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Frankreichs „Weißkittel“ rebellieren

16.10.2020 • 11:12 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Frankreichs "Weißkittel" rebellieren

Ab Samstag um Mitternacht gilt in Paris eine Ausgangssperre.

Am 14. Juli hat Präsident Emmanuel Macron Frankreichs „Krieg gegen Corona“ für beendet erklärt. Nach der Militärparade am Nationalfeiertag hatte der Staatschef einzelne Pflegekräfte und Ärzte stellvertretend für alle „Kämpfer an der Front“ zur Zeremonie auf die Pariser Place de la Concorde eingeladen, wo er den „blouses blanches„, den weißen Kitteln, wie man sie in Frankreich nennt, feierlich für ihren Einsatz dankte – ganz so, als liege das Schlimmste hinter den Franzosen.

Es hätte stutzig machen müssen, dass Macron im Sommer von der Epidemie in der Vergangenheitsform sprach. „Wir müssen mit dem Virus leben“, lautete fortan die Devise, die der Präsident verkündete. Zu diesem Zeitpunkt galten alle Anstrengungen der französischen Regierung offensichtlich dem Versuch, Optimismus zu verbreiten und den dramatischen Wirtschaftsabschwung abzufedern. Nach fast zwei Monaten harten Lockdowns und weiteren Wochen strenger Beschränkungen fasste ein Präsidentenberater die sommerliche Lage so zusammen: „Wir müssen die Franzosen jetzt eine Weile in Ruhe lassen.“

Gute Nacht, Paris

Die zweite Welle kam mit umso größerer Wucht. Es sei eine „starke Welle“, sagte Premierminister Jean Castex Anfang der Woche, um auf unbequeme Ankündigungen einzustimmen: Ab Samstag um Mitternacht gilt im Großraum Paris und in acht weiteren französischen Großstädten eine Ausgangssperre zwischen 21 Uhr abends und 6 Uhr früh. Das kündigte Macron an: „Privatkontakte sind die gefährlichsten.“ Wenn das Parlament zustimmt, wird die nächtliche Ausgangssperre bis Anfang Dezember dauern. Restaurants, Bars, Kinos und Theater sollen durch Rettungsprogramme vor der Pleite bewahrt werden.

Es ist ein Drahtseilakt, den Macron damit versucht: Das Virus ausbremsen, aber auf keinen Fall die Wirtschaft nochmals stoppen.

20.000 Neuinfektionen vermeldet Frankreich täglich. Ende vergangener Woche sogar 27.000 Fälle innerhalb von 24 Stunden. Elf Prozent der Testergebnisse sind positiv, in Paris sind es sogar 17 Prozent.

Besorgt wird auf die Krankenhäuser geblickt, wo fast 9000 Covid-19-Patienten behandelt werden. Vor allem die Zahl der Intensivpatienten steigt stetig. Landesweit waren es am Dienstag 1633. Im Großraum Paris ist bereits die Hälfte der Intensivbetten mit Covid-19-Patienten belegt und viele Häuser haben begonnen, reguläre Operationen zu verschieben.

In diesem Rhythmus, so hatte das Institut Pasteur ausgerechnet, würde Mitte November das Gesundheitssystem zusammenbrechen. Mit 11.000 Intensivpatienten rechnen die Experten dann, bei 5882 Betten. Dabei hatte Frankreichs Gesundheitsminister Olivier Véran gebetsmühlenartig verbreitet, dass man die Kapazitäten auf 12.000 aufstocken könne – eine Milchmädchenrechnung. Es müssten mindestens 30.000 Pflegekräfte eingestellt werden. „Was hilft ein Intensivbett, wenn niemand danebensteht?“, fragt Pierre Schwob Tellier, selbst Krankenpfleger im Hôpital Beaujon im Pariser Vorort Clichy.
Es fühlt sich an, als sei Frankreich kopflos in die zweite Welle gedonnert, aller Verlautbarungen zum Trotz. Der größte Reinfall ist die Warn-App „StopCovid“, die ein Nischenprogramm ist. Nicht einmal der Premierminister hat sie runtergeladen. Ganze 93 Nutzer hat sie als Kontaktpersonen gewarnt, für wöchentliche Kosten von 100.000 Euro.

Diese zirkushafte Politik hat dafür gesorgt, dass die Bürger das Vertrauen in die Regierung verloren haben. Umfragen zeigen, dass 70 Prozent der Befragten keinen „klaren Kurs“ bei Macron erkennen können. Gestern gingen Krankenschwestern und -pfleger wieder auf die Straße. Aber dieses Mal nicht als Schausteller für kamerataugliche Ehrungen, sondern um lautstark zu protestieren. „Je suis épuisé“ steht auf ihren Schildern, „Ich bin erschöpft“. Enttäuscht sind sie vor allem vom runden Tisch im Gesundheitsministerium, bei dem nach zähen Verhandlungen eine Gehaltserhöhung von 183 Euros erkämpft wurde. „Viele meiner Kolleginnen und Kollegen brechen zusammen, sie werfen das Handtuch, geben auf. Es kommt zu massenhaften Kündigungen, weil kaum einer länger als fünf Jahre durchhält“, sagt Krankenpfleger Schwob Tellier. „Das staatliche Krankenhaus ist eine Holzhäckselmaschine, in der wir geschreddert werden!“ Laut Umfrage will ein Drittel der Krankenschwestern den Job wechseln.