International

Kreuzfahrtbranche auf Grund gelaufen?

19.11.2020 • 11:50 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Kreuzfahrtbranche auf Grund gelaufen?

Eine ganze Branche im Umbruch – ein Industriezweig ohne Kunden.

Es gibt keinen Wirtschaftszweig, der derzeit nicht (in)direkt von der Pandemie betroffen wäre. In akuter Seenot: die Kreuzfahrtbranche.

Nach monatelanger Zwangspause durften die ersten (halbleeren) Schiffe im Sommer wieder ablegen: Passagiere konnten die schwimmenden Kleinstädte teils wieder für Ausflüge verlassen – mit reduziertem Kontakt zur lokalen Bevölkerung. Im Oktober waren etwa zehn von 300 Schiffen mit 1000 oder mehr Reisenden unterwegs (siehe Infokasten), danach kamen weltweit neue Corona-Wellen. Im Moment unternimmt nur noch TUI „blaue Reisen“ um die Kanaren – ohne Landgang. In der Südsee kreuzen einige wenige Anbieter, in den USA ist nun auf behördliche Anordnung hin alles dicht.

Es stellt sich die Frage, wie viele Reedereien über Wasser bleiben werden. Aida Cruises in Deutschland meldete Umsatzausfälle von 400 Millionen Euro im Monat. „Wir sind mit dem Bund im Gespräch über die Gewährung von Krediten in mittlerer dreistelliger Millionen-Euro-Höhe“, sagte Michael Thamm, Chef der Costa-Gruppe, zu der Aida Cruises gehören. Preiserhöhungen wurden zuletzt nicht ausgeschlossen.

Kreuzfahrtbranche auf Grund gelaufen?
APA

Vor der Pandemie boomte die Branche beispiellos: Laut der Cruise Lines International Association (Clia), dessen Mitgliedsreedereien 95 Prozent der globalen Kapazitäten stellen, hängen an ihr nur in Deutschland 48.000 Arbeitsplätze. Die Wertschöpfung dort: 6,6 Milliarden Euro. Die Clia hielt sich mit Zahlen für 2019 zurück – seriöse Insider sprechen gegenüber der Kleinen Zeitung aber von weltweit 30 Millionen Passagieren.

"Reedereien machen keine Profite mehr"

Herr Meyer-Hentrich, was wird von der Kreuzfahrtbranche nach Corona noch übrig bleiben?
WOLFGANG MEYER-HENTRICH: 50 bis 60 Monsterschiffe mit über 3000 Passagieren kreuzen sonst auf den Weltmeeren. Nun sind es eine Handvoll – und die machen keine Profite. Auch wenn Touren für die Veranstalter ob der Hygienemaßnahmen nicht kostendeckend sind, ist das noch preiswerter, als sie im Hafen zu parken. Große Hedgefonds sitzen auf Aktienpaketen, die stetig an Wert verlieren. Als Erstes kommt dann immer gleich der Ruf nach Staatsgeld. Die Konzentration wird weiter zunehmen, vielleicht wird China irgendwann auf den Plan treten. Der ostasiatische Markt hat noch gute Wachstumsaussichten. Die Ausbeutung von Umwelt und Menschen gilt da als als normal. Die westliche Kritik daran stösst dort weitgehend auf Unverständnis.  

Warum Ihre so scharfe Kritik?
MEYER-HENTRICH: Erst Masse ermöglicht das Geschäft! Kreuzfahrten gerieten ob der Umweltbelastung in Verruf, aber auch wegen des Horrortourismus in den Anlaufzielen sowie wegen der Ausbeutung des Personals und des parasitären Geschäftsmodells: Dieses beruht auch darauf, dass Konsortien nirgendwo Steuern zahlen, Ausgaben auf die öffentliche Hand umlegen wollen.

Werden Reedereien zukünftig „umweltfreundlicher“ denken?
MEYER-HENTRICH: Die neue Generation von Monsterschiffen wird von Flüssiggas (LNG) angetrieben. Dies ist aber auch eine fossile Antriebsenergie. Sie ist etwas umweltfreundlicher als die Verbrennung von Schweröl. Für die etwas weitere Zukunft, setzen die großen Reedereien im Fracht- und Personenbereich auf Wasserstoffenergie. Damit wäre zwar das Umweltproblem der Kreuzfahrtindustrie vom Tisch, aber alle anderen bleiben bestehen.

Für Meyer-Henrich besteht kein Zweifel, dass Corona alles veränderte: „Der Hype ist endgültig vorbei. Die naive Begeisterung der Massen für den Kreuzfahrtrummel wird sich nicht mehr wieder ohne Weiteres einstellen. Dieser Bruch lag schon in der Luft, die Kritik an der Branche hatte stark zugenommen.“ Gemeint sind ökologische Aspekte und „Overtourism“ – man denke an die bedenklichen Zustände in Venedig oder etwa im weltberühmten Geirangerfjord in Norwegen vor Corona.

Kreuzfahrtbranche auf Grund gelaufen?
AP

„Als das ganze Ausmaß der Pandemie in den USA noch nicht bekannt war und die großen Kreuzfahrtanbieter in Miami noch davon ausgingen, dass der ganze Spuk in zwei, drei Monaten vorbei sei, preschten sie bereits mit Billigstangeboten vor“, zieht Meyer-Hentrich Bilanz. Und: „Schnäppchenpolitik gehörte immer zum Wesen dieser Billig-Discounter auf See.“

Covid-19-Testpflicht

Die Kreuzfahrtindustrie hat vor einigen Wochen eine Covid-19-Testpflicht beschlossen – für alle Gäste und Crewmitglieder an Bord der Schiffe. Nur mit einem aktuellen negativen Testergebnis werde der Zugang gewährt. Dies gilt für Schiffe ab 250 Passagieren – wann und wie getestet wird, dürfen die Reedereien selbst entscheiden.

Vor Anker

Grob geschätzt gibt es weltweit derzeit 300 Kreuzfahrtschiffe für 1000 oder mehr Passagiere. Im Oktober fuhren gerade einmal acht, im November kamen dann neue Lockdowns. Am deutschen Markt sind Aida und TUI Cruises die großen Player – international sind es Carnival Cruise Line, Royal Caribbean, Norwegian Cruise Line Holdings und MSC Cruises.

Kreuzfahrtbranche auf Grund gelaufen?
AP