Intendant Stephane Lissner hat in Neapels Opernhaus viel vor

28.06.2021 • 06:31 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Intendant Stephane Lissner hat in Neapels Opernhaus viel vor

Nach den schwierigen Monaten des Teil-Lockdowns kommt das Kulturleben in Italien wieder in Schwung. Das älteste Opernhaus der Welt, das Theater San Carlo in Neapel, feierte am Wochenende den Neustart mit zwei großen „Carmen“-Aufführungen auf dem Hauptplatz Piazza del Plebiscito. Die lettische Sopranistin Elina Garanca übernahm die Hauptrolle.

Auf der 1.500 Quadratmeter großen Bühne traten auch der US-Tenor Brian Jadge als Don José und der italienische Bariton Mattia Olivieri als Escamillo auf. Am Pult stand der israelische Dirigent Dan Ettinger. Mit brausendem Beifall und Bravorufen ging die Aufführung vor 1.000 Zuschauern zu Ende. Weitere Aufführungen sind im Laufe der Sommersaison geplant. Am 15. Juli folgt Verdis „Trovatore“ mit Luca Salsi in der Hauptrolle.

Der Neustart mit einer großen Aufführung auf der Piazza del Plebiscito stimmt den Intendanten des Teatro San Carlo, Stephane Lissner, optimistisch. „Wir haben alle hart gearbeitet, damit das Opernhaus nach den langen Monaten des Stillstands wieder sein Bestes geben kann. Die Sommersaison beginnt unter den perfektesten Voraussetzungen. Mein Ziel ist, dass das Theater San Carlo wieder zu einem Opernhaus von internationalem Niveau avanciert. Es muss aufs Neue die Rolle einnehmen, die ihm in den 50er und 60er-Jahren zustand, als Größen wie Maria Callas und Renata Tebaldi auf dieser Bühne auftraten“, sagte Lissner, seit vergangenem September Intendant in Neapel, im Gespräch mit der APA.

„Vieles bewegt sich schon: Im vergangenen Sommer ist Anna Netrebko erstmals in Neapel in der Rolle der Tosca an der Seite ihres Ehemannes Yusif Eyvazov auf der Piazza del Plebiscito aufgetreten. Der Abend war ein derartiger Erfolg, dass Netrebko im Februar 2022 wieder bei uns auf der Bühne steht, und zwar als Aida“, berichtete der Franzose.

„Viele klangvolle Namen der Opernwelt entdecken Neapel als Bühne und treten zum ersten Mal hier auf. Dieses Theater war jahrelang das größte und eines der angesehensten Opernhäuser Europas. Es ist wahrscheinlich auch das schönste der Welt. Für die nächste Saison haben wir ein umfangreiches Programm mit vielen Stars entwickelt“, so der Intendant.

Die Saison im Teatro San Carlo beginnt am 21. November mit Verdis „Otello“. Die Hauptrolle übernimmt Jonas Kaufmann, am Pult steht Michele Mariotti, Regisseur ist der Neapolitaner Mario Martone. Vor der „Otello“-Premiere ist im Oktober Puccinis „La Boheme“ in einer Inszenierung der Sizilianerin Emma Dante geplant. Die Aufführung mit dem Dirigenten Juraj Valčuha war wegen der Pandemie verschoben worden.

Zu den Highlights der Saison zählt am 15. Februar 2022 „Aida“ mit Anna Netrebko und Yusif Eyvazov. Regisseur ist Franco Dragone, am Pult steht Michelangelo Mazza. Vom 13. bis zum 15. Mai 2022 wird „7 Deaths of Maria Callas“ der Performanceikone Marina Abramovic aufgeführt. Die Künstlerin hat für ihr Projekt mit dem US-Schauspieler Willem Dafoe („Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“) sieben Filme gedreht, in denen sie Bühnentode aus Opern wie „Carmen“ oder „La Traviata“ zeigt. Die musikalische Leitung hat Yoel Gamzou inne.

Neben großen Stars will Lissner auch junge Talente fördern. „Wir erleben eine Phase mit vielen talentierten Sängern der jungen Generation. Es ist wichtig, ihnen Auftrittsmöglichkeiten zu geben“, erklärte der 68-Jährige. Die Pandemie stelle die Kulturwelt vor Herausforderungen. „Die Pandemie hat die Kulturwelt besonders stark belastet. Zu viele Menschen haben in den vergangenen Monaten nicht arbeiten können. Die Theater blieben zu lange geschlossen. Es ist logisch, dass wir alle in Europa darüber nachdenken müssen, wie das Kulturleben neu gestaltet werden kann. Auch wir Intendanten müssen konkrete Vorschläge unterbreiten“, meinte Lissner.

Inzwischen schaut der Franzose auch über die italienischen Grenzen hinaus. Drei Tage lang wird Lissner bei den Salzburger Festspielen sein, um am 26. Juli Mozarts „Don Giovanni“ in der Deutung von Romeo Castellucci und unter dem Dirigat von Teodor Currentzis beizuwohnen. Castellucci plant im nächsten Jahr Aufführungen in Neapel. „Es ist wichtig, die Kontakte zu den Künstlern zu pflegen. Ich bin immer sehr gern in Salzburg“, betonte der Franzose, der unter anderem Musikdirektor der Wiener Festwochen, Intendant der Pariser Oper und der Mailänder Scala war.