ImPulsTanz-Hommage an verstorbenen Mitbegründer Ismael Ivo

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ImPulsTanz-Hommage an verstorbenen Mitbegründer Ismael Ivo

Knapp vier Monate nach seinem Tod war Ismael Ivo noch einmal ganz präsent auf der Bühne. Zahlreiche Freunde und Wegbegleiterinnen gestalteten am Sonntagabend eine Hommage aus Performance, Musik- und Videobeiträgen sowie persönlichen Erinnerungen an den im April 66-jährig verstorbenen Tänzer, Choreografen und ImPulsTanz-Mitbegründer. Ein – im doppelten Sinn – bewegter und zugleich bunter Erinnerungsabend im Volkstheater.

„Es ist tröstlich, dass es Ismael sogar jetzt gelingt, die Theater zu füllen“, sagte ImPulsTanz-Intendant Karl Regensburger, der gemeinsam mit Ivo das Festival 1984 aus der Taufe gehoben hatte, am Beginn dieses rund zweieinhalbstündigen Erinnerungsreigens „an einen großen Mann“. Die Tickets dafür wurden kostenlos vergeben, das Haus war so gut wie bis auf den letzten Platz gefüllt.

Wie viele Menschen dieser „große Mann“ aus São Paolo beeinflusst und inspiriert hat, ließ sich anhand des dichten Programms dieses „In Memoriam Ismael Ivo“ betitelten Würdigungsabends erahnen. Zwei Dutzend Beiträge wurden dargeboten – darunter auch Auftritte von Musikerinnen und Musiker des Klangforum Wien.

Eine Reihe der auftretenden Künstlerinnen und Künstler boten extra für ihren Freund und Wegbegleiter konzipierte Stücke. Germaine Acogny aus dem Senegal, erst heuer für ihr Lebenswerk mit dem Goldenen Löwen bei der Tanz-Biennale in Venedig – deren Direktor Ivo einige Jahre lang war – ausgezeichnet, bot etwa ein gänzlich tonloses „Getanztes Gebet für Ismael“. Doris Uhlich zitterte bei ihrem „Solo für Ismael“ wie ein von Wind und Wetter durchgerüttelter Baum zur Musik von Tom Waits.

Für die Performances gab es immer wieder frenetischen Applaus – insbesondere auch für die inzwischen 77-jährige Susanne Linke, die zu Chopin ein Bewegungsvokabular für das schmerzhafte Loslassen zu suchen schien. Koffi Kôkô, langjähriges Mitglied des ImPulsTanz-Teams, wiederum hielt an einem Tisch mit leergebliebenem Sessel Zwiesprache mit dem abwesenden Freund, der doch versprochen habe, noch nicht zu gehen. Die beiden hatten für ihre choreografische und tänzerische Zusammenarbeit „Die Zofen“ (Jean Genet) aus 2001 große Beachtung gefunden.

Trotz des traurige Anlasses war an diesem Abend aber nicht nur Moll und Tristesse angesagt. Bei Louise Lecavaliers „Louise Mantra“ (aus „Battleground“), die zu wummerndem House-Sound über die Bühne trippelte, fühlte man sich fast wie im Club. Breanna O’Mara ließ sich nach einer Choreografie von Pina Bausch von einem Rasensprenger verfolgen.

Natürlich hatte die Gala zwischendurch auch improvisatorischen Charakter. Nicht nur, dass der Rasensprenger während der schon laufenden Performance nachjustiert werden musste, sprang zuvor Regensburger als „Pausenclown“ ein, während hinter ihm auf offener Bühne quadratmeterweise Rollrasen für O’Mara ausgelegt wurde. Der Intendant nutzte die Zeit für eine Anekdote und erzählte, dass er nach einem Autounfall in den 1980er-Jahren den damals schwer verletzten Ismael Ivo kurzfristig adoptiert habe, um bei ärztlichen Entscheidungen mitreden zu können: „Wir hatten unseren Britney-Spears-Moment.“

Dass an einem solchen Abend immer wieder auch gelacht wurde, dürfte durchaus im Sinne des Gewürdigten gewesen sein. Denn Videozuspieler zeigten einen nicht nur vielseitigen und leidenschaftlichen, sondern auch lebensfrohen und humorbegabten Tänzer, Choreografen und Lehrer. Für diesen sei Tanz „nicht in erster Linie eine ästhetische Formensache“ gewesen sei, „sondern das Mittel, der Unterdrückung, der Diskriminierung, der Ungerechtigkeit entgegen zu wirken“, wie der Kunsthistoriker Johannes Odenthal es in seiner – in Auszügen noch einmal vorgetragenen – Grabesrede ausdrückte.

„Er war noch nicht fertig mit allen seinen Plänen“ – das hatte ImPulsTanz-Chef Regensburger unmittelbar nach Ivos Tod gemeint. Zahlreiche Kooperationen waren auch für die heurige Festivalausgabe geplant. Dazu kam es nicht mehr. Ismael Ivo erlag am 8. April in seiner Heimatstadt einer Covid-Infektion. Am Sonntagabend blieb die hell erleuchtete Bühne am Ende also leer. Nur ein großes Foto des Verstorbenen war zu sehen. Und ein stiller Konfettiregen. Standing Ovations im Publikum.

Gedacht wird Ismael Ivo derzeit auch im Wiener Odeon-Theater. Dort läuft noch bis 14. August eine Ausstellung mit Bildern des Fotografen Dieter Blum, die das Leben und Werk des Tänzers dokumentiert.