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Merkel polarisiert bis zum letzten Tag

19.09.2021 • 16:58 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Merkel polarisiert bis zum letzten Tag

Nach 16 Jahren geht Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Es sind Abschiedsreisen in diesen Tagen, wie am Donnerstag in Paris. „Wir müssen schauen, dass es keinen Stillstand gibt“, sagt Angela Merkel mit Blick auf die Bundestagswahl und Frankreichs EU-Ratsvorsitz im nächsten Halbjahr. Präsident Emmanuel Macron neben ihr nickt lächelnd. Dann bittet er zum Arbeitsessen. Europa, Afghanistan, Mali – die Bundeskanzlerin schuftet bis zuletzt. Ganz protestantischer Arbeitsethos.

Eine Ära vor dem Ende

Nach 16 Jahren verlässt Angela Merkel das Kanzleramt. Das Ausland vermisst sie schon jetzt. Drei Viertel der Franzosen haben ein positives Bild von Madame Chancelière, ermittelte das Meinungsinstitut ipso. In einer Umfrage der Forschungsgruppe European Council on Foreign Relations (ECFR) könnten sich zwei Drittel der Befragten Merkel als EU-Präsidentin vorstellen. „Sie hat das Bild umgestülpt, das sich die Welt von Deutschland machte. Unter Helmut Kohl und Gerhard Schröder wirkte Deutschland leicht aggressiv. Merkel hat dafür gesorgt, dass Deutschland sympathisch, ja cool wurde“, notiert die Merkel-Biografin Marion Van Renterghem.


Im Inland ist das anders. Merkel polarisiert – bis zuletzt. Ihr innerparteilicher Rivale Friedrich Merz baut für eine mögliche Wahlniederlage schon mal vor und macht die Kanzlerin für die Misere der Union verantwortlich. Zu lange sei die Nachfolge im Parteivorsitz ungeklärt geblieben, Merkel habe am Kanzleramt festgehalten. „Die Union hat auf den Amtsbonus eines Nachfolgers verzichtet“, so Merz in der „Augsburger Allgemeinen“. Die Kanzlerin ist einfach für alles verantwortlich.

Kein Kanzler habe seinen Amtseid „Schaden vom deutschen Volk abzuwenden“, so entschieden umgesetzt wie Merkel, notierte der Langzeitbeobachter Nico Fried von der „Süddeutschen Zeitung“. Erst 2015 machte Deutschland sein Rendezvous mit der globalisierten Wirklichkeit. „Wir schaffen das“, hatte die Kanzlerin trotzig erklärt und sich dann enttäuscht gezeigt. „Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mehr mein Land.“ Ein politischer Liebesentzug von oben.

Konzentration auf das Machbare

Die Kanzlerin sprach damals über Flüchtlingspolitik. Aber eigentlich beschreibt das gut ihren Stil. Sie konzentriert sich auf das Machbare. Dem Land verlangte sie nicht mehr ab, als erforderlich. Digitalisierung, Klimaschutz, E-Mobilitätswende – Merkel wies gern und oft darauf hin, aber es tat sich wenig. Dass Deutschlands Gesundheitsämter in Zeiten von Blockchain und Quantencomputern ihre Coronazahlen per Fax übermitteln, rechtfertigte die Kanzlerin mit dem geringen Reformdruck in der deutschen Verwaltung, weil sie in Papierform schlicht zu gut funktioniere. Auch eine Erklärung.

So ist es keine Überraschung, dass Olaf Scholz (SPD) in den Wahlumfragen führt. Faire Mieten, sichere Renten, gute Pflege – außer dem Mindestlohn von zwölf Euro findet sich wenig Inhaltliches auf seinen Wahlplakaten. Scholz kopiert Merkel am besten, kein Wunder, sein oberster Werber ist CDU-Mitglied und machte früher Wahlkampf für die Union.

Merkel war stets unabhängig. Vielleicht, weil sie in den Wendejahren eher zufällig in der Politik gelandet ist. Politik wurde zu ihrem Beruf, aber sie agierte in den Anfangsjahren nicht als Berufspolitikerin. Das Wagnis des offenen Briefs, mit dem sie 1999 in der CDU-Spendenaffäre Helmut Kohl stürzte, wären die karriereorientierten West-Jungs aus der Anden-Connection um Roland Koch und Christian Wulff nicht eingegangen.
Was bleibt? „Die Mehrheit der Deutschen schätzte an Merkel, dass sie viele Zumutungen von ihnen fernhielt. Umgekehrt sah Merkel diese mangelnde Bereitschaft ihrer Wähler zur Veränderung äußerst kritisch“, sagt Merkel-Biograf Ralph Bollmann. Also alles nur eine falsch verstandene Liebe?

Merkel hält den Laden zusammen. Aber sie bringt ihn nicht nach vorne. Die Deutschen scheuen Veränderungen. Die Kanzlerin vermittelte mit ihrer unaufgeregten Art eine Geborgenheit. Nicht nur in Deutschland, auch in Europa. Das verschaffte ihr Anerkennung – vor allem im Ausland. Dort formieren sich längst die neuen Bündnisse. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen berief jetzt einen Gipfel zur Verteidigungspolitik mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron für das kommende Frühjahr ein. Das in einer Übergangsphase befindliche Deutschland ist außen vor. Die politische Welt dreht sich weiter. Künftig ohne die ruhige Hand der Kanzlerin.