Ferlins „Sad Sam Matthäus“ bei Wiener Festwochen akklamiert

10.07.2021 • 08:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ferlins "Sad Sam Matthäus" bei Wiener Festwochen akklamiert

Die „Matthäus-Passion“ von Johann Sebastian Bach ist ein Mammutwerk, das das Leiden und Sterben Christi in fast drei Stunden musikalisch zelebriert. Dafür ist Ausdauer nötig, wie auch der kroatische Choreograf Matija Ferlin weiß. Er verwendet diesen klanglichen Hintergrund in „Sad Sam Matthäus“, um sich Fragen von Vergänglichkeit, Schmerz und Sterben zu widmen. Das in vielerlei Hinsicht bunte wie berührende Ergebnis feierte Freitagabend bei den Wiener Festwochen Premiere.

Der Auftakt im Jugendstiltheater am Steinhof präsentierte sich zunächst äußerst meditativ: Das lag nicht unbedingt an der Musik Bachs, die als Einspielung von Philippe Herreweghe und dem Collegium Vocale Gent aus den Boxen dröhnte, sondern Ferlins Tätigkeit. Mittels Gummimaske als alter Mann verkleidet, erging er sich den Großteil der ersten Stunde darin, ein fragil wirkendes Holzgebilde zu begutachten, zu erweitern und dann doch wieder auseinanderzunehmen. Übertönt wurde das Geschehen von Ferlins aufgenommener Stimme, die den letzten Lebensabschnitt Bachs rekapitulierte.

Konnte man sich dabei in den klanglichen Welten fallen lassen oder ganz den leichten Schwingungen des Holzes hingeben, wurde es nach der Pause intensiver – und das in jeder Hinsicht. Schon vor der kurzen Unterbrechung schälte sich nicht nur Ferlin aus seinem Aufzug, sondern halfen zwei Mitarbeiter bei der „Entkleidung“ der zuvor in roten Textilen gewandeten Bühne. Ferlin platzierte Dutzende Tierfiguren an den Rändern, leitete dabei diverse Ahnenbäume her, während an der Rückseite eine detailreich bestückte Requisitenwand auf ihren Einsatz harrte.

Und er sollte kommen: Gut zwei Stunden lag nutzte Ferlin jeden noch so unscheinbaren Gegenstand, von ineinander verhakten Stöckelschuhen über zwei Kartenrohre bis zu Umhängen, Kerzen und Tischen, um seine Themen körperlich wie emotional zu verarbeiten. Erzählungen vom Krieg, von vergewaltigten Töchtern und erschossenen Vätern, kreuzten sich mit seiner eigenen Familien- und Schmerzensgeschichte. Mal kam seine Stimme vom Band, mal sprach er direkt, doch stets waren die Texte poetisch und nachdenklich.

Hinzu kam eine Fülle an kleinen und großen Tanzabfolgen, pflügte er mit Rollschuhen in bester Slapstickmanier über die Bühne oder führte seine körperlichen Unzulänglichkeiten vor Augen. Die Streckung der Beine? „Sein Maximum.“ Mit den Händen an die Schuhspitzen? „Sein Maximum.“ Nicht selten sorgte die konsequente Verwendung der dritten Person für Lacher, die oft nur wenige Augenblicke später angesichts des Gewaltstrudels im 20. Jahrhundert verstummten.

Zu diesem Zeitpunkt war Bachs Passion eher Klangteppich denn unbedingt notwendige Grundlage. Natürlich hat das Werk in diesem Kontext eine spezielle Bedeutung, nicht zuletzt ob der religiösen Bezugspunkte in Ferlins Familie. Aber ebenso ging es an diesem Abend um ein Ausloten von Grenzen, die in erster Linie mit Zeit zu tun hatten. Ferlin ist jedenfalls mit diesem Teil seiner „Sad Sam“-Reihe (kroatisch für „Jetzt bin ich“) eine beeindruckende Performance gelungen, die das Publikum auf etlichen Ebenen abholt. Voraussetzung dafür ist, dass man sich einlässt: Auf die Intensität ebenso wie den ganz eigenen Humor und die Tiefgründigkeit, die sich dahinter verbirgt. Langer Applaus war die verdiente Folge.