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Wie sich Mailand neu erfinden will

12.03.2021 • 14:40 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Das bisherige Erfolgsmodell Mailand muss neu erfunden werden
Das bisherige Erfolgsmodell Mailand muss neu erfunden werden APA/AFP/MIGUEL MEDINA

Mailand leidet mehr als jede andere Stadt in Europa unter Seuche.

Die Jugendlichen drängen sich dicht aneinander vor den Lokalen, sie halten Papierbecher in ihren Händen. Viele tragen keine Schutzmaske. Seit Monatsbeginn ist der Konsum in Bars, Cafes und Restaurants verboten, da Mailand in die tief-orange Zone geschlittert ist: Solche Szenen wiederholen sich trotz anhaltend hoher Corona-Infektionszahlen inzwischen jedes Wochenende um Mailands Navigli, dem Zentrum des Mailänder Nachtlebens. Bis um 22 Uhr stehen die jungen Menschen eng aneinander gedrängt, danach herrscht totale Ausgangssperre.

„Das ist eine Art Torschlusspanik“, beschreibt der 25-jährige Designer Jacobo Held den Massenauflauf. Er selbst, der bei den Navigli wohnt, versucht jegliche Massenansammlung zu umgehen. Doch nicht nur die Jugendlichen sind an dem Infektionsdilemma Schuld: Mangelnde Kontrollen, die weitgehende Absenz von Ordnungshütern, stehen im Kreuzfeuer der allgemeinen Kritik. „Wo gefeiert wird, gibt es keine Polizei“, kritisiert der Designer die Situation.

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Solche Szenen wiederholen sich trotz anhaltend hoher Corona-Infektionszahlen inzwischen jedes WochenendeImago

Rote Zonen am Wochenende

Das wird sich demnächst ändern. Die Regierung wird heute entscheiden, ob in den kommenden Wochen in Mailand, möglicherweise in ganz Italien, zumindest an den Wochenenden die rote Zone eingeführt werde. Mit totalem Ausgehverbot. Sämtliche Gastbetriebe werden komplett geschlossen. Grund: Die Infektion mit dem Coronavirus und seinen Mutationen zeigt wieder Rekordwerte. Vor allem in Mailand. Die Krankenhäuser sind neuerdings überfüllt.

Sirenen von Krankenwagen stören die Nachtruhe der Bewohner und erinnern 24 Stunden lang an die Pandemie. In drei Stadtvierteln werden bereits über 300 Infektionen pro 100 000 Einwohner gezählt. Für Hausärztin Ute Samtleben bedeutet dies Hochalarm. „Das Gesundheitswesen ist überfordert, die Impfungen kommen nur im Schneckentempo voran“.

Pure Angst

Während viele Jugendliche den Lockdown satthaben, herrscht unter älteren Mailändern pure Angst: Tief sitzen die Erinnerungen an die vielen Toten im vergangenen Frühjahr. Paola Mistri, Rentnerin und frisch gebackene Großmutter von Leonida, (7 Tage alt) wird ihren Enkel längere Zeit nicht sehen. „Ich vermeide jeglichen Kontakt, auch mit Verwandten und Freunden“, zeigt sie sich vorsichtig. Sie geht nur einmal in der Woche zum Einkauf. „Nur ganz früh am Morgen“, so auch Davide, Zeitungshändler am Corso Vercelli „schlüpfen die „anziani“, die Mailänder in der Altersgruppe von über 65 Jahren, aus ihren eigenen vier Wänden und kaufen Zeitungen. Gleich mehrere. Tagsüber trauen sie sich kaum auf die Straße.

Auch die meist überfüllte Straßenbahn 16, die von der Geschäftsstraße Corso Vercelli zum Domplatz führt, ist in diesen Tagen weitgehend leer. Nicht nur wegen der Anti-Corona-Maßnahmen (es darf nur jeder zweite Sitz besetzt werden). Wenn nur irgendwie möglich fahren die Berufstätigen mit E-Bike oder Scooter zur Arbeit. Das neue Stadtbild zeigt auch eine Vielzahl von Bikes und Roller auf traditionellen Auto Parkplätzen. Gähnende Leere herrscht auch an den U-Bahnstationen, selbst am Domplatz. Und in der „Galleria Vittorio Emanuele II“, die den Dom mit dem Opernhaus La Scala verbindet, gibt es kaum ein Dutzend Besucher. Von Touristen ist keine Spur.

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Gähnende Leere herrscht auch an den U-BahnstationenImago

Negatives Image

Die Pandemie schlägt sich negativ auf das Image Mailands aus: Die lombardischen Metropole, einstiges Aushängeschild für Wirtschaftswachstum und soziales Wohlergehen, für innovatives Design und für die Modebranche, Standort renommierter Universitäten und Sammelpunkt des internationalen Geschäftstourismus, ist nun ein Sinnbild für das Scheitern des Pandemie-Managements geworden.

Mailand als Muse

Der ehemalige Direktor der Wiener Staatsoper, Dominique Meyer, ist der neue Intendant an einem der schönsten Opernhäuser der Welt, an der Mailänder Scala.


Nachdem an der Mailänder Scala ein Coronavirus-Infektionsherd ausgebrochen ist, fordert Meyer unterdessen die Impfung aller Künstler als Bedingung für den Neustart der Theater, der Opernhäuser und Konzertsäle. „Wir wollen die Theater wieder öffnen. Die einzige Lösung ist, dass Künstler, die keine Maske tragen können, wie Sänger, Chormitglieder und Schauspieler geimpft werden“, erklärte Dominique Meyer jetzt.

Dramatisch sind auch die Folgen für die Wirtschaft: In Mailand ist der Wachstumsrückgang (2020: -10,8 Prozent gegenüber -9,8 Prozent im Landesschnitt) stärker als sonst wo in Italien. Mehr und mehr Ausländer meiden die Stadt. In wenigen Monaten verließen über 22.000 Bewohner die Millionen-Einwohner-Metropole. Die Krise hat die durch die Weltausstellung 2015 erzielten Positiv-Effekte längst vernichtet, bestätigt auch Bürgermeister Giuseppe Sala. Im November und Dezember 2020 wurden 90 Prozent weniger Touristen in Mailand gezählt als im Vorjahr.

Machtzentrum

Als Hauptstadt der Lombardei ist Mailand Sitz vieler regionaler Institutionen. Der Regionalrat, also die Volksvertretung der Lombardei, hat seinen Sitz im Pirelli-Hochhaus, in dem bis 2011 auch die Verwaltung der Region ansässig war. Diese hat seitdem ihren Sitz im Palazzo Lombardia, dessen Eigentümerin sie auch ist.

Das bisherige Erfolgsmodell Mailand muss neu erfunden werden. Der Bürgermeister verspricht „einen raschen Übergang zu dem was wir nicht mehr und dem was wir noch nicht sind“. Das neue Modell soll auf Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit basieren. Und Matteo Bolocan, Professor für Wirtschaftsgeografie an der Technischen Hochschule Politecnico, plädiert für einen ökologischen Wandel mit mehr Grünflächen und Radwegen. Der von der Gemeinde bereits verabschiedete Öko-Plan sieht 20 neue Parks mit 3 Millionen Grünpflanzen vor. Der Rektor der Elite Universität Bocconi Gianmario Verona ist überzeugt, dass der Dienstleistungssektor ausgebaut und eine Entbürokratisierung vorgenommen werden muss. „Um Mailand weiterhin für Studenten und Lehrpersonal aus dem Ausland attraktiv zu machen, müssen die Dienstleistungen qualifiziert und die bisher langwierigen Aufnahme-Verfahren für Studenten und Lehrpersonal entbürokratisiert werden.

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In wenigen Monaten verließen  über 22.000 Bewohner die  Millionen-Einwohner-MetropoleGetty

Mailand wäre nicht Mailand, „wenn es keinen Erneuerungsweg finden würde“ zeigt sich der Präsident des Unternehmerverbandes Assolombarda, Alessandro Spada zuversichtlich. Die Erholung werde hier später als im übrigen Italien, erst 2023 einsetzen. Erst 2025 werde das Niveau der Vorkrisenzeit erreicht. Impulse für Mailand kommen auch von der Innovation. Am ehemaligen Gelände der Weltausstellung „Expo“ entsteht derzeit ein Forschungszentrum für Humanwissenschaften, Human Tecnopole.

Rollenmodell Modebranche

Wie sich Mailand neu erfindet, zeigt die Modebranche. Am 8. März ging die traditionelle Modewoche zu Ende. 68 Stilisten zeigten ihre Kollektionen. Nur zwei (Valentino und Daniel Del Core, einstiger Stardesigner bei Gucci) präsentierte “life”. Valentino zeigte im Mailänder Kulturtempel, dem Theater Piccolo, seine Herbst/Winter Prachtexemplare. Dies war ein Solidaritätsbeweis zum Piccolo, das seit einem Jahr geschlossen ist. Del Core hat vor 40 exklusiv geladenen und persönlich betreuten Gästen sein neues Markenzeichen „Del Core“ gezeigt. Die restlichen Designer, von Armani über Versace bis zu Prada begnügten sich mit Filmen und Digital-Übermittlungen, im Fernsehen und Internet, auf Social-Media und im direkten Kundenverkehr.“ Auch in Zukunft wird nicht auf das Digitale verzichtet werden können“, zeigt sich Modejournalistin Dominique Muret von Fashionnetwork überzeugt. Das Coronavirus hat den bereits vor Jahren eingesetzten Strategiewechsel im Modesektor nicht verursacht, sondern beschleunigt.

Schillernde Modemetropole

Mailand im Alltagskleid muss man nicht gesehen haben, zu schmuddelig, zu laut. Aber Mailand in Zeiten der Modewoche, das ist wie „Volare“ von Dean Martin. Nicht glasklar, aber mit Swing. Zumindest war das vor Corona so. Selbst Carabinieri bleiben in Zeiten der Milano Moda cool, wenn Eisentore zittern, weil ein hungriges Modevolk rempelt und drängt, weil es nur eines will: Dabei sein, wenn Armani und andere Modegötter ihre Kollektionen für die nächste Saison erstmals zur Schau stellen. Viel Haut, tiefe Dekolletees. Der nackte Wahnsinn. Und die tröstliche Einsicht:  Schick happens. Die Auslagen der Modehäuser protzen mit ihrem Schnickschnack, die Einheimischen sind freundlich und hilfsbereit. Vielleicht auch nur deshalb, weil Mailand zwischendurch das Mekka der Mode ist und man Pilger immer respektvoll behandeln soll.