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„Wir müssen Verkehr aus Bergen verbannen“

29.09.2021 • 16:03 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Bergsteigerlegende Reinhold Messner
Bergsteigerlegende Reinhold Messner Winkler

Reinhold Messner warnt vor fehlender Ruhe und Inszenierung in Alpen.

Bergsport boomt seit Jahren – gerade jetzt im Herbst. Ist das schon zu viel für die Natur?
Reinhold Messner:
Das hat zum Teil mit Corona zu tun gehabt, die Menschen zog es in die Berge. Generell sieht man aber, dass nur mehr wenige traditionell bergsteigen, viele suchen eine Inszenierung am Berg – sei es ein noch verrückterer Klettersteig oder eine Brücke am Everest. Und das boomt total. In Eigenverantwortung und Eigenregie gehen kaum mehr Menschen in die Berge. Die Bergwildnis ist weniger besucht, als vor 50 Jahren.

Wie sehen Sie diese Inszenierung in den Bergen?
Messner: Ich persönlich bin dem traditionellen Alpinismus verpflichtet. Ich bemühe mich, dass die Berge großteils wild bleiben. Die Menschen sollen lernen, in der Wildnis zurechtzukommen, Wege zu suchen, vorsichtig zu sein, anzuerkennen, dass der Berg groß und gefährlich ist. Inszenierungen führen sofort zu Katastrophen, wenn etwas nicht funktioniert, etwa der Klettersteig einen kleinen Fehler hat. Gegenüber meines Schlosses, wo ich wohne, gibt es einen Klettersteig, gegen den grundsätzlich nichts einzuwenden ist, weil er keine Wildnis kaputt macht, aber mindestens ein- bis zweimal in der Woche kommt der Hubschrauber und fliegt Leute raus. Das ist ökologisch und vom Risiko her für die Retter nicht vertretbar. Leute nehmen die Berge als Kulisse, die Gefahr aber nicht wahr.

Auch Bergretter stöhnen über immer mehr Einsätze. Wie könnte das verhindert werden?
Messner:
Aufklärung und nicht noch mehr Inszenierung. Wir haben schon genug Klettersteige, genug Seilbahnen und auch genug Hütten. Im Grunde reicht das vielleicht schon. Erfahren tun wir die Berge nur auf Steigen oder auf Kletterwegen, nicht auf Maschinen.

Muss man den Tourismus in den Alpen also neu denken? Braucht es Verbote?
Messner:
Ja, wir müssen die Touristen erziehen, aber wir brauchen sie. Doch sie sollen das Auto, das sie möglicherweise zur Anreise brauchen, am Fuße des Berges stehen lassen. Sie können auch mit Shuttlebussen, zu Fuß oder mit Seilbahnen weiter nach oben kommen. Wir müssen lernen, diese Hotspots zu vermeiden und versuchen, den Tourismus zu steuern und zu verlegen. Eines ist ganz wichtig: Wir müssen den Verkehr aus den Bergen verbannen, sonst haben wir die gleiche Situation wie in der Stadt. Dabei fährt man doch aus der Stadt hinaus, um Entschleunigung und Ruhe zu finden, und findet dann gerade in Südtirol eine noch schlimmere Situation vor.

Sind Sie deswegen dafür, dass die Alpenpässe in Ihrer Heimat in den Dolomiten also autofrei werden?
Messner:
Ja, dafür bin ich seit Jahren. Die Politik ist hier zu zögerlich. Viele Politiker wollen zwar, aber sie trauen sich nicht. Und ich bin der Meinung, es ist die einzige Lösung, wie wir in den Dolomiten den Tourismus nachhaltig, positiv und erfolgreich gestalten können. Ich bin für Tourismus, aber wir müssen ihn zügeln. Wenn wir die Dolomiten etwa den Radfahrern geben – natürlich nicht den ganzen Tag, aber etwa von 9 bis 16 Uhr – dann haben wir eine völlig neue Klientel. Die Alpen sind der Erholungsraum Europas. Warum sollten wir diesen Erholungsraum zu einem überlasteten, stinkenden Raum machen, wie er in der Stadt ist. Und selbst dort redet man davon, den Verkehr hinauszubekommen. In den Dolomiten ist das viel leichter zu erreichen, wenn man nur will. Und wenn wir Touristen verloren haben, weil sie sich geärgert haben über die Situation in den Dolomiten, wird es schwierig sein, sie zurückzuholen. Die Leute müssen sich die Berge wieder erwandern. Mit dem Gehen messen sie die Berge aus und wissen am Ende, wer sie sind. Ansonsten sind die Alpen nur Kulissen – Pseudoberge, Postkartenberge.

Ist das schon Massentourismus?
Messner:
Das hängt davon ab, was man als Massentourismus versteht. Es gibt sicher Hotspots, die man entwirren muss. Aber wir haben in den Alpen im Grunde keinen Massentourismus. Das ist eine Falschaussage. Venedig ja, Wien vielleicht, Graz kann ich nicht beurteilen. Aber in den umliegenden Bergen von Graz – vom Wintertourismus abgesehen – gibt es das nicht. Massentourismus ist nur dort schädlich, wo der Verkehr zur Belastung wird, und dort, wo Inszenierungen gemacht werden. Mann muss nicht auf einem 3000er ein Konzert mit 20.000 Besuchern geben, so wie der Mann in der Lederhose. Lärm gehört nicht in die Berge.