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Was die Impfskepsis junger Frauen befeuert

15.09.2021 • 10:45 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Mythos, wonach die Impfung unfruchtbar macht, hat sich als Narrativ verfangen
Der Mythos, wonach die Impfung unfruchtbar macht, hat sich als Narrativ verfangen (c) Corri Seizinger – stock.adobe.com

Angst vor Unfruchtbarkeit lässt Frauen vor der Covid-Impfung zurückschrecken.

Die häufigste Frage in Bezug auf die Covid-Impfung ist jener nach der Unfruchtbarkeit, erzählt Gunda Pristauz-Telsnigg, Präsidentin der Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (ÖGGG). „Im Gespräch lassen sich diese Bedenken aber aufklären“, sagt die Gynäkologin. Und gibt zu bedenken: „Jene Patientinnen, die zu mir kommen und Fragen zur Impfung stellen, sind nicht das Problem. Schwierig wird es mit jenen, die nicht mehr kommen, um ärztlichen Rat einzuholen, denn diese kann man kaum mehr erreichen.“

Ganz grundsätzlich zeigen die Daten, die das Austrian Corona Panel Project (Universität Wien) erhoben hat, dass sich junge Männer und Frauen in Sachen Impfeinstellung nicht groß unterscheiden. „Die Werte unterschieden sich hier nur marginal“, sagt Josef-Moritz Eberl. Es gibt aber einen großen Unterschied. „Wenn es um unvorhergesehene Nebenwirkungen der Impfung geht, ist die Skepsis bei Frauen um knapp zehn Prozentpunkte höher als bei Männern“, so Eberl. Die Sorge betrifft vor allem den Mythos, dass die Covid-Impfung unfruchtbar macht.

Ein Mythos, der ins Mark trifft – und dennoch nicht stimmt

Dies ist eine Falschmeldung, die Impfung macht nicht unfruchtbar – hier haben wir im Detail erklärt, wieso das so ist. „Die Impfempfehlung von unserer Gesellschaft ist ganz klar“, sagt Pristauz-Telsnigg. „Denn Schwangere haben im Fall einer Covid-19-Erkrankung ein erhöhtes Risiko, Frühgeburten zu erleiden, einen schwereren Verlauf zu entwickeln und auch ein 23-fach höheres Risiko beatmet werden zu müssen als nicht Schwangere.“

Wieso können weder Studiendaten noch medizinische Fakten die Skepsis von jungen Frauen entkräften. „Weil dieser Mythos diese Altersgruppe ins Mark trifft“, sagt Ingrid Brodnig, Journalistin und Autorin, die sich seit Jahren mit Verschwörungsmythen auseinandersetzt. „Bei vielen jungen Menschen – auch bei Männern –, die einen Kinderwunsch haben, hat sich dieser Mythos als Narrativ verfangen, da er eine Grundangst anspricht, dass es mit dem Kinderwunsch nicht klappen könnte.“ Eine Falschmeldung könne sich umso besser verbreiten, wenn sie bestehende Ängste oder Sorgen von Menschen widerspiegelt.

Sorgen ernst nehmen und ansprechen

Zwei weitere Punkte helfen, die Skepsis zu schüren. Zum einen die sozialen Medien: Brodnig nennt Facebook, oder auch Youtube als Beispiel. „Wenn ich mit einer leichten Impfskepsis einsteige, ist es sehr leicht, mit vehementen Impfgegnern in Kontakt zu treten. Menschen werden sozusagen mit falschen Behauptungen in Bezug auf die Impfung angefüttert.“ Zweitens müssen Themen, die jungen Frauen Sorgen bereiten, proaktiv angesprochen werden. Etwa die Verschiebung des weiblichen Zyklus nach der Impfung. Auch dafür gibt es keine gesicherten Daten, aber es gibt Erzählungen – wir haben dies hier im Detail beleuchtet.

Ärztinnen und Ärzte, aber auch Medien, hätten diese Erlebnisse bislang nicht ausreichend erklärt. „Auch durch das Nicht-Ansprechen können derartige Mythen befeuert werden“, sagt Brodnig. Dass die Impfskepsis bei Frauen abseits von Covid etwas höher als bei Männern ist, sieht Eberl in der Gesellschaftsstruktur verankert: „Frauen übernehmen zu großen Teilen die Pflegearbeit, müssen sich etwa mit den Kinderimpfungen auseinandersetzen.“

Es braucht gezielte Informationen

Wie kann also gegengesteuert werden? Durch eine auf Frauen ausgerichtete Informationskampagne, sind sich die Fachleute einig. „Hier muss zuerst zwischen Impfskeptikern und -gegnern unterschieden werden“, sagt Brodnig. „Erstere können erreicht werden, bei zweiteren wird es schwer.“ Für die Ansprache junger Frauen sollten soziale Medien genutzt werden, ist Eberl überzeugt: „Eine Impfkampagne muss über Instagram und Tiktok stattfinden, dort wo sich die Zielgruppe befindet.“

Auch Testimonials bzw. Influencer, die in der jeweiligen Zielgruppe Relevanz haben, würden funktionieren. „Die Jazz-Gitti aus der generellen Impfkampagne wird junge Frauen nicht erreichen“, kritisiert Eberl. „Diese Impfkampange war zu Ende, als die älteren Menschen geimpft waren. Die jungen sind nie speziell angesprochen worden.“