Besser leben

In der Stadt auf Grün schalten

23.09.2020 • 16:01 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Emser Rathaus ist auch wegen des Grüns ein Blickfang. <span class="copyright">Conrad Amber</span>
Das Emser Rathaus ist auch wegen des Grüns ein Blickfang. Conrad Amber

Mit Naturexperten Conrad Amber mehr eigenes Grün wagen.

Conrad Amber hat in seinem Garten 32 Vogelarten gezählt. Vom Schreibtisch aus beobachtet er in seinem naturbelassenen Grün Sperlinge, Meisen, Finken, Kleiber und sogar regelmäßig einen Sperber, der sich gerne einen Singvogel holen würde. Efeu rankt von der Außenwand in Conrad Ambers Büro hinein.
Seit Februar steckt der Naturexperte noch mehr als sonst, wenn er Vorträge hält und Bücher schreibt, mit seiner Lust auf Grün an: Mit der Stadt Hohenems hat er ein Projekt ins Leben gerufen, um Hohenems gemeinsam mit den Bürgern grüner zu machen: grüne Dächer, grüne Fassaden, naturnähere Grünstreifen und Gärten.
Im Grunde ist es einfach, sagt Amber. Seltener mähen bedeutet eine größere Artenvielfalt, weniger komprimierte und daher lebensfreundlichere Böden, weniger Hobbygärtner-Stress. „Wenn es für jemanden die tatsächliche Erfüllung ist, 16 Mal im Jahr den Rasen zu mähen, dann habe ich damit kein Problem. Für alle anderen reicht zwei Mal im Jahr, und die 14 gesparten Stunden können sie mit Lesen oder Tiere-im-Garten-Beobachten verbringen“, schlägt der Experte vor. „Es geht mir da­rum, wo möglich, aus der Monokultur-Optik ,Rasen-Hecke‘ rauszukommen“, erklärt er.

Im Boutiquehotel Stadthalle Wien finden sich nicht nur Menschen. <span class="copyright">Conrad Amber</span>
Im Boutiquehotel Stadthalle Wien finden sich nicht nur Menschen. Conrad Amber

Ab und an ein Baum, mehr Sträucher und Ecken, die man guten Gewissens auch mal sich selbst überlassen kann. „Die Natur hat schließlich 300 Millionen Jahre ganz gut ohne uns überlebt“, schmunzelt Amber.
Ziel in Hohenems ist also eine Entsiegelung. Grün auf und um das Haus kühlt, generiert Sauerstoff, bringt Duft, Farben und Leben, ist Hochwasserschutz und schafft das gute Gefühl, dass man etwas Sinnvolles getan hat und dass der Nachbar nun auch schon wissen wollte, woher man die Idee hatte und ob das beim eigenen Dach auch funktioniert. „Im Grunde gibt es fast kein Dach, das sich nicht begrünen lässt“, sagt der Experte.

Großes Interesse

Amber macht die Erstberatung, erklärt, wie viel Substrat das jeweilige Dach tragen kann und welche Pflanzen in Frage kommen – extensive wie Schnittlauch oder Sedume bis hin zu größeren Pflanzen – und hat Adressen von Ansprechpartnern und ausführenden Firmen zusammengetragen. Eine Fotografin dokumentiert, was auf den Dächern, an den Fassaden und am Boden ergrünen wird. Ein grüneres Hohenems mit mehr Luft für alle? Offensichtlich nicht nur für den Naturexperten Conrad Amber ein Traum, der Dach für Dach Realität wird. Allein in der ersten Woche nach dem Projektstart haben sich zwölf Interessierte bei ihm gemeldet. Amber besucht die Interessenten dann in dem Haus, um das es geht, alle steigen aufs Dach. Ist es ein Flachdach, ein Satteldach, welchen Neigungswinkel hat es, wie gut ist das Dach zugänglich, was stellen sich die Hausbesitzer vor, gibt es zusätzlich eine Fotovoltaik-Anlage, wie alt ist das Dach, müsste man einen Statiker hinzuziehen? Bei Flachdächern, erbaut ab den 1960ern, gilt: In derselben Höhe, wie zuvor Kies auf dem Dach lag, kann Substrat aufgefüllt werden. Mit einem Spezialschlauch wird das Kies abgesaugt und die Erde hinaufgeblasen, um die Dachhaut nicht zu verletzen.

Hundertwassers Traum vom Leben mit Natur: Therme Blumau.<span class="copyright"> Conrad Amber</span>
Hundertwassers Traum vom Leben mit Natur: Therme Blumau. Conrad Amber

Arbeit holt man sich mit einem grünen Dach nicht ins Haus: Eine Kontrolle einmal im Jahr reicht später aus, während die Pflanzen über den Köpfen ihrerseits rund um die Uhr im Einsatz sind.