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Das Auto sucht seine Rolle in der Gesellschaft

07.09.2021 • 10:21 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
VW-Markenchef Ralf Brandstätter mit dem Showcar ID Life
VW-Markenchef Ralf Brandstätter mit dem Showcar ID Life AFP (CHRISTOF STACHE)

Bei der „IAA Mobility“ München sind mehr Fahrrad- als Autohersteller.

Heute wird sie eröffnet, die IAA Mobility in München. Der alte Sehnsuchtsort Frankfurt, wo die Autobranche die Riesenshows der letzten Jahrzehnte feierte, samt ihrer Selbstinszenierung – alles passé. Die Zeiten, in denen beispielsweise Mercedes die Ausstellungsflächen im Guggenheim-Museumsstil um Millionen aufbereitete, sind vorbei. Auch die magische Zahl von einer Million Besuchern ist Vergangenheit. Innerhalb weniger Jahre sind Begriffe wie PS, Emotionen, Leidenschaft gegen Nachhaltigkeit, Elektrifizierung und Mobilität ausgetauscht worden.

Die neue Bescheidenheit findet ihren Ausdruck in einer völlig neu inszenierten Internationalen Autoshow in München, mit dem Zusatz „Mobility“. Das bedeutet: Die ganze Stadt ist Mobilität, vom Messegelände bis zu einzelnen Plätzen werden große Teile Münchens bespielt.

Das Auto ist Hauptdarsteller und Randnotiz zugleich, die Stände bescheiden. Die großen Player wie VW, Mercedes, BMW oder Hyundai sind vor Ort, aber neue Größen wie Stellantis (Peugeot, Citroën, Opel, Fiat, Alfa, DS, Jeep) haben ihre Teilnahme abgesagt wie japanische Marken oder Volvo. Andere wählen keine klassischen Präsentationen mehr, sondern haben Event-Locations im Zentrum Münchens reserviert. Zehntausende Menschen werden ab heute erwartet, die nicht nur zum Schauen kommen, sondern die unterschiedlichen Mobilitätsformen vom Rad bis zum Scooter und E-Autos auch selbst erfahren wollen.

Trotz Corona, die IAA Mobility ist mit großen Teststraßen und strengen Regeln wohl auch ein Experiment mit offenem Ausgang. Der Begriff Klimaneutralität steht aber über dem großen Ganzen. Die IAA soll die Vernetzung der Mobilitätsanbieter erlebbar machen. Eine sogenannte „Blue Lane“, freigeräumt für die neue Mobilität (automatisierte Shuttles, Räder, E-Scooter zum Testen), zieht sich durch München, und ist Verbindungsweg zu Plätzen und Testgelände.

Autos zum abonnieren und leihen

In München stellen mehr Fahrradhersteller als Autokonzerne ihre Produkte aus, rund 70 sind es. 700 Aussteller sind es insgesamt, darunter Start-ups und IT-Unternehmen, die auf den Mobilitätsmarkt drängen. Mit Software, die das Teilen, das Abonnieren von Autos sowie alle Mobilitätsformen (Rad, Roller, Öffis, Autos) mit Apps vom Handy aus buch- und steuerbar machen soll. Mobilitätsforscherin Ellen Enkel prophezeite: Wer eine Art Amazon der Autos erfindet, der wird den Markt beherrschen. Die großen Hersteller wie VW bauen übrigens gerade Abo-Modelle auf.

Die ersten Stunden, bei den Vorpräsentationen am Rande der IAA Mobility, zeigen das neue Bild deutlich. Bei der Weltpremiere des elektrischen EQE mit einem Hyper-Bildschirm, der die ganze Breite vom Fahrer bis zum Beifahrer einnimmt, sagte etwa Mercedes-Chef Ola Källenius: „Wir sind die ersten, bei denen der Beifahrer einen Film auf seinem eigenen Bildschirm sehen kann.“ Renault-Chef Luca de Meo spricht von einer neuen Universität, die man in einer still gelegten Autofabrik installiert. Ein riesiger Think Tank, der neue Wege finden soll. Etwa alte Verbrennerautos zu elektrifizieren, oder wie man Batterien wieder verwendet.

Volkswagen zeigt auf seiner internen Vor-Messe-Show überhaupt nur ein Auto, den autonomen ID Buzz, der ab 2025 in Hamburg startet. BMW will als Erster seine Autos zur Hälfte aus Recycling-Materialien bauen.

Das Thema Software und Daten ist omnipräsent, es geht um das nächste große Geschäftsmodell. Denn der Autoverkauf wird ein Teil des Geschäfts sein, aber nicht mehr der dominierende. Einerseits will man mit spezieller Software gewisse Funktionen temporär und gegen Entgelt freischalten (Licht- und Service-Funktionen etc.).

E-Autos und Klima

Andere Hersteller wiederum wollen die Daten, die Informationen, die bei jeder Fahrt öffentlich werden, vermarkten. Daten sind die neuen Goldminen. Mit allem, was man über die Autobesitzer erfährt, kann man personalisierte Werbung einspielen. Oder die Autofahrer als Schwarmintelligenz nützen, um etwa Wetterdienste mit Infos aus den Autos (Scheibenwischersensoren etc.) zu speisen, die man verkaufen kann.

Über allem schwebt, dass ab 2035 kein Verbrenner mehr produziert wird. Einige Autohersteller wie der Volkswagenkonzern oder Mercedes überholen mit ihren Ankündigungen sogar die Politik. Klar, nur in der Skalierung der Mengen (Batterien etc.) und mit dem vollständigen Schwenk auf die E-Mobilität sind die Margen der großen Verbrenner-Jahrzehnte zu erzielen.

Aber ohne Milliarden aus öffentlicher Hand, um eine Infrastruktur aufzubauen, wird die Vision einer CO2-freien Mobilität nicht funktionieren. Es geht um die Ladenetze, um Ladeinfrastruktur und wie man ausreichend grünen Strom ohne Atomkraftwerke erzeugt. Für Industrie und Autos.

Trotz aller Bemühungen zur Transformation der Autobranche Richtung E-Auto sehen militante Klimaaktivisten im Auto das Feindbild schlechthin. Sie wollen die „Autoparty blockieren“, die längst keine mehr ist. Die IAA reagiert auf ihre Weise: In öffentlichen Foren sollen Experten neue Mobilitätskonzepte vorstellen und sich Kritikern stellen. Es werden nicht die letzten Diskussionen sein.