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„Müssen Ungeimpfte schützen“

09.09.2021 • 18:13 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne).
Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne). (c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein verteidigt die Maßnahmen.

Welche Maske setzen Sie auf, wenn Sie Schuhe kaufen gehen?
Wolfgang Mückstein:
Ich setzte mir eine FFP2-Maske auf. Die ist nun einmal sicherer, als ein Mund-Nasen-Schutz, weil man nicht nur andere damit schützt, sondern auch sich selbst.

Sie müssten aber keine FFP2-Maske tragen, weil Sie geimpft sind. Ungeimpfte sind ab nächster Woche dazu verpflichtet. Aber weder die Polizei noch Handel sehen sich im Stande, das zu kontrollieren. Was bringt diese Regel?
Mückstein: In der vierten Welle müssen wir die Ungeimpften schützen. Es wird stichprobenartige kontrolliert werden. Von den Gesundheitsbehörden, den Bezirksverwaltungsbehörden, auch von der Polizei. Wir werden die Kontrollen noch einmal verstärken und auch die Kontrollore besser kontrollieren. Das ist wie bei einer 30er-Zone: Da kann man auch schneller fahren und andere gefährden. Auch dort wird nur stichprobenartig kontrolliert.

30er-Zonen gelten aber für alle, nicht nur für manche Autos. Warum nicht gleich eine FFP2-Maskenpflicht für alle?
Mückstein: Abhängig von den Intensivkapazitäten gibt es Einschränkungen in bestimmten Settings. Je schlechter die Lage, desto mehr Bereiche wird das betreffen. Wir müssen die Übertragung des Virus einschränken. Und die geht vor allem von Ungeimpften aus. Dieser Logik folgt auch die Regelung im Handel.

War die FFP2-Maske ein Teil Ihres Planes, den Sie dem Bundeskanzler vorgelegt haben?
Mückstein: Mein Plan wurde politisch besprochen und mit den Landeshauptleuten akkordiert. Die Maßnahmen sind das Ergebnis eines politischen Prozesses, und stoßen bei den Entscheidungsträgern auf eine sehr breite Zustimmung. Das ist wichtig: Solche Maßnahmen machen nur Sinn, wenn sie von einer breiten Basis mitgetragen werden.

Sie haben auch laut darüber nachgedacht, dass es ab einer gewissen Auslastung auf den Intensivstationen für ungeimpfte Personen Zutrittsbeschränkungen in der Gastronomie geben soll. Das findet sich im Stufenplan nicht wieder.
Mückstein:
Warum? Es gibt in der zweiten Stufe eine 2G-Regel für alle möglichen Settings, von sämtlichen Zusammenkünften ohne zugewiesene Sitzplätze bis hin zur Nachtgastronomie.

In der Gastronomie gilt aber weiterhin eine 3G-Regel. In der höchsten Stufe müssen Ungeimpfte dann halt einen PCR-Test vorweisen.
Mückstein:
Das stimmt. Diese Möglichkeit lassen wir in der dritten Stufe derzeit noch zu.

Noch? Heißt das, dass nur mehr Geimpfte und Genesene ins Wirtshaus dürfen, wenn noch mehr Menschen auf den Intensivstationen liegen?
Mückstein: Ich schließe das nicht aus. Die nächsten Wochen haben wir mit den drei Stufen – 200, 300 oder 400 mit COVID-19-Patienten belegte Intensivbetten – gut skizziert. Aber niemand kann Ihnen sagen, wie gut die Maßnahmen greifen, wie sehr die Impfquote steigt und wie die epidemiologische Lage in sechs Wochen ausschauen wird. Die Regeln jetzt machen schon allen, die nicht geimpft sind, klar: Sie müssen besser geschützt werden und daher FFP2-Masken tragen. Und sie müssen – je nach Lage – in Hochrisikosettings mit Zugangsbeschränkungen rechnen. Und, ja: Bei 25 Prozent Auslastung auf den Intensivstationen wird es weitere Maßnahmen geben müssen.

Von der 1G-Variante sind Sie ganz abgekommen. Ist es medizinisch vertretbar, Genesene mit Geimpften gleich zu setzen?
Mückstein:
Ja. Genesene sind eine sehr inhomogene Gruppe. Etwa die Hälfte von ihnen ist bereits geimpft. Bis zu sechs Monaten nach einer Genesung können wir von einem recht sicheren Infektionsschutz ausgehen. Das ist wie eine natürliche erste Impfung. Nach sechs Monaten ist der Infektionsschutz nicht mehr so sicher. Dann muss der mit einer Impfung aufgefrischt werden.

Wird die Grüner-Pass-App schon ab 15. September an den Stufenplan angepasst?
Mückstein: Ja. Auch, als in Wien die Regelungen verschärft hat, hat das schnell funktioniert.

Die Slowakei impft Kinder ab fünf. Wann startet das in Österreich?
Mückstein: Wir beobachten die Lage ganz genau. Für 0 bis 11-Jährige erwarten wir eine Impfung bis zum Jahresende, hoffentlich ein bisschen früher. Derzeit muss unser Ziel sein, die Kinder, die sich nicht impfen lassen können – das sind immerhin elf Prozent der Bevölkerung – zu schützen. Das geht am besten, wenn möglichst viele andere geimpft sind.

Zum Schulstart sind 80 Prozent der Lehrer geimpft. Was sagen Sie dazu? Mückstein: Mehr wären mir natürlich lieber. Kinder sind einem Infektionsgeschehen ausgesetzt, das wir alle mitgestalten.

Der Bundeskanzler sagt, ab einer Durchimpfung von 80 Prozent können wir uns alle Maßnahmen sparen. Stimmt das?
Mückstein: Ich bin vorsichtig. Wir setzten Maßnahmen, um die Infektionszahlen zu reduzieren und die Durchimpfungsrate zu steigern. Niemand kann ausschließen, dass nicht noch einmal eine besorgniserregende neue Variante kommt. Die Beschäftigung mit dem Virus wird uns jedenfalls bleiben. Es wird über die Jahre etwas werden, was der Mensch kennt. Ältere werden dann jedes Jahr geimpft werden müssen, wie bei der Grippe. Bis es so weit ist, müssen wir möglichst rasch viele Menschen impfen.

Ist es in Österreich noch zu bequem, nicht geimpft zu sein?
Mückstein: Fest steht: Wir müssen die Kosten der Tests zunehmend rechtfertigen vor einer zunehmend geschützten Bevölkerung.

Testen soll also nicht gratis bleiben?
Mückstein: Wir besprechen das gerade intensiv. Ich kann keinen Zeithorizont nennen, aber: Der Kostendruck steigt.