Jubelvorlage am Schachbrett: Netrebko als Salzburger „Tosca“

22.08.2021 • 08:55 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Jubelvorlage am Schachbrett: Netrebko als Salzburger "Tosca"

„Tosca“ sehen und jubeln. Festspielwünsche wurden wahr gemacht am Samstagabend: Anna Netrebko singend, liebend, leidend als fesche Floria Tosca mit viel Bühnenambiente und wenig Regie, die dabei stört. Die sommerliche Wiederaufnahme von den Osterfestspielen 2018, für die Michael Sturminger das Puccini-Melodram milde mit Mafia-Flair ausgestattet hat, ist eine Jubelvorlage am marmornen Schachbrettmuster. Das Publikum ließ sich nicht lange bitten. Ergriffenheit blieb aber aus.

Mit einer Erkältung in der Endprobenphase hatte Netrebko schon für blanke Nerven gesorgt. Wieder eine Festspielabsage der Diva in einer Produktion, die auf der Diva einem Fundament gleich thront? Zum Glück kam die Genesung zeitgerecht. Und so durfte man die vokale Pracht anstaunen, die verletzliche Größe, die auch aus dem Fortissimo weich zu landen versteht, die anmutig kontrollierte Entäußerung, die Netrebko nicht nur in der Bravour-Arie „Vissi d’arte“ ins Feld zu führen weiß. Schon bei den Pfingstfestspielen hatte Netrebko die Partie anstelle von Anja Harteros gesungen, freilich an der Seite von Jonas Kaufmann und Luca Salsi – und konzertant.

Michael Sturmingers bekömmliche „Tosca“, 2018 ebenfalls mit Harteros besetzt, ist dafür gemacht, Sehgewohnheiten zu befriedigen. Gegenwartskostüme, historische Gebäude, mafiöse Archetypen wohnen auf der Bühne, die Figuren werden konventionell geführt und verbringen viel Zeit mit Singen ohne alles. Netrebko stöckelt in High Heels und Sonnenbrille über das schwarz-weiße Schachbrett des Kathedralenbodens, kokett und selbstironisch – hat sie etwa das Kostüm vergessen?, schmunzelt das Publikum in sich hinein.

Ludovic Tezier als Scarpia ist ein Pate im gepflegten Anzug und singt die Bösartigkeit als angeborene Anmaßung des alten weißen Mannes. Seine „Va! Tosca!“ ist eindringlich gestaltet, was ihr gegenüber der gesetzten Lautstärke aus dem Orchestergraben allerdings zum Nachteil gereicht: Marco Armiliato wuchtet die Wiener Philharmoniker in schweren Bögen, breiten Tempi und mit großer Klimaxdichte durch die Partitur, herrliche Bläsersoli sind dabei, Wohlklang allerorten und davon mitunter allzu reichlich. Wer da vokal mitmöchte, muss schon Anna Netrebko sein, oder zumindest an ihrer Seite geübt haben, am oberen Anschlag zu leben. Auftritt Ehemann Yusif Eyvazov, der als Cavaradossi für das korrekte Abliefern von Arienhits freundlich bedankt wurde.

Dass echte Ergriffenheit sich in einer anderen Art von Jubel niederschlägt, wurde nach einem solide absolvierten Bravo-Parcours spätestens im Schlussapplaus deutlich, der auch mit sehr wenigen, dafür umso engagierteren Buhrufen für die Regie einherging. Mit dieser „Tosca“ haben die Salzburger Festspiele an ihrem vorletzten Wochenende die Erwartungen ihres Publikums gewissenhaft erfüllt – im auf- und anregenden Musiktheatersommer der heurigen Festivalausgabe ist sie aber nur Schluss-, und nicht Höhepunkt.