Thai-Revolution mit Hamster bei den Wiener Festwochen

24.06.2021 • 07:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Thai-Revolution mit Hamster bei den Wiener Festwochen

Der Deckenventilator hat Geburtstag, und fünf Freunde bringen ihm ein Ständchen. Das ist die Ausgangsposition von „Four Days In September (The Missing Comrade)“, einem Stück absurden Polittheaters aus Thailand, das Theatermacher Wichaya Artamat zu einer parabelhaften, zyklischen Reise durch die Geschichte seines Landes nutzt. Privates wird bei dieser Uraufführung im Rahmen der Wiener Festwochen zum Zerrspiegel des Politischen und erschafft dabei oftmals kryptische Bilder.

Anders als das Münchner Fußballstadion dominierte die Festwochen-Spielstätte brut nordwest bei thailändischer Hitze am Mittwochabend eine bühnenfüllende Regenbogenfahne – und eine Kohorte aus Dutzenden etwas debil lächelnder Plastikenten. Zwischen diesen und quietschebunten Luftmatratzen tummeln sich die fünf Freunde im unverbissen-queeren Zugang, charmant interagierend. Eine schwanger, einer schwul, eine tough, einer mit Gitarre.

Theatermacher Wichaya Artamat, bereits 2019 bei den Festwochen mit „This Song Father Used to Sing (Three Days in May)“ zu Gast, lässt seine Figuren dabei meist nicht dezidiert über Politik sprechen, sondern über Fragen wie jene, ob ein Hamster eine Ratte begatten kann? Auch dass das Baby der schwangeren Protagonistin eine schwere Geburt ist, die über Jahre hinaus in diese Gesellschaft nicht geboren werden möchte, ist ein Thema. Und warten heißt es alsbald auch auf den Gitarre spielenden Chuan, ist dieser doch mit einem Male aus dem Kreis der Freunde verschwunden.

All dies ist kein ostentativer propagandistischer Aktivismus, sondern eine Reflexion im Modus des Umspielens verfänglicher Themen. Denn selbstredend stehen die titelgebenden vier Tage im September im Fokus des Stücks, die sich unter anderem auf Protestdaten der Revolutionsbewegungen beziehen, und dabei 40 Jahre thailändischer Geschichte durchmessen. So ist der stets über den Köpfen schwebende Deckenventilator in seiner omnipräsenten Alltäglichkeit gleichsam eine Metapher auf die ebenso alltägliche Gewalt des absolutistischen Königtums. Dabei möchte man den alten Ventilator gar nicht entsorgen, wie die Freunde betonen, sondern nur reparieren.

Das Verschwinden der Stückfigur gemahnt indes an die zahlreichen Aktivisten der thailändischen Protestbewegung, die scheinbar spurlos vom Erdboden verschluckt werden. Und dennoch bleibt ungeachtet gewissenhafter Vorbereitung mittels eines vom Regisseur bereitgestellten komplexen Geschichtsabrisses für den westlichen Theaterfreund ohne dezidierten Thaibezug vieles kryptisch. So switcht man beständig zwischen Übertiteln und Dekodieren. Denn wer könnte schon dechiffrieren, dass Plastikenten ein Protestsymbol gegen die Wasserwerfer der Polizei sind?