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Freundliche Grüße aus der Echokammer

29.09.2021 • 11:08 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die vielen Interaktionen auf Sozialen Medien halfen den Impfskeptikern der MFG bei der Mobilisierung.
Die vielen Interaktionen auf Sozialen Medien halfen den Impfskeptikern der MFG bei der Mobilisierung. APA/TEAM FOTOKERSCHI (TEAM FOTOKERSCHI)

Wichtige Helfer für die Liste MFG waren Facebook und Telegram.

Dass die Oberösterreich-Wahl für eine derartige Überraschung sorgen wird, dürften wohl nur die wenigsten vorhergesehen haben. Nach dem Erfolg der Liste MFG (Menschen-Freiheit-Grundrechte) begeben sich Polit-Strategen und Analytikerinnen nun auf Ursachensuche. Wie konnte es eine sieben Monate junge Liste, deren Abkürzung im allgemeinen Sprachgebrauch für „mit freundlichen Grüßen“ steht, auf Anhieb in den Landtag schaffen, ohne zuvor medial groß aufgefallen zu sein?

Eine Frage, auf die der Geschäftsführer vom Marktforschungsunternehmen „Buzz-Value“, Markus Zimmer, bereits eine Antwort hat. „Die Liste hat neben Veranstaltungen vor allem in den letzten Wochen in den Sozialen Netzwerken viel Lärm gemacht“, erklärt er. „Speziell auf Facebook haben sie gezielt Menschen angesprochen, die gegen Corona-Impfung und Maßnahmen sind.“

Der MFG-Erfolg offenbart unsere Sehnsucht nach Isolation in der eigenen Blase

Statt diese Abschottung mit spaltender Rhetorik noch zusätzlich zu befeuern, sollten Medien und Politik überlegen, wie ein in viele Kleinbewegungen fragmentiertes Land führbar wäre.

Dass sich diese Ansprache ausgezahlt hat, zeigt ein Blick auf Daten, die das Unternehmen ausgewertet hat. Die MFG konnte derart viele Interaktionen auf Facebook generieren, dass sie sich nach der FPÖ auf Platz zwei einreiht, was die Zahl an Reaktionen und Kommentaren auf ihrer Seite betrifft. Dabei gab die Liste mit 8.000 Euro nur ein Zehntel ihres gesamten Wahlkampfbudgets und um ein Vielfaches weniger aus, als andere Parteien. Spitzenreiter SPÖ ließ im Wahlkampf 109.000 Euro in soziale Netzwerke fließen (siehe interaktive Grafik).

Negative Emotionen bringen Interaktion

Die heimische Politik hat die sozialen Medien schon lange für sich entdeckt. Vor allem die FPÖ setzt seit Jahren auf soziale wie eigene Medien, da man sich in den regulären nach eigenen Angaben ungerecht behandelt oder unterrepräsentiert fühlt. Die Kosten für Online-Wahlkampf, der immer größeren Raum in der Strategieplanung einnimmt, steigen seit Jahren. Und bleiben dennoch deutlich geringer als für die Bewerbung in klassischen Medien.

Freilich hat die beachtliche Interaktion, die FPÖ und MFG im Oberösterreich-Wahlkampf auf ihren Seiten verzeichnen konnte, einen Grund. Beide Parteien setzen mit ihren Inhalten auf das Auslösen negativer Emotionen. „Düstere Szenarien wie jene in Sachen Corona sorgen eben für mehr Reaktion bei Userinnen und Usern als Gute-Laune-Themen“, sagt Zimmer.
Eine solche Ansprache können sich diese beiden Parteien aber eher leisten, als andere, erklärt er. „Die ÖVP muss mit dem Landeshauptmann natürlich präsidentieller und inhaltlich breiter auftreten.“

Telegram als Stimmenbringer

Neben Facebook ist für diese Zielgruppe aber noch ein anderer, deutlich privaterer Kanal wichtig geworden. Der Nachrichtendienst „Telegram“, eine App, in der verschlüsselt kommuniziert werden kann. Hier wurde in unzähligen Gruppen und Untergruppen debattiert – und das weit über Oberösterreich hinaus. Der Nachrichtendienst wird von Corona-Maßnahmengegnern seit jeher gern genutzt. Über diesen Kanal wurden auch immer wieder entsprechende Demonstrationen organisiert und koordiniert. Die Exekutive hat diese digitalen Gespräche im Hinblick auf „Eskalationspotenzial“ im Auge, hieß es im Vorfeld der letzten Demonstrationen.

Die Liste MFG wolle sich im Landtag jedenfalls nicht nur auf das Thema Corona konzentrieren, sagt Spitzenkandidat Joachim Aigner . Man wolle thematisch in die Breite gehen, um noch mehr Unterstützerinnen und Unterstützer zu bekommen. Im Gegensatz zum Wahlkampf, bei dem die Liste auf Spenden und Mitgliedsbeiträge á 35 Euro angewiesen war, fällt das Budget der Partei künftig üppiger aus. Nach Recherchen der „Zeit im Bild 2“ steht der Bewegung bald jährlich mehr als eine Million Euro zur Verfügung.