Tollkühner Totentanz im Tanzquartier: „A Divine Comedy“

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Tollkühner Totentanz im Tanzquartier: "A Divine Comedy"

Ist das die Höhe oder die Hölle? Mehr als einmal stellt sich im Laufe der freien Interpretation von Dantes „Göttlicher Komödie“ durch die österreichische Choreografin Florentina Holzinger diese Frage. Man geht als Publikum im Laufe von knapp zwei Stunden immer wieder buchstäblich durchs Fegefeuer, und wenn man auch am Ende nicht im Paradies landet, muss man neidlos anerkennen: Es handelt sich um eine schweißtreibende und ideenreiche Großproduktion. Es geht um Leben und Tod.

Seit zwei Jahren kommt man an der Regisseurin, Tänzerin und Performerin Holzinger nicht vorbei. Ihr „TANZ“, eine wagemutige Kombination aus Ballettstunde, Zirkusvorstellung und Hexensabbat, wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen und mit dem Nestroypreis ausgezeichnet, sie selbst mit einem „Outstanding Artist Award“ ausgezeichnet, von den Münchner Kammerspielen, der Berliner Volksbühne und zur Gestaltung der Wiener Festwochen-Eröffnung eingeladen. Das neue Stück „A Divine Comedy“ ist eine Auftragsarbeit der Ruhrtriennale und gastiert nun für zwei Aufführungen im Tanzquartier Wien. Der gestrige Auftakt, der mit gehöriger Verspätung begann, wurde ausgiebig gefeiert.

Dabei beginnt der Abend mau. Hypnotiseurin Miranda van Kuilenburg demonstriert an sechs ausgesuchten „Freiwilligen“, wie schnell man sich angeblich ins Traumland versetzen lassen kann. Einer der Sechs wird der Name Dante gegeben und entpuppt sich nach einer recht öden Viertelstunde ohnedies als Performerin aus Holzingers Truppe, die die Aufführung erst so richtig startet. Der Zugang zur Hölle verbirgt sich offenbar in einem Dixie-Klo, und ein Ballett von drei dieser Plastik-Kabinen ist ebenso wie der Auftritt der schon aus „TANZ“ bekannten 80-jährige Tanzlegende Beatrice Cordua, die wegen ihrer Parkinson-Erkrankung viel in einem motorisierten Rollstuhl unterwegs ist, ein erster Höhepunkt. Dass alle Tänzerinnen und Performerinnen bei Holzinger üblicherweise nackt sind, daran hat man sich rasch gewöhnt – dass die meisten von ihnen ein Skelett auf den Rücken geschnallt haben, das alle ihre Bewegungen mitmacht, ist eine zu diesem tollkühnen Totentanz bestens passende Idee.

An Ideen ist Holzinger, die auch selber mittanzt, sowieso nicht verlegen. Sie sind nicht immer stringent, aber fast immer originell und reichen vom Hürdenlauf bis zum Holzhacken, vom Motocross bis zur Motorsäge, vom Splatter-Movie bis zur Geisterbahn, vom Action-Painting bis zum Fäkieren und von der Blutabnahme bis zur Masturbation. Das Erstaunliche daran: Trotz aller Explizität und Deftigkeit der gezeigten Vorgänge, die sich vom Trainingsparcours immer mehr zu geheimnisvollen feministischen Riten wandeln, ist das Erregungspotenzial niedrig. Entweder, weil man heutzutage wirklich schon alles gewohnt ist, oder weil die Ernsthaftigkeit und die Ruhe, mit der die zwei Dutzend Mitspielerinnen umfassende Truppe Hand an sich und die Kolleginnen legt, beeindrucken.

„A Divine Comedy“ ist nahe am Aktionismus und besticht dennoch durch seine Vielseitigkeit. Musik und Tanz, Performance und Sport spielen gleichermaßen eine Rolle. Eingebaut werden aber auch Momente der Selbstreflexion und des Humors. Am Ende taucht die Hypnotiseurin wieder auf und holt uns aus dem Fiebertraum einer göttlichen Komödie wieder zurück. „Tonight you’ve experienced an amazing journey“, sagt sie. Da kann man ihr nicht widersprechen.