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Papst Franziskus bei den Ausgestoßenen

15.09.2021 • 10:54 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Papst Franziskus bei den Ausgestoßenen
„Zu oft wart ihr schon Gegenstand von erbarmungslosen Urteilen“: Papst Franziskus bei seiner Ansprache in Lunik IX am Rand von Kosice. APA/AFP,AP

Franziskus besucht am dritten Tag seiner Slowakeireise ein Roma-Ghetto.

„Warum soll es überraschend sein, dass der Papst zu uns kommt? Er ist doch unser aller Vater oder etwa nicht?“. So selbstverständlich nimmt eine Bewohnerin der Roma-Plattenbau-Siedlung Lunik IX in Kosice (Kaschau), was ansonsten wohl die ganze offizielle Slowakei verwundert hat. Wie der biblische Jesus meint es Franziskus offenbar ernst damit, dass er sich um die Ausgestoßenen mit ganz besonderer Hingabe bemüht.

„Von den slowakischen Bischöfen würde wohl keiner von selbst auf die Idee kommen, diesen Schandfleck der Slowakei zu besuchen“, heißt es hingegen sonst in der Slowakei. Und Politiker stritten sogar öffentlich darüber, wer „schuld“ an der Auswahl dieses Reiseziels sei. Noch eher akzeptieren konnte man, dass der Heilige Vater die Mutter-Theresa-Schwestern in Bratislava mit einem Besuch am Montag würdigte, deren aufopferungsvolle Krankenbetreuung in der Öffentlichkeit bisher kaum wahrgenommen wurde.

Aber das Plattenbau-Viertel, in dem zeitweise rund 8000 Angehörige der Roma-Minderheit lebten (nach Abriss dreier Hochhäuser sind es jetzt nur noch rund 5000 Bewohner), gilt in der Slowakei als Symbol für Schmutz, Lärm, desolate Wohnverhältnisse und die Abhängigkeit der meisten Bewohner von staatlichen Sozialleistungen. Ein Ort, in dem niemand freiwillig fährt, schon gar nicht ein wohlgekleideter Bischof oder Politiker. Dementsprechend aufhorchen ließ der Papst daher auch mit dem, was er unter seiner Ansprache am Dienstag den Roma sagte: „Zu oft seid ihr schon Gegenstand von vorgefassten Meinungen und erbarmungslosen Urteilen, von diskriminierenden Stereotypen, von diffamierenden Worten und Gesten geworden.“

Dadurch sei aber auch die Mehrheitsgesellschaft selbst ärmer an Menschlichkeit geworden. Darum müsse die Ausgrenzung nun aufhören, forderte er. Den in der Slowakei als abgehoben geltenden Klerikern hatte der Papst schon am Montag in Bratislava (bis 1919 Preßburg) ins Gewissen geredet: „Die Kirche ist keine Festung, keine Machtstruktur oder auf einem Hügel erbaute Burg, die von oben herab die Welt betrachtet und aus dieser Distanz sich selbst genügt.“ Viel schöner sei „eine demütige Kirche, die sich nicht von der Welt absondert, sondern in deren Innerem lebt“. Teilen sei das, was das Christentum von Anfang an ausgemacht habe, mahnte der Heilige Vater.

Franziskus betet beim Treffen mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde
Franziskus betet beim Treffen mit Mitgliedern der jüdischen GemeindeAP

Ohne Zweifel mehr Freude als den Bischöfen im prunkvollen Martinsdom machte Franziskus den drei Salesianer-Patern, die sich in dem landesweit für seine desolaten Wohnverhältnisse berüchtigten Ghetto Lunik IX um pastorale Seelsorge ebenso wie soziale Unterstützung und Jugend-Freizeitgestaltung der hier hausenden Roma kümmern. Aus der Mehrheitsbevölkerung schlage oft nicht nur den Roma selbst Hass entgegen, erzählt Peter Besenyei, der Leiter der Gruppe. Auch Menschen, die sich so wie sie um die Roma kümmerten, würden oftmals angefeindet. Und dann macht er kurz eine Pause, bevor er mit sichtlich bewegter Stimme fortsetzt: Natürlich sehe er nicht nur sich selbst, sondern alle, die sich um die Ausgegrenzten kümmerten, „durch diese große Geste des Papstes belohnt“.

Und natürlich hoffe er, dass der Besuch des Papstes auch von der Mehrheitsbevölkerung als Signal aufgefasst werde, dieser Minderheit mit „weniger Intoleranz und Diskriminierung“ zu begegnen. Das Gespräch mit ihm am Tag vor der Ankunft des Papstes in Lunik IX ist phasenweise schwierig zu führen, weil wir direkt neben den beiden Tribünen stehen, auf denen die Generalprobe für den Papstbesuch läuft, zu dem wir eingeladen sind. Es herrscht Volksfeststimmung schon am Tag davor. Nonnen und junge Menschen applaudieren und wiegen sich vor der Bühne im Rhythmus der Musik, klatschen immer wieder Beifall. Dann dirigiert ein Moderator humorvoll, aber bestimmt, eine kleine Gruppe von Roma-Jugendlichen, die Schlüsselszenen einer mit Musik untermalten Vorführung nochmals durchzuproben, damit sie auch wirklich sitzen.

Mit den zuvorderst stehenden Zuschauern übt er gleich auch schon den Liedtext, den dann in Anwesenheit des Papstes das ganze Publikum zumindest als Refrain mitsingen soll. Der Inhalt kurz gefasst: Die Roma wurden in der Geschichte immer wieder von schwerem Leid getroffen, aber sie haben alles ertragen und überstanden dank ihres starken Glaubens an Gott. Der Besuch in Lunik IX dürfte aber nicht der einzige Problem-Termin für die slowakische Amtskirche gewesen sein. Auch beim Holocaust-Mahnmal in Bratislava fand der Oberhirte klare Worte der Verurteilung von Antisemitismus und Rassismus.

In einer gemeinsamen Zeremonie mit Vertretern der jüdischen Gemeinde der Slowakei erklärte er: „Wie viele Unterdrücker haben verkündet: Gott ist mit uns! Doch dabei waren sie nicht mit Gott.“ Die slowakische Bischofskonferenz dagegen verschwieg sogar im Handbuch, das sie anlässlich des Papstbesuchs unter anderem an ausländische Journalisten verteilte, im historischen Abriss über die Geschichte der Kirche in der Slowakei, dass 1939-1945 der Klerus eng mit der von NS-Deutschland installierten Diktatur unter dem katholischen Priester Jozef Tiso kollaborierte.