Mobilität

Ein Aus für Verbrennungsmotoren?

18.07.2021 • 12:07 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Liegt die Zukunft allein in der E-Mobility?
Liegt die Zukunft allein in der E-Mobility? Petair – stock.adobe.com

EU-Kommission legte ihr Programm zur Erreichung der Klimaziele vor.

PRO

Um unsere Ziele im Kampf gegen die Klimakrise zu erreichen, bedarf es eines klaren und planbaren Zeitrahmens. Ein klarer Ausstiegspfad bietet Chancen für eine nachhaltige Transformation des Verkehrssektors.

von Astrid Rössler

Ja, der Verbrennungsmotor ist ein Auslaufmodell und wird in den kommenden Jahren durch effizientere und sauberere Antriebssysteme ersetzt werden. Der Verkehrssektor verursacht in Österreich rund ein Drittel aller Treibhausgasemissionen, dazu Feinstaub und Stickoxide, die nicht nur dem Klima schaden, sondern auch der Gesundheit der Menschen. Große Luftsanierungsgebiete wie in Tirol, Salzburg, Graz und Linz zeugen davon.

Klimaschutz beginnt beim Umstieg auf Öffis, Rad- und Fußverkehr für Kurzstrecken – besonders im Siedlungsgebiet. Dort, wo motorisierter Straßenverkehr nicht vermieden oder verlagert werden kann, muss er verbessert werden. Das funktioniert bei Pkw und Lkw am effektivsten durch eine Umstellung auf Batterieelektrik. Das wird im Fahrzeugbestand nicht von heute auf morgen passieren, aber es braucht einen verlässlichen, planbaren Zeitrahmen, damit wir die Emissionen rasch senken und unsere Ziele im Kampf gegen die Klimakatastrophe erreichen können.

Die Preise für E-Fahrzeuge nähern sich immer weiter jenen von Verbrennern an, ab 2027 werden E-Pkw günstiger sein. Auf die Gesamtlebensdauer gesehen sind E-Pkw schon heute klar im Kostenvorteil. Laut dem EU Programm „Fit for 55“ sollten ab 2035 nur mehr emissionsfreie Fahrzeuge auf die Straße kommen.

Im Kfz-Bestand können wir einen Zwischenschritt durch verstärkten Einsatz von E-Fuels machen. Doch auch Alternativtreibstoffe sind endlich und es gibt Bereiche, in denen sie dringlicher zum Einsatz kommen sollten, etwa bei Sonderfahrzeugen, im Flugverkehr und in der Schifffahrt. Wir müssen zudem sicherstellen, dass durch eine gesteigerte Verwendung klimaneutraler Kraftstoffe keine Ernährungskrise entsteht, wenn Lebensmittelpflanzen zum Einsatz kommen.

Österreichs Automobil-Zulieferindustrie zeichnet sich durch viel Know-how und Innovationspotenzial aus, was die Ablöse von Verbrennungsmotoren durch klimafreundliche Alternativen betrifft. Ein klarer Ausstiegspfad aus dieser Technologie unterstützt die Planungssicherheit für Unternehmer und Unternehmerinnen und bietet enorme Chancen für eine nachhaltige Transformation dieses Sektors, in dem tausende neue und hochwertige Arbeitsplätze entstehen können. Je früher wir hierfür Voraussetzungen schaffen, desto erfolgreicher wird dieser Wandel gelingen und umso mehr können die Österreicherinnen und Österreicher, der Wirtschaftsstandort und nicht zuletzt Umwelt, Klima und Gesundheit davon profitieren.

Zur Autorin

Astrid Rössler ist seit Oktober 2019 Abgeordnete zum Nationalrat für die Grünen. Zuvor war sie von 2013 bis 2018 in der Koalition mit der ÖVP Landeshauptmann-Stellvertreterin und Landesrätin in Salzburg.

CONTRA

Statt eines Verbots der Verbrennungsmotoren brauchen wir Anreize, um Zukunftstechnologien zu forcieren. Auch so können wir unsere Klimaziele erreichen und behalten die Lebensrealität der Menschen im Auge.

von Magnus Brunner

Das von der EU-Kommission vorgelegte Paket ist sehr ambitioniert und geht bei einigen wesentlichen Punkten in die richtige Richtung. Wir dürfen aber nie die Lebensrealitäten der Menschen und der Wirtschaft aus den Augen verlieren. Ganz grundsätzlich: Ich halte nichts von Verboten und Belastungen, viel mehr müssen wir Anreize schaffen und innovative Zukunftstechnologien forcieren.

Neben vielen guten Punkten hat die EU-Kommission einen mehr als umstrittenen Vorschlag vorgelegt: Ab 2035 sollen keine Diesel- und Benzinfahrzeuge mehr zugelassen werden. Ich bin klar gegen ein solches Verbot! Denn nicht der Verbrennungsmotor ist das Problem, sondern die CO2-Emissionen sind es.

Wir dürfen den PKW-Verkehr und das Auto nicht verteufeln. Stattdessen müssen wir darüber nachdenken, womit ein Motor künftig betrieben werden kann. Mein Vorschlag: Setzen wir – neben dem Ausbau der Öffis – auf saubere Antriebsformen! Wir brauchen innovative Lösungen und alle umweltfreundlichen Technologien für die individuelle Mobilität – von der E-Mobilität über Wasserstoff bis hin zu synthetischen Kraftstoffen, sogenannten E-Fuels.

Vor allem im Bereich der E-Fuels steckt enormes Potenzial. Mit diesen können Verbrennungsmotoren CO2-neutral betrieben werden, wenn ihre Herstellung genauso viel CO2 bindet, wie ihre spätere Verbrennung freisetzt. Ein weiterer Vorteil ist, dass E-Fuels herkömmliche Kraftstoffe ohne technische Adaptierung der bestehenden Infrastruktur ersetzen können.

Wir müssen die Lebensrealitäten der Menschen im Auge behalten. Gerade im ländlichen Raum ist das Thema der letzten Meile oft ungelöst. Daher plädiere ich dafür, technologieoffen zu agieren und Forschung, Entwicklung und Weiterentwicklung zu forcieren. Viele saubere Technologien werden nebeneinander existieren – jede dort, wo sie am meisten Sinn macht. Zudem investiert die Bundesregierung bis 2026 mehr als 17 Milliarden Euro in die Erneuerung und den Ausbau der Bahn-Infrastruktur.

Ich setze also auf Anreize, Innovation und Technologieoffenheit. So erreichen wir die Klimaziele, erhalten langfristig ein lebenswertes Österreich und stärken den Standort. Ziel der Bundesregierung bleibt, die Emissionen im Verkehr deutlich zu senken. Wir können unsere ambitionierten Klimaziele erreichen, ohne den Verbrennungsmotor zu verbieten.

Zum Autor

Magnus Brunner gehört der ÖVP an und ist seit Jänner 2020 Staatssekretär im Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie. Von 2009 bis 2020 gehörte der Vorarlberger dem Bundesrat an.