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Portugal und Spanien impfen uns was vor

13.09.2021 • 18:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Portugal und Spanien impfen uns was vor
Portugal und Spanien impfen uns was vor AP

Portugal ist Europas Impf-Champion, auch Spanien auf Platz vier.

Warum wollen in Portugal und Spanien alle die Anti-Covid-Spritze, während andere europäische Länder, wie etwa Österreich, Deutschland oder die Schweiz, nur mühsam vorankommen? 80 Prozent der portugiesischen Bevölkerung hat inzwischen den vollen Impfschutz, das ist nach Malta die zweithöchste Impfquote Europas.

Auch der Nachbar Spanien liegt laut dem internationalen Forscherportal „Our World in Data“ schon bei einer Impfquote von 75 Prozent und damit hinter Island auf Platz vier des Europa-Rankings. Der gesamteuropäische Durchschnitt dümpelt derweil nur bei 50 Prozent, das EU-Mittel beträgt immerhin 60 Prozent.

Unter den deutschsprachigen Staaten steht dem Datenportal zufolge Deutschland mit 62 Prozent vollständig geimpfter Personen noch vergleichsweise gut da. Dahinter folgen Österreich mit einer Impfrate von 59, Luxemburg mit 57 und die Schweiz mit 52 Prozent.

Impfwunder im Süden

Wie lässt sich das Impfwunder in den südeuropäischen Staaten Portugal und Spanien erklären? Gibt es vielleicht im Süden mehr Solidarität, Vertrauen und Verantwortungsgefühl?

Impf-Champion Portugal, der zusammen mit Spanien von der Pandemie besonders stark betroffen wurde, fühlt sich dank des Impfrekords jetzt sogar so gestärkt, dass Anfang der Woche und nach einem Jahr Maskenpflicht der Zwang zum Mund-Nasen-Schutz im Freien gekippt wurde.

Obwohl die portugiesischen Virologen warnen: „Die Pandemie ist noch nicht vorbei.“ Sie rechnen mit einer neuen Viruswelle im Süden, die mit dem jetzt anlaufenden Schul- und Unibetrieb sowie dem nahen Ende sommerlicher Temperaturen anrollen werde. Staatschef Marcelo Rebelo de Sousa bleibt ebenfalls vorsichtig: „Ich werde einer der letzten sein, die sich die Maske abnehmen.“

Die 7-Tage-Inzidenz sank in Portugal laut der Statistik der Johns Hopkins Universität auf annähernd 80 neue Infektionen pro 100.000 Einwohner, in Spanien sogar auf etwa 60 neue Ansteckungen. Auch damit stehen die beiden iberischen Staaten, die bereits im Frühsommer von der Delta-Viruswelle erwischt wurden, derzeit besser da als die Mitteleuropäer.

Mehr Gemeinsinn

Eines scheint in Sachen Impfkampagne sicher zu sein: Der Gemeinsinn der Bevölkerung in Portugal und Spanien ist offenbar tatsächlich ausgeprägter als andernorts. In der jüngsten Umfrage des Eurobarometers stimmen in beiden Ländern mehr als 80 Prozent der Menschen der Aussage zu: „Jeder sollte gegen Covid-19 geimpft werden. Dies ist eine bürgerliche Pflicht.“

Impfung als Bürgerpflicht

Daraus kann geschlossen werden: Nirgendwo in der EU ist das Vertrauen in die Impfung größer als südlich des Pyrenäengebirges. Der EU-Schnitt der Menschen, die eine Impfung als Bürgerpflicht ansehen, liegt bei 66 Prozent. In Deutschland sind es 67, in Luxemburg 62 und in Österreich 57 Prozent.

Angesichts dieses festen Glaubens an die Wirksamkeit des Covid-Schutzes spielen auch Impfgegner in Portugal und Spanien keine Rolle. Es gibt keine großen Demonstrationen von Corona-Leugnern oder Impfverweigerern, die zum Beispiel in Portugal nur auf zwei bis drei Prozent der Bevölkerung geschätzt werden. Angesichts der überwältigenden Willigkeit, die Anti-Covid-Spritze zu erhalten, stand in Spanien und Portugal auch nie eine gesetzliche Pflicht zur Debatte.

Schwer getroffen

Deutschlands wohl bekanntester Virologe Christian Drosten machte in einem Radiointerview noch einen weiteren Grund für die hohe Impfbereitschaft in Spanien und Portugal aus: „Die haben eine schreckliche gesamtgesellschaftliche Erfahrung hinter sich, nämlich viele Tote und einen richtigen Lockdown. Also einen wirklichen Lockdown, wo man nur zum Einkaufen mit Begründung nach draußen darf. Und auf der Straße patrouillierte das Militär.“ Das hätten andere Staaten wie zum Beispiel Deutschland so nicht erlebt.

Gute geplante Impf-Kampagne

Schließlich trug wohl die generalstabsmäßige Planung der Impf-Kampagne auf der iberischen Halbinsel zum Erfolg bei: Niemand musste sich um die Impfung bemühen und einem Termin hinterherlaufen. Alle Bürger in Spanien und Portugal wurden von den Gesundheitsbehörden systematisch per Anruf oder SMS kontaktiert und mit einem Terminvorschlag zur Impfung gebeten. Auch dies habe geholfen, freut sich Portugals Impfkoordinator Henrique Gouveia e Melo. Absagen habe es nur ganz wenige gegeben.