien, schloss 1994 das Studium der Handelswissenschaften ab und promovierte 1997 an der Wirtschaftsuni Wien.

Seit 2005 ist er geschäftsführender
Gesellschafter bei Popp & Kretschmer Modehandel.
Bevor Trefelik im heurigen Sommer zum Obmann der Bundessparte Handel in der Wirtschaftskammer gewählt wurde und dort Peter Buchmüller nachfolgte, engagierte er sich als Obmann der Handelssparte in der Wiener Wirtschaftskammer.

Im ersten Lockdown stritt sich der Handel um das Non-Food-Sortiment. Sind die Wogen geglättet?
Die Abgrenzung der Sortimente steckt uns noch in den Knochen. So eine Situation wollte ich nicht noch einmal erleben, schon gar nicht im Weihnachtsgeschäft.

Sollte der Lockdown verlängert werden, was dann?
Alle Einschätzungen hängen an den Fallzahlen. Ein Lockdown im Weihnachtsgeschäft wäre eine Katastrophe. Das entscheiden nicht wir. Ich möchte Weihnachten nicht nur aus der Umsatzperspektive sehen. Es ist ein Familienfest. Ein paar Packerln gehören aber dazu.

Können „Black Friday“, „Cyber Monday“ und Weihnachten überhaupt noch zu einem Rettungsanker werden?
Die Gesellschaft ist verunsichert, sie hat weniger Geld zur Verfügung und spart mehr. Diese Mischung ist schwierig. Den Black Friday sehe ich skeptisch. An einem Tag pushe ich die Umsätze, aber wenn ich alles mit Rabatten erkaufe, stellt sich die Frage, was mache ich davor und was danach. Andererseits bekommt man die Liquidität, die jetzt viele brauchen wie einen Bissen Brot.

2020 ging es für den Onlinehandel steil bergauf und alle Experten sagen, das dreht nicht mehr. Wie sehen Sie das?
Homeoffice ist wichtig, aber es hat für den Handel Kehrseiten. Man ist digital unterwegs und damit näher am Onlinehandel. Der größte Teil fließt leider ins Ausland ab. Für den Onlinehandel spricht dann auch die Zustellung – man ist ja zuhause. Das Umkehren dieses Trends ist unmöglich. Aber es braucht Steuerfairness und auf EU-Ebene endlich eine Änderung der Besteuerung der internationalen Konzerne. Ich gönne jedem ein Geschäft, aber man sollte alle unter den gleichen steuerlichen Rahmenbedingungen arbeiten lassen. Amazon und Co. haben auch durch Steuervorteile einen Wettbewerbsvorteil.

Österreich ist Nachzügler im E-Commerce. Wo sehen sie uns in fünf Jahren, wenn sich der Trend, wie auch Sie sagen, fortsetzt?
Die Frage ist, wie nachhaltig die in den letzten Monaten aufgebauten Initiativen und das regionale Einkaufen sind. Konsumenten vergessen nach der Krise schnell wieder. Das Problem ist, dass sie auch mit einem kleinen Shop mit den Großen gemessen werden. Dennoch – wir holen auf. Die größte Herausforderung ist, wie wir unsere Onlineshops sichtbar machen und das Multichanneling leben können. Wir haben noch Hausaufgaben zu machen.

Wie geht es Ihrem Onlineshop?
Wir setzen gerade die letzten Schritte für den dritten Relaunch in vier Jahren. Da ist bereits viel Geld hineingeflossen. Wir bekommen gute Rückmeldungen, aber wir haben noch viel zu wenig Frequenz für einen signifikanten Umsatz. Es ist unsere virtuelle Auslage.

Um den Ladenschluss um 19 Uhr während der Ausgangsbeschränkung gab es im Handel Differenzen. Wie kommentieren Sie das?
Ich halte das angesichts der virologischen Situation für eine grundvernünftige Regelung – und ich bin sonst jemand, der sich für die Flexibilität der Öffnungszeiten einsetzt. Die Ausgangsbeschränkung greift nur, wenn man sie ernst nimmt. Man muss nicht alles, was man wirtschaftlich kann, bis zur letzten Minute ausreizen.

Der Lebensmitteleinzelhandel argumentierte anders und stellte sich zunächst gegen die Einigung der Sozialpartner.
Wir sind aber nicht so blauäugig und machen etwas, ohne vorher Rückmeldungen eingeholt zu haben. Über weite Bereiche wurde das unterstützt.