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Zweites Triell: Die Attacken nehmen zu

13.09.2021 • 11:52 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Die drei Kanzlerkandidaten, Scholz, Baerbock, Laschet (r.)
Die drei Kanzlerkandidaten, Scholz, Baerbock, Laschet (r.) AFP

Bundestagswahl im zweiten TV-Triell in ARD und ZDF.

Prolog oder die politische Großwetterlage: Gerumst hat es gleich zu Beginn, aber der Radau kam nur aus der Studiendeko beim zweiten TV-Triell zur Bundestagswahl am Sonntag in ARD und ZDF. Schon am Wochenende zuvor war der Ton im Wahlkampf rauer geworden. Doch trotz der Jubel-Bayern und Attacken auf dem CSU-Parteitag am Vortag, der Sonntag fängt nicht gut an für Armin Laschet und die Union. Die „Bild am Sonntag“ veröffentlicht am Morgen der Debatte neue Erhebungen für die Bundestagswahl am 26. September in Deutschland. Die SPD legt um einen Punkt zu auf 26 Prozent, die Union verharrt bei historisch niedrigen 20 Prozent, die Grünen bei 15 Prozent. Zwei Wochen vor der Wahl pegeln sich die Umfragewerte ein. Einzig die Koalitionsüberlegungen scheinen die Taktischen unter den Wählern noch zu beeinflussen. Ein Blick auf das zweite TV-Triell.

Unions-Kandidat Armin Laschet: Verzweifelte Attacken

Die Ausgangslage ist klar: Der Unions-Kandidat steht unter Druck. Er muss aus der Defensive kommen. Noch vor dem Auftritt am Abend hatte CSU-Chef Markus Söder die Lage noch verschärft und eine Trendwende gefordert: „Wenn es noch eine Chance gibt, dann am Wochenende“, so Söder. Wie ein Vertrauensbeweis klingt das nicht.

Laschet geht gleich zu Beginn auf Angriff und thematisiert Finanzskandale. Im Fall des insolventen Dienstleisters Wirecard hält er Scholz‘ Ministerium mangelnde Aufsicht vor, im Cum-Ex-Skandal um Divdidendenbetrug und Steuergeschenke thematisiert er Treffen des früheren Hamburger Bürgermeisters mit einem Banker und Laschet bringt im Fall von Geldwäsche-Ermittlungen Hausdurchsuchungen im Finanzministerium zur Sprache („Schönrednerei“). Aber den entscheidenden Angriff zu diesem Thema fährt Annalena Baerbock: Sie will von Scholz wissen, ob er gesperrte Akten seines Hauses zu den Finanzskandalen offenlegt. Scholz gerät erstmals in Bedrängnis. Die Moderatoren kommen dem leicht Wankenden zur Hilfe und wechseln mit Blick auf die Uhr das Thema. Die Zeit spielt für Scholz. Er hat das Brenzligste an diesem Abend überstanden. Laschets weitere Attacken verpuffen.

Fazit: Die Wende sieht anders aus. Zwanzig Prozent plus X in den Umfragen – das ist kein Maßstab für die Union. Sieger werden gefeiert, Verlierer aber gern mal geopfert. Armin Laschet kämpft nicht nur um den Erfolg am 26. September, er kämpft längst um sein politisches Überleben.

Annalena Baerbock: Befreit Aufspielen mit Details

Die Ausgangslage ist auch hier eindeutig: Annalena Baerbock muss sich beweisen. Mit großen Hoffnungen auf einen Überraschungssieg waren die Grünen gestartet, jetzt wird es am Wahltag wohl Rang 3 werden. Einigen Beobachtern schien das schon vorher plausibel, aber nach frühen Patzern muss die Kandidatin nun doch ihre Qualitäten unterstreichen – auch parteiintern: Schließlich werden nach der Wahl noch einige Ämter vergeben. Deshalb gilt es vor der Fehler- und Wahlanalyse schon mal mit dem (voraussichtlich) besten Ergebnis in der Geschichte der Grünen zu punkten.

Der Auftritt: Baerbock zeigt, warum sich die Grünen für sie entschieden haben und dass es nicht allein die „Frauenkarte“ war, der ihr im internen Kandidatenkampf den Erfolg brachte, wie der Unterlegene Co-Parteichef Robert Habeck glauben machen will. Mit ihrer Liebe zu Details kommt Baerbock der scheidenden Kanzlerin Angela Merkel wohl am nächsten. Auch an ihren westfälischen Akzent, der die Vokale weit in die Länge zieht („vor O-rt“, der Bundestag als „H-erzstück der Demokratie“) haben sich die Deutschen inzwischen gewöhnt. Mag der leicht dozierende Unterton auch manche verstören, Baerbock kennt sich aus. Selbstverständlich beim Klima („Wir verfehlen unsere Klimaziele. Wir müssen früher aus der Kohle raus, nämlich 2030.“), selbstverständlich in der Außenpolitik („Wir brauchen mehr Europa.“), selbstverständlich im Alltag von Familien. „Meine Kinder, alle Kinder in diesem Land müssen sich zwei- bis dreimal in der Woche testen“, sagt sie zur Debatte um Corona-Tests. Die Kinder werden gern und geschickt betont. Barbock, 40, zielt auf eine junge Wählergruppe, die eingespannt ist zwischen Beruf und Familie. Manchen in der Großelterngeneration scheint sie wohl dennoch zu jung für das große Amt.

Fazit: Annalena Baerbock wirkt mitunter sehr bemüht, aber gibt sich ungemein schlagfertig. Ohne Zweifel: Die Frau kann was. Und sie will was. Das stellt sie auch im zweiten Triell unter Beweis. Doch wie bei Laschet gilt: Fehler am Start werden selten verziehen.

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz: Die Zeit läuft für ihn

Die Ausgangslage für Olaf Scholz ist entspannt: Er erzielt in den Umfragen die höchsten Popularitätswerte, er hat die SPD aus dem Dauertief nach oben gezogen. Scholz kann den Abend gelassen angehen. Persönliche Attacken, die Laschet startet, schätzen Deutschlands Wähler nicht wirklich. Baerbock gibt an diesem Abend den entscheidenden Hinweis: „Wenn ich das zur Fairness sagen darf. Die Uhr (zur Redezeit) von Herrn Scholz läuft weiter“, sagt sie in eine längere Ausführung der Moderatoren hinein. Das passt. Wie ein in Führung liegendes Team nimmt Scholz nicht nur in dieser Debatte locker die Zeit von der Uhr. Time is on his side – die Zeit läuft für ihn.

„Die Untersuchungen sind zur Unterstützung des Erkenntnisgewinns gemacht worden.“ Punkt. So spricht Olaf Scholz, wenn es um Hausdurchsuchungen in seinem Ministerium geht. Dem SPD-Kandidaten ist eine überragende Umwertung gelungen. Wo er wegen seiner prosaischen Schachtelsätze früher als Scholzomat belächelt wurde, wird er nun für seinen stoischen-präsidialen Stil gelobt. Das muss ein Politiker erstmal schaffen. Scholz gibt sich hanseatisch zurückhaltend, abwartend und gelassen. Für ihn gilt jetzt das Mikado-Prinzip: Nur nicht wackeln, nur keine nicht erzwungenen Fehler machen.

Der Schwachpunkt: Im ersten Triell kamen der Cum-Ex-Skandal um Dividendenbetrug und Steuergeschenke für Banken und die Milliarden-Insolvenz beim Finanzdienstleister Wirecard überhaupt nicht zur Sprache. Gut für den ehemaligen Hamburger Ersten Bürgermeister und amtierenden Bundesfinanzminister. Am Sonntag ist das anders. Scholz schmerzt das. Er lässt bei diesen Themen die übliche Souveränität vermissen. Die Union hat das zu spät erkannt, auch weil sie sich fälschlich auf die Grünen statt auf die SPD als Gegner kaprizierte. Zudem birgt vor allem der Wirecard-Skandal eine Gefahr: Die Firma sitzt in München – und damit auch im Verantwortungsbereich der CSU.

Fazit: Die Attacken werden zunehmen. Und auch die Schärfe im Wahlkampfendspurt. Scholz nimmt die Angriffe gelassen. Die einzigen Gefahrenquellen sind nicht Laschet oder Baerbock, sondern die Finanzunstimmigkeiten unter seinen Zuständigkeiten.

Gesamtbilanz: Noch vierzehn Tage – jetzt hilft nur noch ein Big Point

Der Abend brachte wenig Neues. Er war ein Remake des ersten Triells auf RTL. Die Rollen in diesem Wahlkampf scheinen vergeben. Noch zwei Wochen sind es bis zur Wahl in Deutschland. Und der Trend verfestigt sich – zugunsten von Scholz und der SPD. Viele Briefwähler haben ihre Stimme ohnehin bereits abgegeben. Auch Meinungsforscher weißen darauf hin, dass viele Wähler ihr Meinungsbild schon abgeschlossen haben. Doch ist Vorsicht geboten. Auch 2005 lag Angela Merkel in den Umfragen weit in Front, am Wahlabend aber wurde es knapp gegen Gerhard Schröder. Dem brachte damals die Flut die Trendwende. Auf solch einen Kipppunkt wartet die Union weiter. Ihr hilft jetzt nur noch ein Big Point. Den konnte Armin Laschet im zweiten Triell noch nicht präsentieren. Ihm bleiben noch vierzehn Tage. Die Zeit läuft.