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Das verwundete Land

07.10.2021 • 15:09 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Auf Afghanen kommt ein harter Winter zu. Die größten Verlierer sind die Frauen
Auf Afghanen kommt ein harter Winter zu. Die größten Verlierer sind die Frauen AFP

Analyse. Dass Taliban wieder regieren, macht Versagen des Westens deutlich.

Es ist eine traurige Ironie, was 20 Jahre nach Beginn des Afghanistan-Kriegs, Amerikas längstem Krieg, wieder im Land am Hindukusch passiert. „Es ist eindeutig, dass die Mission, die dort auch von der internationalen Gemeinschaft verfolgt wurde, komplett gescheitert ist“, sagte uns Terrorexperte Peter Neumann kürzlich im Interview.

Amerikas Reaktion auf 9/11

Als Reaktion auf die 9/11-Terroranschläge, bei denen mehr als 3000 Menschen starben, griffen die USA gemeinsam mit ihren Verbündeten Afghanistan am 7. Oktober 2001 an. Hintergrund: Die islamistische Taliban-Regierung Afghanistans unterstützte die für die Anschläge verantwortliche Terrorgruppe Al Kaida.

20 Jahre nach 9/11 und dem darauffolgenden „Krieg gegen den Terror“
(Copyright George W. Bush), den die USA – nicht nur, aber vor allem – gegen Afghanistan schließlich 20 Jahre führte, sitzen die Taliban, die schon von 1996 bis 2001 weite Teile des Landes beherrschten, im Präsidentenpalast in Kabul.

Eine katastrophale Bilanz

Nach dem kompletten Abzug aller US-Soldaten aus Afghanistan in diesem Sommer verteidigte US-Präsident Joe Biden seine umstrittene Entscheidung. Der Truppenabzug zum 31. August sei auf keine „willkürliche Frist“ zurückzuführen. „Sie war so ausgelegt, um amerikanische Leben zu retten“, sagte er. Laut Welternährungsprogramm sind heute 14 Millionen Afghanen von schwerem oder akutem Hunger bedroht.

Feiern mit Maschinengewehren

Mitte August hatten sie im Zuge des US-Truppenabzugs die afghanische Hauptstadt erobert. Sie feierten mit Maschinengewehren. Danach bildeten sie eine Übergangsregierung mit Mullah Mohammed Hassan Akhund als amtierenden Regierungschef.

Sie beteuerten, sie würden die Rechte der afghanischen Bevölkerung respektieren. Sie würden die Rechte der Frauen tolerieren. Sie würden den Westen als Gesprächspartner akzeptieren. Sie strebten nach internationaler Anerkennung. Diese Woche ließen die Taliban vermelden, sie würden auch wieder Pässe ausstellen – jeder, der wolle, könne das Land verlassen.

Amnesty International zeichnet freilich ein anderes Bild. Die Menschenrechtsorganisation berichtet von gezielten Tötungen von Zivilisten in Afghanistan. Frauen werde verboten, ihrer Arbeit nachzugehen und Mädchen daran gehindert, in die Schule zu gehen.

Gewalt

Proteste schlagen die Taliban gewaltsam nieder und schränken die Rechte von Medien und der Zivilgesellschaft ein. Seit 15. August würden fast täglich Angriffe auf Menschenrechts-Aktivisten gemeldet. Die Taliban würden von Tür zu Tür ziehen und ihnen nicht genehme Menschen abführen.

Amnesty wirft den Taliban außerdem Kriegsverbrechen an der Hazara-Minderheit vor: 13 Mitglieder seien in der afghanischen Provinz Daikundi hingerichtet worden, obwohl sie sich ergeben hatten. „In den Wochen seit der Übernahme der Kontrolle über Afghanistan haben die Taliban deutlich gezeigt, dass es ihnen mit dem Schutz und der Achtung der Menschenrechte nicht ernst ist“, erklärte jüngst Dinushika Dissanayake, stellvertretende Direktorin von Amnesty International für Südasien.

Und nun kommt auch noch die wirtschaftliche und humanitäre Katastrophe im Land dazu. Die Hilfsorganisation Welthungerhilfe berichtet, Afghanistan stehe vor dem wirtschaftlichen Kollaps. Das Bankensystem funktioniere nicht, die Preise für Nahrungsmittel seien gestiegen und vor allem alleinstehende Frauen wüssten nicht, wie sie ihre Kinder ernähren sollen. Nach wenigen Monaten Taliban-Herrschaft bestätigt sich: Die größten Verlierer sind die Frauen.