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30 Millionen Dosen „Sputnik V“ pro Monat

08.02.2021 • 10:54 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
30 Millionen Dosen "Sputnik V" pro Monat

Impfstoff „Sputnik-V“ gilt als internationaler Imageerfolg für Russland.

Vor dem Hintergrund schleppender Covid19-Impfungen in der EU hat Russlands aktive Corona-Außenpolitik in den vergangenen Tagen Achtungserfolge eingefahren: Eine wachsende Anzahl an Ländern bekundete Interesse am russischen Impfstoff „Sputnik-V“, der von Beginn an nicht nur als medizinisches Präparat, sondern auch als Vehikel zur internationalen Imagepflege konzipiert war.

Als Präsident Wladimir Putin am Vormittag des 11. August 2020 vor laufenden Kameras die offizielle Registrierung des weltweit ersten Impfstoffs gegen Covid-19 bekannt gab, war zunächst lediglich von „Gam-COVID-Vac“ die Rede. Wenige Stunden später wurde klar, dass die Verantwortlichen den Impfstoff „Sputnik-V“ (V wird wie der Buchstabe beim englischen Buchstabieren ausgesprochen, Anm.) tauften. Die Namenswahl offenbarte Ambitionen: 1957 hatte die Sowjetunion mit dem Start des ersten künstlichen Erdsatelliten „Sputnik 1“ den Westen auf seine technologische Rückständigkeit aufmerksam gemacht und damit einen „Sputnikschock“ oder „Sputnik-Moment“ ausgelöst.

Entwickelt vom renommierten Gamaleja-Institut in Moskau ist der staatliche Fonds für Direktinvestitionen (RFPI) für wirtschaftliche Aspekte sowie die Vermarktung des Impfstoffes verantwortlich. Der Generaldirektor dieses Fonds, Kirill Dmitrijew, war in den vergangenen Jahren wiederholt für außenpolitische Spezialaufträge des Kreml etwa in den USA und Saudi-Arabien verantwortlich.

Unabhängige russische Medien sahen Dmitrijew zuletzt nahezu als Teil der Familie des russischen Präsidenten: Seine Frau Natalja Popowa ist Stellvertreterin von Putins angeblicher Tochter Katerina Tichonowa in einer Moskauer Stiftung, die sich mit wissenschaftlicher Innovation beschäftigt. Der einflussreiche Spitzenmanager, der sich auch für klassische Musik und zeitgenössische Kunst interessiert, war in vergangenen Jahren wiederholt in Österreich zu Gast.

Unterstützt von der russischen Diplomatie engagierte sich Dmitrijew seit dem Sommer für die internationale Vermarktung von „Sputnik-V“. Gleichzeitig waren er und seine Mitarbeiter damit beschäftigt, Bedenken an der Glaubwürdigkeit russischer Angaben auszuräumen. Noch am Tag der Registrierung beklagte er „koordinierte und gründlich vorbereitete Informationsattacken auf den russischen Impfstoff“.

Wiederholte Fälschungsvorwürfe gegen Russland in anderen Bereichen, die übereilte Registrierung und Erfolgsmeldungen, die die Effizienz des Vakzins stets auffällig über jener von westlichen Konkurrenzprodukten sahen, hatten aber auch in Russland selbst für Zweifel gesorgt. Diese Ankündigungen könnten außer Gelächter nichts mehr hervorrufen, erklärte etwa der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny Mitte August 2020. Als der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell nun am Freitag in Moskau zum Erfolg mit „Sputnik-V“ gratulierte, veröffentlichte das russische Außenministerium ein Video mit den Aussagen Nawalnys und Borrells, um damit den inhaftierten Oppositionellen zu diskreditieren.

Abgesehen von intensiven Bemühungen auf diplomatischer Ebene, mit denen Russland befreundete Staaten von „Sputnik-V“ überzeugen wollte, drehten sich Gespräche hinter den Kulissen auch um eine weitere Frage: Putin hatte Anfang November etwa den französischen Präsidenten Emmanuel Macron diskret um Unterstützung bei der Produktion des Impfstoffes gebeten, berichtete das Pariser Wirtschaftsmagazin „Challenges“. „Seit einigen Wochen fragen uns die Russen, ob wir nicht mit ihnen arbeiten wollen. In der Realität macht dies ihre Hauptschwäche deutlich: Sie haben nicht genug Produktionskapazitäten“, zitierte „Challenges“ am 10. November einen anonymen französischen Diplomaten.

In Brasilien soll laut Medienberichten zwischenzeitlich mit der Produktion von „Sputnik-V“ begonnen worden sein, auch mit Indien gibt es seit September einen diesbezüglichen Vertrag und den Plan, 300 Millionen Dosen dort zu produzieren. RFPI-Chef Dmitrijew hatte Anfang Dezember seine Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass in Zukunft auch in der EU hergestellt werden könnte. Über dieses Thema hat am Sonntag nun auch Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ laut nachgedacht. Nach der etwaigen Zulassung durch die Arzneimittelagentur EMA „würde Österreich ganz bestimmt versuchen, Produktionskapazitäten bei geeigneten einheimischen Unternehmen für russische oder chinesische Impfstoffe zur Verfügung zu stellen“, hatte Kurz erklärt.

Derzeit ist „Sputnik-V“ vor allem ein Imageerfolg für Russland, aber kein Gamechanger: Die bisher bekannten Produktionszahlen lassen kurzfristig nur eine beschränkte Rolle bei der globalen Bekämpfung der Corona-Pandemie erwarten. Der Impfstoff ist zwar vergleichsweise günstig und kommt neben Russland derzeit zumindest schon in Weißrussland, Argentinien, Serbien, Bolivien, Algerien, Kasachstan sowie in den abtrünnigen „Volksrepubliken“ der Ostukraine zum Einsatz. Im Dezember war angekündigt worden, dass die globale Produktion ab März 2021 monatlich „30 Millionen Dosen oder mehr“ betragen werde. Bliebe es dabei, wäre das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

In Russland selbst hält sich das Impftempo unterdessen in Grenzen: In jenem am 2. Februar veröffentlichten Beitrag in der Fachzeitschrift „Lancet“, in dem Moskauer Wissenschafter über ihren Erfolg berichteten, ist mit Stand vom 23. Jänner von zwei Millionen verimpften Dosen „Sputnik-V“ in dem 146 Millionen-Einwohner-Staat die Rede. Von der Größenordnung entspricht das in etwa der Impfgeschwindigkeit in EU-Staaten.