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Gedränge an einsamer Hip-Hop-Spitze

06.09.2021 • 11:13 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Drake (links) und Kanye West: Kampf der Rap-Giganten
Drake (links) und Kanye West: Kampf der Rap-Giganten AP / Montage

Drake und Kanye West melden sich mit neuen Alben zurück.

Cooles Gesäusel

Letztes Jahr, 2020? Da war doch was? Eine Pandemie, die in den USA vor allem sozial Benachteiligte traf? Die Ermordung von George Floyd? Black Lives Matter? Die Abwahl von Donald Trump? Diese Ereignisse haben nicht nur, aber vor allem die afroamerikanische Bevölkerung der USA betroffen. Auf „Certified Lover Boy“, dem sechsten Album von Rapper Drake, kommt solcherlei maximal zwischen den Zeilen vor. Dass Rap einmal das „schwarze CNN“ gewesen ist, die alternative Nachrichtenquelle über die Lebensrealität afroamerikanischer Männer (und Frauen) ist hier nicht mehr erkennbar.

Drakes virtuose Reime umkreisen vor allem sein Ego. Zum comichaft verfremdeten „Michelle“ der Beatles rappt Drake im (großartigen) Auftakt-Track „Champagne Poetry“: „The pressure is weighin’ on me“ – „der Druck lastet auf mir“. Drake mag Multimillionär sein und der meistgestreamte Künstler der Welt, das bedeutet nicht, dass er das genre-typische Selbstlob nicht in Melancholie tränken würde. Das Leben in Privatflugzeug, inmitten jeder Menge sexy Frauen, gewiss immer großartigem Sex und viel edlem Tequila hinterlässt eine Leere.

Dieser Lonely-at-the-Top-Kitsch, der ohnehin zur Masche des Superstars aus Toronto zählt, ist recht humorbefreit. Das Lustigste an Drakes Album ist das Cover von Jetset-Künstler Damian Hirst, der den Albumtitel des „Zertifizierten Liebhabers“ mit Emojis von Schwangeren konterkariert hat und damit auch an Drakes echtes Leben anstreift.

Dass Drakes unnachahmlicher Rap-Stil in den besten Stücken – etwa in „Girls want Girls“ – gleichsam zu reinem Sound wird, zu einem sanften, die Konsonanten wegschleifenden Wispern, hat er sich vielleicht bei Travis Scott abgeschaut. Der ist genauso Gaststar wie Jay-Z. Der klingt auf „Love all“ (wie immer) tatsächlich unter Druck. Während bei Jay-Z selbst noch die unerheblichsten Zeilen irgendwie gesellschaftlich relevant und wahnsinnig dringlich klingen, wird bei Drake alles zum coolen Gesäusel.

Das hat natürlich Klasse und Stil, und die Mittel sind sparsam, doch extrem wirkungsvoll eingesetzt. Aber die 86 Minuten „Certified Lover Boy“ hinterlassen doch eine sanfte Enttäuschung. Sind solche Egotrips und Gefühlswallungen nicht aus der Zeit gefallen?

Martin Gasser

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Dunkle Schönheit

Dienstagnachmittag: Der scheinbar unantastbare Kanye West stapft einsam und völlig spontan durch Berlin, spricht mit Passanten über deren Alltag, lässt sich von Journalisten durch die Stadt führen. Der 44-Jährige wirkt auf den Fotos der Paparazzi zerbrechlich und verloren. Der Jahrhundert-Musiker, der in seinem Oeuvre von Rock bis House, von Architektur bis zur performativen Kunst alle Sprachen spricht, scheint stets „Lost in Translation“, wie an diesem Tag in Berlin. Man erkennt ihn nur am Gang und an der dunklen Mode. Wests Gesicht ist von einer Art schwarzen Skimaske völlig verdeckt.

Ja, das erinnert an das Cover von „Donda“, Wests zehntem Studioalbum, benannt nach seiner verstorbenen Mutter, das vergangenen Sonntag nach gewohntem Hin und Her doch noch erschien. Ein schwarzes Kunstwerk – und rundherum das Chaos. Wie der Mann unter der Maske. Ob West die Haube als Mode-Statement, Selbstinszenierung oder aus Scheu trägt? Womöglich liegt die Wahrheit, wie so vieles bei diesem grenzwertigen Künstler, in der Mitte.

West, der sich einst zum Jesus hochstilisierte, ist unsicher, ja, angreifbar geworden. Zwar hat er seine Verbindung zu Gott (wieder) gefunden, doch hat er damit auch seine eigenen Dämonen herausgefordert. Das macht ihn wieder stark. Neben „Yeezus“ ist „Donda“ Wests ungeschliffenstes, intimstes Werk, eine dunkle Schönheit.

Natürlich ist das Album mit textlichen Plattitüden übersät (als Retter springen Gäste wie Jay-Z oder Jay Electronica ein) und mit 27 Songs viel zu lang. Der Produzent und Musiker wandelt als empfindsamer Seismograf durch die Welt. Seine Ausrichtung ändert sich täglich. Das enge Korsett des Albumformats kommt zeitlich nicht mit. Vor allem ist „Donda“ aber eine überraschend mutige Vermischung der frühen und späten Ära. Best of West gleichsam.

Die Stärke des knapp zwei-stündigen Album-Essays liegt darin, völlig widersprüchlich zu bleiben und musikalische Extremsituationen zu erzeugen. Entweder probt West vor primitiv-übersteuernden Bass-Kulissen („Junya“, „God Breathed“) die Katharsis oder er wird von fragil-reduzierten Orgel- und Bariton-Kaskaden („Jesus Lord“, „Come to Life“) begleitet. „Donda“: die totale Erleuchtung und die völlige Finsternis. So wie das Genie West selbst.

Julian Melichar

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