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Zwischen Paranoia und biederer Kauzigkeit

04.09.2021 • 12:39 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Alles dreht sich, alles ist mit allem verwachsen: Andreas Beck in "Die Politiker" am Wiener Volkstheater
Alles dreht sich, alles ist mit allem verwachsen: Andreas Beck in „Die Politiker“ am Wiener Volkstheater APA/Volkstheater/Marcel Urlaub

Salat und Sex, Katzen und Hitler: Verbindungen in Wolfram Lotz‘ Gedicht.

Wiens Theatersaison beginnt ein paar Tage früher als gewohnt, man will der nächsten Pandemiewelle wohl noch so viele Premieren wie möglich abtrotzen. Auch am Volkstheater, wo nun am Freitag mit mehr als einem halben Jahr Verspätung die Intendanz des aus Dortmund nach Wien gewechselten Kay Voges ihren Auftakt genommen hat. Der ersten Inszenierung des Hausherrn auf der frisch renovierten Bühne wohnten auch seine Vorgängerin Anna Badora und Wiens langjähriger Burg-Herr Claus Peymann bei.

Gemeinsam mit einem gut gefüllten Auditorium erlebten sie eine Auftaktinszenierung, die klarstellte, dass Voges sicher nicht vorhat, am Volkstheater kleine Brötchen zu backen: Aus Wolfram Lotz‘ „Die Politiker“ baute er Überwältigungstheater mit dröhnenden Live-Sounds und grellen Lichteffekten.

Unterhaltende Sätze

„Die Politiker“ wurde erst im Vorjahr uraufgeführt und seither bereits etliche Male nachgespielt. Zeitgenössischer Dramenliteratur widerfährt das bekanntlich nicht sehr oft, aber Lotz‘ Theatergedicht ist ungewöhnlich: Es unternimmt den Versuch, den dank Politikverdrossenheit, Polarisierung, Radilalisierung, Entsolidarisierung, mangelnder Gespächsbereitschaft ins Stocken geratenen gesellschaftlichen Diskurs wieder in Schwung zu bringen; und dabei lässt Lotz, wie er in einem Podcast auf nachtkritik.de erzählte, nicht etwa Bühnenfiguren miteinander reden, „sondern es unterhalten sich Sätze miteinander, und die Sprache dreht sich weiter.“

Im Volkstheater ist dabei auch die Drehbühne in ständiger Bewegung, mit der Andeutung einer antiken Säulenhalle (Bühne: Michael Siebrock-Serafimowitsch), in der ein 13-köpfiges Ensemble inmitten einer Grandiositätsapparatur aus multiperspektivischen Videoprojektionen (Max Hammel), ohrenbetäubender Live-Musik (Paul Wallfisch) und blitzendem Licht (Paul Grilj) einen hinreißenden Theaterabend formt: aus dem „stream of consciousness“ eines Flächentexts, der zwischen politischem Kommentar, Paranoia und biederer Kauzigkeit oszilliert und dabei Salatsorten und quasisexuelle Überwältigungsphantasien, Hauskatzen und Hitler verquickt. Ein Text wie ein Pilzmyzel, in dem alles mit allem verwachsen ist.

Und ja, das ist insgesamt – gefürchtetes Wort: – herausfordernd, nicht zuletzt durch auszelebrierte Wiederholungslust in knapp eindreiviertel Stunden. Aber es zeigt auch, wie atemberaubend die Textaneignung durch großartige Schauspielerinnen und Schauspieler sein kann. Großartig, mit wieviel Sprachmächtigkeit und Lust hier das neue Volkstheater-Ensemble rund um Andreas Beck, Uwe Schmieder, Samouil Stoyanov, Stefan Suske, Friederike Tiefenbacher, Anke Zillich in der Hexenküche der lotzschen Sprachpoesie die Aromen der Sätze und Silben aufbrät. Und vielleicht avisiert das Volkstheater damit bereits die Menüerweiterung, die das Wiener Theaterleben eh recht dringend braucht.