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Das Pontifikat ist im Herbst angekommen

10.09.2021 • 10:03 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Pontifikat ist im Herbst angekommen
Als Papst Franziskus 2013 ins Amt kam, sah es noch nach einem Umsturz in der katholischen Kirche aus.AP (Andrew Medichini)

Der Pontifex ist gesundheitlich angeschlagen.

Die Tür in der Aula „Paul VI.“ öffnet sich. Papst Franziskus betritt den großen Saal im Vatikan, der nur etwas mehr als zur Hälfte gefüllt ist. Ein paar Schritte geht er in Richtung Bühne, wo sein Sessel und das Mikrofon für die Katechese, seine wöchentliche Bibelinterpretation, aufgestellt sind. Franziskus humpelt etwas, wie immer. Vielleicht liegt es am chronisch eingeklemmten Ischiasnerv. Dann bleibt er kurz stehen und winkt in die Menge. Er ist da. Lebendig und im Amt.

Papst war in Lebensgefahr

Mittwochvormittag, Generalaudienz des Papstes im Vatikan. Selbstverständlich ist das, was wie mittwöchliche Vatikan-Routine aussieht, nicht. Franziskus war in Lebensgefahr. Im Juli, vor und während seiner Darmoperation. Das hat das Oberhaupt der katholischen Kirche selbst im Interview mit dem spanischen Radiosender Cope bestätigt. „Wie geht es Ihnen?“, wollte man vom Pontifex wissen. „Ich bin noch am Leben“, antwortete er lächelnd.

„Ich bin noch am Leben.“

Papst Franziskus

Herausfordernder Terminplan

Franziskus reist nun nach Ungarn und in die Slowakei. Am Sonntag liest er die Abschlussmesse des Eucharistischen Kongresses in Budapest. Im November soll er den Klimagipfel in Glasgow besuchen.

Franziskus wird im Dezember 85 Jahre alt. Im März wird sich seine Wahl zum Papst zum neunten Mal jähren. Sein Vorgänger Benedikt XVI. war 85-jährig zurückgetreten, überfordert vom Amt und den Skandalen. Es sollte ein Neuer kommen, der aufräumt, der der Vetternwirtschaft ein Ende bereitet. Die Kardinäle wählten den Outsider Jorge Mario Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires, er nannte sich Franziskus. Das war der Beginn der Revolution, auf die viele von der Kirche Enttäuschte hofften. Es blieb ein Revolutiönchen. Heute verströmt der einstige Außenseiter eine gewisse Schwere, die wohl Amt und Alter mit sich bringen. Mitunter hat man den Eindruck, das voller Elan begonnene Pontifikat tröpfele langsam aus.

Die sichtbarsten Abnutzungserscheinungen sind physisch. Über Gerüchte, er beschäftige sich mit seinem vorzeitigen Rücktritt, sagt Franziskus: „Mir ging das nie durch den Kopf.“ Er bezog sich auf die immer häufigeren Spekulationen um ein bevorstehendes Konklave, die Papstwahl, die eigentlich erst beim Tod des Pontifex fällig wird. Oder im Fall des Rücktritts, wie 2013. Die Mailänder Zeitung „Libero“ stellte diese Option ob der unklaren Gesundheit des Papstes als wahrscheinlich dar. „Franziskus hat in den vergangenen Wochen, halb scherzhaft, halb im Ernst, gesagt, dass es 2022 einen neuen Papst geben könnte“, war zu lesen. „Immer wenn ein Papst krank ist, gibt es Gerüchte um ein Konklave“, sagt Franziskus.

Der Papst hat nun, wie er selbst berichtete, einen verkürzten Darm, er nimmt Medikamente in Folge der Operation. „Aber ich esse wieder alles“, teilte er mit. Der Buchautor und Vatikan-Journalist Marco Politi schreibt vom „Herbst des Pontifikats“. In Rom wird schon über das Erbe Bergoglios debattiert.

Gesten sind in Erinnerung, viele milde Worte wie die über die Frage nach dem Umgang der Kirche mit Homosexualität („Wer bin ich, zu urteilen?“). Es begann mit den Familiensynoden, an deren Ende in Ausnahmefällen die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten stand: eine kleine kopernikanische Wende. Franziskus hat den Klimaschutz mit der Enzyklika „Laudato si“ auf die Agenda der Kirche gehoben, er hat den Dialog mit dem Islam voranzubringen versucht. Alles irgendwie besonders und ungenügend zugleich. Das Thema des sexuellen Missbrauchs in der Kirche ist nicht gelöst, wie etwa die Vorgänge im Erzbistum Köln nahelegen.

„Prozesse in Gang setzen“

„Was will Franziskus?“, fragen sich viele. „Prozesse in Gang setzen“, schrieb er in seinem „Evangelii Gaudium“. Die größten Fortschritte hat der Papst wahrscheinlich im Vatikan selbst vorzuweisen: Die Neuordnung der Finanzen und der Kampf gegen Korruption tragen Früchte. Demnächst erscheint die apostolische Verfassung „Praedicate Evangelium“, die vatikaninterne Veränderungen festschreibt. Und doch sieht sein Erbe auf den ersten Blick nach Stückwerk aus. Wie nachhaltig die eingeleiteten Entwicklungen sein werden, kann wohl erst nach seiner Zeit festgestellt werden.

Nun muss Franziskus konkrete Aufgaben bewältigen: Bald will er zu einer viertägigen Reise nach Ungarn und in die Slowakei aufbrechen (siehe Faktenbox). Er wird seine Kräfte dosieren müssen.