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Schöpfer rechnet mit Kickl ab

21.09.2021 • 15:25 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Rotkreuz-Präsident Gerald Schöpfer zeigt persönlich Sympathien für eine Impfpflicht
Rotkreuz-Präsident Gerald Schöpfer zeigt persönlich Sympathien für eine Impfpflicht ÖRK | Nadja Meister

Ohne Kickl beim Namen zu nennen, rechnet Gerald Schöpfer mit ihm ab.

Kein Verständnis für die Impfgegner, insbesondere für deren politische Wortführer, bringt der Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes Gerald Schöpfer auf. Ohne die FPÖ beim Namen zu nennen, lässt Schöpfer im Interview mit der Redaktion kein gutes Haar an der Corona-Argumentation des blauen Parteichefs. „Es gibt selbsternannte Virenexperten, die rhetorisch beeindruckend sind, aber ohne jegliches Verantwortungsgefühl verkünden, dass man mit Vitaminen vollgepumpt ein Immunsystem aufbauen kann, das kein Virus durchlässt.“ Um dem hinzuzufügen: „Wenn mein Auto kaputt ist, bringe ich es auch nicht zum Geisterheiler, sondern in eine Fachwerkstatt. Wir haben heute schon mehr Virenexperten als Infizierte. “

FPÖ-Chef Herbert Kickl hatte bei einem denkwürdigen Auftritt vor dem Sommer im Wiener Prater die Corona-Politik der Regierung ins Lächerliche gezogen. Er habe „ein intaktes Immunsystem, das mache die Menschen stark gegen das Virus mit all den Mutationen, die von irgendwelchen Leuten entdeckt worden sind.“

Schöpfer befürchtet eine zunehmende Verhärtung der Fronten durch eine emotional aufgeladene Debatte. „Da haben sich politische Akteure draufgesetzt und mit Ideologie versehen. Die Argumentation, es sei ein Zeichen der Freiheit, sich nicht impfen zu lassen, ist völlig unlogisch. Es ist umgekehrt. Nichtimpfen bedeutet, dass die Gesellschaft knapp vor Erreichen der Herdenimmunität im Stich gelassen wird.“

Gespräch mit Skeptikern und Zweiflern suchen

Der Rotkreuz-Chef plädiert allerdings dafür, dass man den Diskurs mit den Skeptikern und Zweiflern sucht. „Wenn rationale Argumente nicht gehört werden, kann man nicht mehr logisch, sondern psychologisch vorgehen. Man muss den Leuten die Ängste nehmen, an die Solidarität appellieren, geduldig aufklären.“

Als Präsident des Roten Kreuzes wolle und könne er nicht die Forderung nach einer Impfpflicht aufstellen. „Wir sind in unserer DNA eine Freiwilligenorganisation. Wir als Rotes Kreuz werden nie eine Impfpflicht fordern. Das ist eine politische Entscheidung. Ich persönlich habe große Sympathien für Persönlichkeiten wie Ärztekammerpräsident Szekeres, die ähnliches fordern.“

Kein Selbstbehalt für Ungeimpfte im Spital

Wenig Verständnis bringt Schöpfer für die Debatte über einen Selbstbehalt für Ungeimpfte bei einem Spitalsaufenthalt auf. „Ich halte die Debatte nicht für glücklich. Man müsste dann auch auf Raucher oder Alkoholiker, die sich ein Leben lang wissentlich in Gefahr begeben, ausweiten. Unser Sozialversicherungssystem hilft, wenn jemand krank geworden ist.“ Reserviert steht Schöpfer auch der Abschaffung der Gratistests gegenüber. „Das ist eine politische Überlegung. Ich weiß nicht, ob es wirklich sinnvoll ist. Aus sozialen Gründen wäre ich nicht unbedingt dafür. Ich sehe aber ein, dass die Geduld des Staates im Sinken ist. Leute dauernd zu testen, kommt sicher teurer als die Leute einmal zu impfen.“

Mit großer Sorge verfolge er den „zunehmenden Vertrauensverlust“ in die Institutionen. „Wenn man Schulbildung durch den Staat ablehnt, ist es ein bedenkliches Zeichen.“ Die Regierung habe im Sommer allerdings verabsäumt, sich rechtzeitig auf den Herbst vorzubereiten. Bei den vom Roten Kreuz betriebenen Team Österreich Tafeln würden neue Klienten verzeichnet. „Da tauchen Menschen auf, die dem Mittelstand angehören und nie gedacht hätten, dass sie sich um Lebensmittel anstellen müssen.“ Um die sozialen Folgen abzufedern, werde das Rote Kreuz in den nächsten Wochen und Monaten Hearings in ganz Österreich abhalten, das Pilotprojekt geht am 28. September in Feldbach über die Bühne. „Die Menschen sollen von ihren Sorgen berichten. Es gibt ja Dinge, von denen man, wenn man als Politiker oben sitzt, keine Ahnung hat.“