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Keine Kontrolle über Infektionen schon vor Schulbeginn

03.09.2021 • 12:08 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die vierte Welle ist da, die Frage ist nur, wie hoch sie wird
Die vierte Welle ist da, die Frage ist nur, wie hoch sie wird (c) lvnl – stock.adobe.com

Zahl der Neuinfektionen und Spitalspatienten steigt.

Die Diskussion, ob wir in eine vierte Welle geraten, ist zu Ende. Österreich befindet sich mittendrin. Am Freitag wurden etwas über 1700 Neuinfektionen gemeldet, auch die Belagszahlen in den Krankenhäusern nehmen zu. Nun stellt sich die Frage: Wie hoch wird die Welle?

Es ist eine Frage, die sich auch Komplexitätsforscher Peter Klimek (Science Hub Vienna) stellt. „Es ist möglich, dass wir bei den Neuinfektionen im Laufe des Herbstes Rekordwerte verzeichnen“, sagt er im Gespräch mit der Redaktion. Denn im Moment sei eine ungünstige Entwicklung zu beobachten. Die Impfrate stagniert und auch die Bereitschaft sich an die Hygienemaßnahmen zu halten.

„Aufgrund der Impfungen können wir eine höhere Anzahl an Neuinfektionen als vor einem Jahr aushalten“, zieht Klimek einen Vergleich zum Jahr 2020. Er fügt aber ein Aber hinzu. Und dieses bezieht sich auf die Delta-Variante. Mittlerweile ist bekannt, dass diese ansteckender ist, als etwa die Alpha-Variante von Sars-CoV-2. Die Basisreproduktionszahl liegt bei Delta bei acht. Das bedeutet, dass eine infizierte Person bis zu acht weitere anstecken kann. Zum Vergleich: Bei der Alpha-Variante lag der R0-Wert bei 3 bis 4.

Noch unklar: Delta und die schweren Verläufe

„Es ist noch nicht abschließend geklärt, ob Delta auch mehr schwere Verläufe verursacht“, sagt Klimek. Aus diesem Grund, ist es auch schwer vorherzusagen, wie genau sich die Situation auf den Intensivstationen entwickeln wird. Steigen die Zahlen aber weiter wie zuletzt, „könnten auch die Intensivstationen wieder in die Knie gezwungen werden.“

Klimek sieht grundsätzlich drei Methoden, der vierten Welle zu begegnen. Die Impfrate massiv zu erhöhen, noch stärker auf Schutzmaßnahmen zu setzen oder eine natürliche Durchseuchung. Werden keine weiteren Maßnahmen zu den bestehenden gesetzt, wird es über kurz oder lange auf die dritte Variante hinauslaufen. „Die vierte Welle wird dann eine veritable Welle, die dann aber abflacht, weil das Virus nicht mehr so viel Holz zu verbrennen hat.“ Übersetzt bedeutet das, dass sich all jene, die noch nicht geimpft sind, früher oder später infizieren werden. „Das wäre dann das Pandemieende durch natürliche Immunisierung.“

Allerdings mit nicht abzuschätzenden Folgen, denn es wird Menschen geben, die an dem Virus versterben und es wird Menschen geben, die an Long Covid erkranken werden. Wie viele das sein werden, kann man zuvor nicht beziffern. Zudem wird es natürlich jene Gruppen treffen, die eben noch keinen Impfschutz haben. Und das sind vor allem jüngere Menschen und Kinder.

Um die vierte Welle sich nicht zu massiv aufbauen zu lassen, meint Klimek: „Es sollte eher früher als später wieder auf Masken und Abstand gesetzt werden, auch um das Risikobewusstsein wieder zu erhöhen.“ Auch bei der 3G-Regel solle man nachschärfen. Denn die meisten Ansteckungen würden aktuell im privaten Bereich stattfinden, „da hilft auch die 3G-Regel nicht.“ Die Bundesregierung will übrigens kommenden Mittwoch über weitere Maßnahmen beraten.

Die Auswirkungen des Schulstarts

Zu diesem Zeitpunkt wird das Schuljahr in Ostösterreich schon begonnen haben. Die Tests sieht Klimek als sinnvoll an, er rechnet aber nicht damit, dass diese nach der dreiwöchigen Sicherheitsphase auslaufen werden. „Die Inzidenz wird zu hoch sein, um auf das Testen verzichten zu können.“ Wichtig sei aber auch, die Isolierung und das Contact Tracing nach einem positiven Test konsequent durchzuführen, um Infektionsketten zu durchbrechen.

Die effektivste Vorsorge für einen gesicherten Schulbetrieb sei aber ohnehin die Impfung, und zwar beim Lehrpersonal und bei Eltern. „Diese haben es selbst in der Hand, Verantwortung zu übernehmen und ihre Kinder, die sich nicht impfen lassen können, zu schützen.“ Denn wenn etwa die Eltern geimpft sind, können Kinder eine etwaige Ansteckung aus der Schule nicht mehr in die Haushalte tragen.

Durch die Rückkehr der Kinder an die Schulen wird es auch einen Anstieg in den Zahlen geben, man dürfe den Anstieg dann aber nicht auf den Schulbeginn schieben, „denn wir haben das Infektionsgeschehen auch jetzt, ohne Schule, nicht unter Kontrolle.“

Was wäre, wenn 100 Prozent geimpft wären?

Fakt ist, je mehr Menschen geimpft sind, desto weniger kann das Virus in der Gesellschaft zirkulieren. Wären 100 Prozent der impfbaren Bevölkerung immunisiert, würde der Basisreproduktionswert unter 0 liegen. Was bedeuten würde, dass sich durch den Impfschutz keine Welle mehr aufbauen könnte. Zugleich würde bei Geimpften mit Impfdurchbrüchen, die Viruslast schneller wieder abnehmen. „So können sich auch weniger Mutationen bilden.“ Wie sehr uns Mutationen in Bedrängnis bringen können, zeigt die Delta-Variante. Denn sie ist derart infektiös, dass, würde sie auf eine ungeimpfte Population treffen, auch ein Lockdown sehr wenig ausrichten könnte.