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Warnung vor giftigen Dämpfen

29.09.2021 • 15:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Nicht nur an Land hinterlässt die Lavawalze eine Schneise der Zerstörung, die bisher 700 Häuser und eine paradiesische Natur unter einer meterdicken schwarz-grauen Schicht begrub
Nicht nur an Land hinterlässt die Lavawalze eine Schneise der Zerstörung, die bisher 700 Häuser und eine paradiesische Natur unter einer meterdicken schwarz-grauen Schicht begrub Europa Press via Getty Images

Lava-Strom auf La Palma hat Küste erreicht und ergießt sich in Meer.

Die Bewohner in San Borondón an der Küste der Kanareninsel La Palma, leben im Ausnahmezustand. Seit sich der Lavastrom ein paar Kilometer südlich in den Atlantik ergießt, dürfen sie ihre Häuser nicht mehr verlassen. „Bitte dichten Sie Fenster und Türen ab. Legen Sie Lebensmittelvorräte an. Gehen Sie nicht raus“, lauten die Anweisungen. Die Behörden befürchten, dass sich durch den Eintritt der glühend heißen Lava in den kühlen Atlantik giftige Dämpfe bilden und Explosionen ereignen könnten – deswegen wurde im Umkreis von mehreren Kilometern eine Sperrzone errichtet.

In der Nacht zum Mittwoch hatten die flüssigen Massen, die seit zehn Tagen aus dem Vulkan im Gebirgszug Cumbre Vieja brodeln und Hunderte Wohnhäuser verschlangen, die Küste erreicht. Seit Mitternacht stürzt die Lava über einen hohen Steilhang ins Meer. Auch aus sicherer Entfernung war eine riesige Rauchwolke zu sehen. „Durch den thermischen Schock zwischen der Lava und dem Meer entsteht Wasserdampf“, erklärt die Geologin Rosa Mateos. Aber es sei Vorsicht angebracht: Die Dampfwolken könnten ätzende Säuren enthalten.
Am Mittwoch half der Wind, die Wolken aufs Meer hinauszutreiben.

Deswegen konnten die Behörden die 84.000 Inselbewohner und Tausende Urlauber, die sich immer noch auf La Palma aufhalten, halbwegs beruhigen. „Die Messgeräte haben auf der Insel zunächst keine Schadstoffwerte gemessen, die über den Grenzwerten liegen.“ Das kann sich aber ganz schnell ändern. Deswegen dehnten die Behörden am Mittwochnachmittag die Sicherheitszone auf den gesamten Küstenort Tazacorte aus, dessen 4600 Bewohner zu Hause bleiben sollen.

„Wie eine Bombe“

Nicht nur an Land hinterlässt die Lavawalze eine Schneise der Zerstörung, die bisher 700 Häuser und eine paradiesische Natur unter einer meterdicken schwarz-grauen Schicht begrub. Auch im Meer hat die Lava verheerende Folgen. Zwar können Fische oder Delfine fliehen. Doch Flora und Fauna auf dem Grund sind der Lava ausgeliefert. „Das ganze Leben auf dem Meeresboden stirbt“, sagt der Vulkanforscher José Magas.

„Das ist wie eine Bombe“, beschreibt die Zeitung „El País“ die Zerstörungskraft der kochend heißen Lava, die sich explosionsartig ins Wasser ergießt. Allerdings wisse man, dass sich das Leben im Atlantik in paar Jahren später wieder erholen werde. Das habe man bereits beim letzten Vulkanausbruch auf La Palmas Nachbarinsel El Hierro beobachtet. Dort hatte vor zehn Jahren ein Unterwasservulkan eine Todeslandschaft hinterlassen. „Inzwischen ist dort das Leben wieder zurückgekehrt“, berichtet Spaniens Meeresinstitut.

Die ins Meer fließende Lava könnte an der Küste zugleich die Insel wachsen lassen. Die im Wasser erkaltenden Vulkanmassen werden sich zu einer neuen Landplattform auftürmen, teilte das spanische Meeresinstitut mit, dessen Forscher von einem Schiff aus die Entwicklung verfolgen. Eine Plattform, die gestern bereits auf 500 Meter Breite angewachsen war.

Ähnliches geschah bereits bei früheren Lavaausbrüchen. Etwa 1949, als ein Vulkan namens San Juan ebenfalls im Cumbre-Vieja-Gebirge explodierte. Der San-Juan-Krater lag nicht weit von jenen Lavaschloten entfernt, die sich jetzt, am 19. September, öffneten. Nach 47 Tagen Eruption sorgte der Lavafluss des San Juan dafür, dass La Palma immerhin rund 1,5 Quadratkilometer an Land hinzugewann. Territorium, auf dessen fruchtbarer Vulkanerde später Bananen- und Avocado-Plantagen entstanden.

Neben der Lava und möglichen Giftwolken bereitet auf der Urlaubsinsel La Palma ein nicht endender Ascheregen zunehmend Sorgen. Seit sechs Tagen liegt der Flugverkehr auf der Insel weitgehend lahm, weil die aus dem Vulkan aufsteigenden Aschewolken für die Jettriebwerke gefährlich sind. Auch am Mittwoch mussten deswegen fast alle Flüge abgesagt werden. Tausende Urlauber hängen nun auf der Insel fest.