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Das sind Europas Musterschüler und Sorgenkinder

02.09.2021 • 11:43 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Das sind Europas Musterschüler und Sorgenkinder
Deutschland hat bei den Impfquoten im Vergleich zu Österreich derzeit die Nase vorne.AFP

Europa ist zwar ein Kontinent – doch bei den Impfungen unterschiedlich unterwegs.

Dass in der EU fast 69 Prozent der Erwachsenen vollständig gegen Corona geimpft sind, brachte nun nicht nur EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zum Jubeln. Immerhin legte man damit eine erfolgreiche Aufholjagd hin – etwa im Vergleich zu den USA, die anfangs mehr Impfdosen zur Verfügung hatten und schneller darin gewesen waren, der Bevölkerung Impfangebote zu machen: Heute liegen sie bei der Immunisierungsrate hinter der EU.

Die Unterschiede innerhalb von Europa sind allerdings enorm, wie unten stehende Auswahl und untenstehende Grafik zeigen (sämtliche Prozentwerte beziehen sich bejeweils auf die erwachsene Bevölkerungsschicht über 18 Jahre): In Bulgarien etwa sind aktuell erst bescheidene 20,1 Prozent der Bevölkerung vollimmunisiert. Demgegenüber steht Irland, das in Europa jüngst vom fernen Island die Führung übernahm und auf knapp 88 Prozent zweifach Geimpfter verweisen kann.

Der EU-Durchschnitt

Der Durchschnitt im EU-Raum lag gestern bei 76,5 Prozent zumindest einmal geimpfter und 68,5 Prozent vollimmunisierter Erwachsener.

Österreich und Deutschland: Problem Delta

Österreich kam bis gestern auf 72,2 einmalig Geimpfte und 68,5 Prozent Vollimmunisierte (jeweils Erwachsene über 18 Jahre) – von Herdenimmunität ist unser Land somit noch weit entfernt. Die Corona-Pandemie wird zunehmend eine Angelegenheit der jüngeren und nicht geimpften Bevölkerung: So ist die Inzidenz bei den ungeimpften unter 18-Jährigen 16-mal höher als bei den geimpften. Bei den 18- bis 59-Jährigen liegt sie knapp sechs Mal höher und bei der Generation 60 plus ist sie immerhin noch mehr als fünf Mal so hoch als bei den immunisierten Menschen in dieser Altersgruppe, so aktuelle Daten der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages).

Deutschland liegt leicht voran: 77,8 Prozent sind einmal geimpft, 72,2 Prozent der erwachsenen Bevölkerung bekamen zwei Stiche. Die vierte Welle der Pandemie wird laut Robert-Koch-Institut vor allem durch Ansteckungen unter jungen Erwachsenen mit der Delta-Variante vorangetrieben.

Italien: Knapp 70 Prozent sind zu wenig

69,2 Prozent der erwachsenen Italiener sind durchgeimpft, knapp 80 Prozent der Erwachsenen bekamen zumindest eine Dosis. Zu wenig für die Regierung in Rom, die eine Quote von 80 Prozent zweifach Geimpfter erreichen will. „Im Moment sind wir bei 70 Prozent, wir müssen die Quote von 80 Prozent überschreiten. Das ist das Mindestziel, um dem Land eine gewisse Sicherheit zu gewährleisten, aber das Optimum wären 90 Prozent“, sagte Walter Ricciardi, ehemaliger Leiter des Höheren Gesundheitsinstituts (ISS) und Berater von Gesundheitsminister Roberto Speranza.

„Wir müssen daher alle Überzeugungsinstrumente einsetzen, wir müssen all diejenigen ansprechen, die noch nicht geimpft sind, indem wir zum Beispiel die Hausärzte stärken, ihre Patienten zu erreichen, die in benachteiligten Gebieten leben oder Angst vor der Impfung haben und einzeln überzeugt werden müssen. Nur so können wir Tausende von Todesfällen vermeiden“, betont Speranza.
Zuletzt wurden vermehrt Expertenstimmen laut, die eine allgemeine Impfpflicht einfordern, sofern bis Mitte September die 80-Prozent-Schwelle nicht erreicht werde. Die Stimmung ist extrem aufgeheizt: Immer häufiger werden jetzt Politiker, Journalisten und Virologen bedroht.

Irland und Island: Europas Nordwesten zeigt es vor

In Irland sollen am 22. Oktober fast alle verbleibenden Corona-Maßnahmen aufgehoben werden – darauf verständigte sich jüngst das Kabinett des EU-Mitgliedstaates. Voraussetzung ist, dass bis dahin 90 Prozent der Erwachsenen vollständig gegen das Virus geimpft sind und die Zahl der Neuinfektionen stabil bleibt. Das Land im Nordwesten von Europa ist auf einem guten Weg dorthin: 87,7 Prozent sind zweifach geimpft, 91,4 Prozent der Erwachsenen haben bis gestern zumindest eine Dosis eines Coronavakzins erhalten. Vom 6. September an sind mehr Teilnehmer bei Veranstaltungen erlaubt. Bei religiösen Zeremonien können bis zu 50 Prozent der Plätze besetzt werden. Allerdings bleibt Maskenpflicht in Gesundheitseinrichtungen sowie in Geschäften und im öffentlichen Nahverkehr.

Irland löste nun Island an der positiven Spitze ab: Mit 91,2 Prozent (eine Dosis) und 86,5 Prozent (vollimmunisiert) der Menschen über 18 Jahre lag die Insel mit ihren 361.000 Einwohnern voran – auch aufgrund der extrem isolierten Lage mitten im Nordatlantik. „Die Welt ist durch eine Menge gegangen, und wir hoffen alle auf eine langsame und sichere Rückkehr zur Normalität“, nahm Islands Premierministerin Katrín Jakobsdóttir nicht zuletzt Bezug auf den Tourismus, von dem ihr Land stark abhängig ist. Trotzdem gelten für Island weiter relativ strenge Einreiseregeln.

Frankreich: Ein Land, das sich gemausert hat

Über 50 Millionen erwachsene Franzosen sind mittlerweile geimpft – das entsprechende von der Regierung bis zum Sommerende gesteckte Ziel wurde damit vorzeitig erreicht. Das wichtige EU-Land holte gerade während der letzten Wochen stark auf (91,4 Prozent der erwachsenen Bevölkerung bekamen eine Dosis, 75,2 Prozent zwei Impfungen): Noch im vergangenen Dezember hatten nur 40 Prozent der Franzosen in einer Umfrage gesagt, dass sie nicht zögern würden, sich impfen zu lassen. Mitte Juli hatte Staatspräsident Emmanuel Macron den Druck auf die nicht geimpfte Bevölkerung erhöht. Für Gesundheits- und Pflegekräfte, Feuerwehrleute und Rettungskräfte wurde Impfpflicht eingeführt. Auch ein Gesundheitspass zeigte Wirkung.


Auf der anderen Seite war das vergangene Wochenende das bereits siebente in Folge mit Massenprotesten gegen die offizielle Corona-Politik.

Bulgarien und Rumänien: Weit abgeschlagenes Duo

Als EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen „Wir müssen bei den Impfraten dringend die besorgniserregende Lücke zwischen unseren Mitgliedstaaten schließen!“ einmahnte, hatte sie nicht zuletzt Bulgarien und Rumänien im Auge: Diese beiden EU-Länder haben weiterhin desaströse Impfquoten. In Rumänien bekamen knapp 33 Prozent der Über-18-Jährigen eine Dosis, weniger als 32 Prozent sind mit Stichtag 1. September 2021 vollimmunisiert.

Noch dramatischer die Lage in Bulgarien, das mitten in seiner vierten Ansteckungswelle steckt: Gerade einmal 22 Prozent der über 18-Jährigen wurden einmal, etwas über 20 Prozent zweifach geimpft. Wegen der anhaltenden politischen Krise in Bulgarien konnte der EU-Kommission bislang auch noch kein Corona-Wiederaufbauplan vorgelegt werden. Zum Vergleich: Der Durchschnitt im EU-Raum lag gestern bei 76,5 Prozent zumindest einmal geimpfter und 68,5 Prozent vollimmunisierter Erwachsener.